Mazda MX-5 Superlight im Fahrbericht: Radikaler Roadster mit behaarter Brust

Mazda MX-5 Superlight

Beinahe wäre in Vergessenheit geraten, dass der Mazda MX-5 ein echter Kerl ist. In der bislang einmaligen Superlight-Version entblößt der kleine Roadster seine behaarte Brust.

Rechtzeitig bevor sich die Männerwelt an den Begriff "Metrosexualität" und seine merkwürdigen Ausprägungen gewöhnen konnte, befindet er sich glücklicherweise wieder im Rückzug. Von David Beckham spricht kaum noch jemand, die Tunten-Guerilla-Komödie "Brüno" floppte an den Kinokassen - und der Mazda MX-5 versucht, sein ihm spätestens seit der zweiten Generation anhaftendes Frauenversteher-Image abzustreifen. Dazu wurde der Roadster zu seinem 20. Geburtstag auf strenge Diät gesetzt und zum leichten Muskelaufbau ins Fitnessstudio geschickt.

Mazda MX-5 Superlight: Roadster mit 126 PS starker Basismotorisierung

Zum Abarbeiten des Trainingsplans fand sich ein völlig harmloser Roadster mit der 126 PS starken Basismotorisierung im Mazda-Designcenter in Oberursel ein. Dort verlor er unter anderem seine Windschutzscheibe, das Faltdach, sämtliche Innenverkleidungen und Dämmmatten sowie die komplette Belüftungsanlage. Stattdessen wurde ein Überrollkäfig eingeschraubt, der sich von den vorderen Enden der Schweller durch den Innenraum windet und in zwei Bügeln hinter den leichten Schalensitzen endet. Zugleich dient die Edelstahlkonstruktion als Ankerpunkt für die Vierpunkt-Gurte.

Kipp- und Drückschalter ersetzen den banalen Zündschlüssel

Darin festgezurrt bleibt gerade noch genügend Bewegungsfreiheit, um das Startprozedere einzuleiten. Denn dort, wo einst das Radio in einer üppigen Armaturenlandschaft aus Kunststoff steckte, fordern nun in Kohlefaser gebettete Kipp- und Drückschalter zum launigen Klick-Klick-Klack-Spiel, das den banalen Zündschlüssel ersetzt. Der rechte Kippschalter befiehlt der Benzinpumpe Arbeit, der linke schließt den Stromkreislauf, und ein Druck auf den Startknopf holt den Vierzylinder aus dem Schönheitsschlaf - was jedoch mehr nach dem schweren Erwachen nach einem harten Abend mit den Jungs klingt. Völlig ungewohnt für den nicht eben kraftstrotzenden 1,8-Liter-Motor grollt es tief aus den dicken Endrohren.

Diverse Maßnahmen verhelfen dem Mazda-Triebwerk zu rund 140 PS

Ein Tapser Gas im Leerlauf bestätigt: Dieses Exemplar hat mit Bourbon gegurgelt, zu Motörhead Karaoke gesungen und seine Lieblings-Fußballmannschaft zum Sieg gegrölt. Das lässt Rückschlüsse auf das Dämmmaterial zu, das in der aus dem US-Zubehörprogramm der Marke entnommenen Anlage verblieben ist - nämlich keines. Aus dem Mazda-Speed-Angebot stammt ebenfalls der Luftsammler samt -filter, der hinter dem vergitterten Haifischmaul durchschimmert. Diese Maßnahmen verhelfen dem Triebwerk zu rund 140 PS - inoffiziell zumindest - und den EU-Homologationsbeamten zu Albträumen.

Mazda MX-5 Superlight: Der Pilot hockt fast auf der Hinterachse

Während es also von hinten brummelt und spratzelt, schlürft es von vorne. Mittendrin hockt der Pilot - Mazda MX-5-typisch - mit dem Allerwertesten fast direkt auf der Hinterachse, denkt "Mist, ich hab meine Mütze vergessen" - und hört, wie das Gaspedal mit einem Klack das Bodenblech erreicht. Bis zum ersten, gewohnt knackigen Gangwechsel erfrischt der Fahrtwind noch angenehm, ab dem zweiten schiebt er die Mundwinkel unverrückbar nach hinten, und nach dem dritten sind weitere, dauerhafte Deformationen der Gesichtshaut nicht mehr völlig auszuschließen.

Der Mazda MX-5 Superlight wiegt rund 100 Kilogramm weniger als die Basis

Objektiv lässt die Beschleunigung von null auf 100 km/h, die der Hersteller mit 8,9 Sekunden angibt, allerdings niemand in Ohnmacht fallen. Schließlich wiegt der Superlight noch immer 975 Kilogramm, rund 100 weniger als die Basis. Subjektiv können jedoch weder ein Lotus Elise noch ein Honda S 2000 mit dem Mazda mithalten. Die voll einsatzfähige Studie bietet ohne Frontscheibe und Seitenspiegel ein Fahrgefühl wie ein kleines, kräftiges Motorboot - und sie federt auch genau so.

Mazda MX-5 Superlight: Bremsanlage stammt aus dem Motorsport

Das mit Bilstein- und Eibach-Komponenten aufgemöbelte Fahrwerk will zwar Kurven bezwingen, aber Bodenwellen ignorieren. Beides gelingt dem Superlight wirklich gut; sollen sich doch Augenbrauenzupfer weiter an der stärkeren Seitenneigung der Serienversionen erfreuen. Auch die aus dem Rennsport stammende Bremsanlage hält von Kompromissen nicht viel. Mit lautem Quietschen macht sie deutlich, dass sie entweder getreten oder in Ruhe gelassen werden möchte. Die sehr direkte Lenkung und das Fünfgang-Schaltgetriebe entsprechen dagegen dem Stand der Großserie.

In ihrem neuen, radikalen Umfeld verdeutlichen sie, wie viel echter, kerniger Roadster in jedem Mazda MX-5 steckt. Die Superlight-Version versteht sich als hochprozentiges Destillat dieser Talente - von dem derzeit leider keine Großabfüllung in Sicht, aber immerhin auch nicht ausgeschlossen ist. Männer, geduldet euch also noch ein bisschen.

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Jens Dralle

Autor:

auto motor und sport, Heft 22 / 2009

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