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Mercedes 300 SL und SLS AMG Black Series

Zwei Stars im Big Apple

Mercedes 300 SL, Mercedes SLS AMG Black Series, New York, Impression Foto: Mercedes 21 Bilder

Vor 60 Jahren feierte der Mercedes 300 SL in New York Weltpremiere. Dort trifft er heute auf den SLS AMG, der sich allmählich in den Ruhestand verabschiedet – und beide sorgen in jener Metropole, die für sich in Anspruch nimmt, schon alles gesehen zu haben, für ordentlich Aufruhr.

07.08.2014 Jens Dralle

Für einen Moment ebbt das Grundrauschen dieser hektischen Stadt ab, ein bisschen zumindest. Jenes Grundrauschen, das sich tagtäglich durch die Straßenschluchten Manhattans spült, an den glatten Fassaden der Hochhäuser bricht und die Metro flutet. Jetzt biegt ein Mercedes SLS AMG Black Series um die Ecke, ein 300 SL, Baujahr 1955, folgt. Als ihre Flügeltüren nach oben schwingen, drehen sich alle Passanten um – wirklich alle –, und sogar Taxifahrer zucken zurück, nehmen den Daumen von der Hupe. Selbst hier, wo üppige Lofts für dreistellige Millionenbeträge vertickt werden, nehmen die deutschen Sportwagen eine Ausnahmestellung ein.

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Impression New York Mercedes 300 SL und SLS AMG Black Series
auto motor und sport 15/2014
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Sie erscheinen überirdisch, im wahren Wortsinn, denn die zahlreichen Luxuskarossen wohlhabender New Yorker parken in Tiefgaragen und werden nur bei Dunkelheit ausgeführt – oder gleich drüben in New Jersey. Von dort stammt auch der 300 SL, aus privater Hand, einer, die die üppigen Chromstoßstangen abschrauben ließ, der sportlichen Optik wegen. Im Jahr vor der Geburtsstunde dieses Exemplars enthüllte Mercedes den exaltierten Zweisitzer auf der New York International Auto Show. Schon damals dämpfte er das Grundrauschen der unsteten Metropole, wenn auch nur kurz, da bereits einige der potenziellen Kunden maulten, dass ein Roadster eigentlich viel attraktiver wäre. Sie sollten ihn 1957 bekommen.

Der Wunsch erscheint verständlich, der Einstieg in den W198 über die hohen Schweller gelingt nur mühsam, das nicht abklappbare, zeitgenössische Zubehörlenkrad vereinfacht die Prozedur nun auch nicht gerade. Unter der langen Motorhaube, deren Wölbungen die Mercedes-Designer bis heute immer mal wieder bemühen, um ein paar Strahlen der glänzenden Vergangenheit zu erhaschen, gurgelt bereits der Dreiliter-Sechszylinder metallisch. Er klingt ein wenig aufgekratzt – New York lässt selbst Maschinen nicht kalt. Sie stammt aus der 300er-Limousine, angereichert durch eine Trockensumpfschmierung und Benzindirekteinspritzung. Im oberen Teil der Zylinderwand, wo sonst die Zündkerzen steckten, befinden sich nun die Einspritzdüsen, und die Kerzen hängen im Zylinderkopf.

Drehzahlorgien beim SLS? Heute nicht

Bis 6.600 Umdrehungen soll sich das mit 8,55:1 verdichtete Hochleistungstriebwerk prügeln lassen, was die ersten Tester 1955 sicher ausgiebig getan haben. Heute bleibt es dem strahlenden Helden erspart, selbst als er Manhattan verlässt, Richtung Nordosten rollt, gelassen gefolgt vom SLS.

Auf dünnen 15-Zoll-Rädern stakst das 4,67 Meter lange Coupé über die bemerkenswert schlechten Straßen, der elastische Motor trödelt längst im vierten Gang vor sich hin. Was wohl jenen Glücklichen durch den Kopf ging, die sich den Mercedes als Neuwagen gönnten? Etwa: „Habe ich mich wirklich für die richtige Hinterachsübersetzung entschieden?“ Immerhin drei standen zur Wahl in jener Welt, in der Automobilisten ständig in einem mit Heldenschweiß gefüllten Swimmingpool kraulten. 1:3,64, 1:3,42 oder 1:3,25, das war hier die Frage, und nicht, ob die Lüftungsausströmer mit weichem Leder vom Bauch einer Kuh aus dem tibetanischen Hochplateau überzogen werden sollen. Na komm schon, ein bisschen was geht, oder? Also den knochigen Schalthebel zurück in den Dritten gedrückt, und ab aufs Gas. Die Augen verengen sich zu Schlitzen eines Kampfpiloten, der Dreiliter schnappt zu, begehrt kehlig auf, die Nadel des Drehzahlmessers zittert über 4.200/min – der 300 SL beschleunigt auf waghalsige 70 Meilen.

Trotz aller Schonung drückt der SL mit jedem glänzenden Schalter und mit jedem Karo seiner Sitzbezüge jene Kompromisslosigkeit aus, die ihn mit Geburt zum Paten aller kommenden Sportwagen erhob. Ein harter, heißer Hund, dem die Rennerfolge ins Aluminium seiner Karosserie gedengelt schienen, damals, 1954, als den Amerikanern John Travolta geboren wurde – und uns Dieter Bohlen. Was ein schicksalhaftes Jahr für die Kultur beider Nationen.

Und die Helden von 2009? Erste Vorboten möglicher Großtaten dürften noch eine Weile warten lassen, wenngleich wohl nicht zu lange, alberner TV-Formate sei Dank. Der SLS jedenfalls war mit dem ersten Lastenheft bereits zum Helden verdammt, eine Art Superman auf vier Rädern, als dessen Kryptonit das nur mäßig querdynamische Image bisheriger AMG-Modelle galt.

Nicht weniger als das Vorurteil von den brachialen, jedoch ausschließlich geradeausstürmenden Gewalt-Benzen sollte der neue Flügeltürer pulverisieren – was ihm speziell als teuflische Black-Series-Ausgabe gelang. In ihr dreht sich eine Kardanwelle aus leichtem Carbon, sie bekommt zudem noch eine Ummantelung aus dem teuren Material. Das Fahrwerk wird aufwendig umgestrickt, erhält eine steifere Elastokinematik, neue Radträger, mehr Spurweite und neue Stabis. Spezialisten können – wenn schon keine Hinterachsübersetzung – eine eigene Abstimmung suchen. Sie werden sie bestimmt finden, doch dazu brauchen sie eine Rennstrecke, denn der Black Series stellt Agilität und Dynamik ganz oben auf den Altar des Fahrerlebnisses mit dem Stern.

Gesprengtes Legalitätskorsett

Zusammen mit der Leistung des 6,2-Liter-V8 von 631 PS sprengt das jedes Legalitätskorsett öffentlicher Straßen, die üppigen Abmessungen (4,64 Meter Länge, 1,98 Meter Breite) oft den dort zugestandenen Platz. Jetzt, bei langsamer Fahrt, schabt das Doppelkupplungsgetriebe bei den eher gemächlichen Sprüngen durch seine sieben Gänge, der Saugmotor brodelt mit gefährlichem Unterton. Obwohl der Neue allein mit der Macht des Hubraums mehr Ruhe ausstrahlt und den Fahrer mit den vermeintlichen Segnungen der modernen Unterhaltung abzulenken versucht, erscheint der SLS nicht minder deplatziert als der SL im hektischen New York und in der endlosen, aber tempolimitierten Weite New Jerseys.

Die Stimmlage des ebenfalls trockensumpfgeschmierten Achtzylinders ändert sich übrigens nicht wesentlich, selbst wenn er drehen darf – und das darf er bis zu 8.000 Umdrehungen, also 800 mehr als das Basistriebwerk. Selbst die GT3-Variante, die auf den Rennstrecken dieser Welt regelmäßig Audi R8, Ferrari 458, Porsche 911 und Konsorten niederringt, lässt bereits von Weitem ihr unverschämt tiefes, geradezu arrogant gelangweiltes Donnern hören, bevor das gewaltige Coupé an den Zuschauern vorbeischießt. Natürlich gleicht der Klang einem Schwermetall-Konzert, denn der Direkteinspritzer brüllt jenseits der 5.500/min besonders intensiv, doch gegen alle anderen kleinvolumig schreienden Aggregate kommt er so gelassen rüber, als injiziere er sich Baldrian statt Super Plus. Er folgt dem SL nach Rye, einem beschaulichen Städtchen, das sich zur Erholung seiner Bewohner an einem kleinen See ausgebreitet hat.

Noch immer verwirrt die Perspektive im SLS, die endlose Haube, das weit nach hinten versetzte Cockpit. Sensible Naturen behaupten unerschütterlich, sie könnten im Hintern fühlen, wie die Zahnräder des in Transaxle-Muster montierten Getriebes arbeiten. Es läuft erst unter Volllast zu ballistischer Hochform auf, lädt irre schnell die Gänge durch, egal in welche Richtung. Na gut, herunter ein bisschen zögerlicher, aber dafür begleitet von wütendem Zwischengas-Schnauben, das einen im engen Sitz noch etwas tiefer rutschen lässt.

Vorwitziges Einlenken

Vor allem aber brilliert der Black Series mit seinem vorwitzigen Einlenken, das so gar nicht zur massigen Statur passen will, ebenso mit der bierernsten Traktion der Semislicks und des elektronisch gesteuerten Differenzials – das konnte so noch kein straßenzugelassener Mercedes. Jetzt allerdings muss der Flügeltürer all das lassen, im gepflegten Villenviertel herrscht Ruhe, Handwerker müssen hier spätestens um 17 Uhr die Arbeit einstellen und verschwinden.

Der SL biegt rechts ab, der SLS folgt, vor ihnen liegt eine flache Villa, sparsam verglast, mit unruhiger Natursteinfassade. Max Hoffman ließ sie 1952 vom Star-Architekten Frank Lloyd Wright errichten, 1955 wurde sie fertiggestellt. Hoffman, ein österreichischer Emigrant, verdiente sein Geld mit dem Import europäischer Automarken, unter anderem Mercedes. Auf sein Drängen hin entwickelten die Schwaben aus dem Motorsport-SL einen Seriensportwagen. Die Entwicklung des modernen SLS startete hingegen auf Bestreben der Konzernlenker selbst.

Sie beide nähren allerdings den Mythos der Marke Mercedes-Benz, halten ihn prächtig am Leben. Jetzt darf sich auch der SLS zur Ruhe setzen, die letzten Exemplare werden gerade gefertigt. Die Hoffman-Villa in Rye wäre ein schönes Plätzchen, wenngleich das Rauschen hier nicht so schnell verstummen dürfte, so oft sich seine Flügeltüren auch öffnen und schließen mögen – es weht, nein, nicht aus New York, sondern vom an den Garten angrenzenden See herüber.

Technische Daten
Mercedes 300 SL RoadsterMercedes SLS AMG Black Series
Grundpreis249.900 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4570 x 1790 x 1300 mm4646 x 1977 x 1264 mm
KofferraumvolumenVDA176 L
Hubraum / Motor6208 cm³ / 8-Zylinder
Leistung464 kW / 631 PS (635 Nm)
Höchstgeschwindigkeit235 km/h315 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h3,6 s
Verbrauch13,7 L/100 km
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