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Mercedes-Benz 350 SE und 450 SEL 6.9 - Die W 116-S-Klasse

Die eindruckvollste S-Klasse: W 116 mit V-8-Motoren

Foto: Hardy Mutschler 10 Bilder

Die Autorität des eindrucksvollsten S-Klasse-Mercedes aller Zeiten ist ungebrochen. Das gilt für den 6.9 sowieso, aber selbst ein 350 SE bietet das Vollmaterial-Ambiente und die souveräne Motorisierung eines Flaggschiffs. 

07.10.2008 Alf Cremers Powered by

Er war ein Symbol Deutschlands in den siebziger Jahren

Als sich das Land auf dem Gipfel seiner Wirtschaftsmacht befand. Was für ein Wagen – mächtig, autoritär, erfolgreich und sogar ein wenig einschüchternd. King-Size- Format, doppelte Stoßstangen vorn und hinten, üppiger Chromschmuck wohin man sieht. Türen, die satt wie ein Schuss ins Schloss fallen. Scheinwerfer und Rückleuchten im Cinemascope-Format. Die Gürtellinie diskret hochgezogen, die Scheiben gern dunkel getönt, mitunter Vorhänge im Fond, meist jedoch die sogenannte gehobene Ausstattung, wulstige Sicherheitspolster innen um die Fensterrahmen. Ein 116er gibt sich betont selbstbewusst, manchmal ist er sogar von kühler Arroganz. Im deutschen Olympiajahr 1972 präsentiert, heimste der W 116 dank seiner überragenden Vorzüge gleich mehrere Weltrekorde ein, etwa für die beste Unfallsicherheit, die höchste Verarbeitungsqualität und die umfangreichste Ausstattung. Wenn man sie ordern wollte.
 
Die W 116-S-Klasse definiert Sicherheit neu
 
Endlich hatte er ein modernes Fahrwerk mit Schräglenkerachse, endlich gehörten technische Reliquien wie die Stockhandbremse, der Hupring im Lenkrad, die Ausstellfenster und der aufprallgefährdete Tank unter dem Kofferraum der Vergangenheit an. Fast jedes Detail beginnt in der Modellbeschreibung des 116er mit dem Wort Sicherheit. Sein Debüt war ein Fanal, der technologische Führungsanspruch der Marke mit dem Stern war wieder voll da. Sein altgedienter Vorgänger, der brave konservative W 108, wirkte mit der schmal und zierlich geschnittenen Karosserie, mit seiner antiquierten Pendelachse und den behäbigen Sechszylindermotoren wie eine modernisierte Heckflosse – technisch auf dem Stand der frühen Sechziger.

Die neue S-Klasse, das Meisterstück der alten Mercedes- Garde Geiger, Wilfert, Scherenberg und Obländer, schien ein Jahrzehnt übersprungen zu haben. Ist der weichgespülte W 126 nicht doch einfach nur ein W 116 light? Szenen mit dem 116er im Konvoi der Bosse, Politiker und Diplomaten strahlte die Tagesschau noch aus, als es seinen weniger Macht heischenden Nachfolger W 126 schon längst gab. Der 116er ist der Autobahnkurier der Moderne, die DOHC-Sechszylinder sind drehfreudig und endlich vollgasfest, die Achtzylinder überlegen in Leistung und Laufkultur.

Die S-Klasse von Mercedes war das Alpha-Tier unter den Luxuswagen
 
Das wuchtige Instrumentenbrett fungiert als gut bestückte Kommandozentrale. Er genoss seine unangefochtene Vormachtstellung gegenüber Opel Diplomat V8 und BMW 3.0 S und lebte sie in Film und Fernsehen hemmungslos aus, wann immer es ein Alpha-Tier, ob Chef oder Schurke, auszustatten galt. Die GSG 9 und andere Sondereinsatz-Kommandos übten in der Realität mit dem unerhört fahrsicheren W 116 Fluchtmanöver und Verfolgungsfahrten auf Flugplätzen mit Skid Pads. Bundeskanzler Willy Brandt und Bundespräsident Walter Scheel ließen sich im 350 SEL chauffieren, Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer im 450 SEL. Bundestrainer Helmut Schön fuhr 450 SE. Schlagerstar Costa Cordalis und Fußballkaiser Franz Beckenbauer leisteten sich gar einen 450 SEL 6.9 – jenen überlebensgroßen 116er, der am Lack des altehrwürdigen 600 kratzte.
 
Diese S-Klasse, zum ersten Mal wurde sie von Daimler Benz übrigens offiziell so bezeichnet, bedeutete famosen sozialen Aufstieg – und der zog sich durch viele Schichten. Sie war das Statussymbol schlechthin. Der Bauunternehmer in der Kleinstadt zögerte nicht im 280 SE vorzufahren, sein befreundeter Architekt tat es ihm gleich. Der erfolgreiche Gastronom bestellte ihn gern in Weiß 050 mit Anhängerkupplung und innen mit strapazierfähigem MB-Tex. Der Achtzylinder mit 200 PS und 205 Spitze bildete innerhalb der W 116-Hierarchie die neue, strenge Demarkationslinie zwischen wohlhabend und sehr erfolgreich. Chefärzte von Privatkliniken, Fabrikanten und Konzernchefs freuten sich über den 1973 nachgelegten 450 SEL. Er war das neue Topmodell – langhubiger, deutlich entspannter und nicht so hoch drehend wie der 3,5-Liter. Plötzlich war der kleine V8 nicht mehr erste Wahl, geriet in die Fänge des 280 SE, der kaum weniger Temperament bei deutlich geringerem Verbrauch bot. Die Privatklientel empfand die Langversion überkandidelt. 280 SEL und 350 SEL verkauften sich nur spärlich, zusammen ganze 11.200 Mal.

„Der Spaß beginnt beim Einsteigen...“ – begeisterte Fahrer kommen zu Wort
 
Überzeugend und progressiv wie das Auto ist auch eine frühe Imagekampagne für die neue S-Klasse von 1974 mit dem Titel: „Wer mehr fährt, braucht mehr Auto.“ Auf doppelseitigen, attraktiv fotografierten Anzeigen, die den von Friedrich Geiger und Karl Wilfert modern und trotzdem in für Mercedes typischer Eleganz gestylten Wagen stets in bestes Licht rücken, kommen authentische S-Klasse-Fahrer ausgiebig zu Wort. Einer von ihnen ist der Arzt Bernhard Hinkelmann aus dem badischen Kuppenheim, 280 SE Automatic, 30.000 Kilometer im Jahr: „Physische und psychische Entlastung ist für mich der wesentliche Punkt. Man kann vieles dem Wagen überlassen, hat ihn immer sicher in der Hand. Komfort in extenso“, jubiliert Dr. Hinkelmann. Ein anderer Überzeugter heißt Dr. Helmut Riedel, Sachverständiger für Tankstellen aus Emden, 450 SE, 60.000 Kilometer im Jahr: „Was bedeuten schon sechs Stunden am Lenkrad, Streß? Für mich nicht. In den 450 SE setzte ich mich rein und bin am Zielort frisch. Das gibt mir kein anderer Wagen.“

Jürgen Moninger, Diplom-Ingenieur aus München, 350 SE Automatic, 52.000 Jahreskilometer, schwärmt schließlich: „Der Spaß beginnt beim Einsteigen, man merkt, das ist Qualität, nicht Blech.“ Und ergänzt: „Beim Fahren absolute Laufruhe. Sie hören kaum Nebengeräusche, spüren kaum eine Bodenwelle. Sie sind erholt, können verhandeln danach.“ Was fährt Jürgen Moninger wohl heute, W 220? Um dem Mythos 116 auf die Spur seiner Michelin XWX zu kommen, ließen wir zwei milde Extreme der 116er-Modellreihe antreten, den größten und den kleinsten Achtzylinder. Die halbe Portion 350 SE und den mächtigen Doppelpack 450 SEL 6.9, der auch noch zufällig doppelt so teuer war wie sein kleiner Bruder. Oliver O‘Keefe lenkt mit ausgestrecktem Arm und mit staatstragender Würde seinen anthrazitgrauen Sechsneuner.
 
Im heutigen SUV-geprägten Straßenbild fehlt dem Wagen der ganz große Auftritt. Auch die lichten Fensterflächen und die von vielen Zierleisten und Details aufgelockerte Karosserie verhindern eine sozialunverträgliche Monströsität. Im Gegenteil, der Wagen hat durch seine jahrzehntelange Präsenz eine gewisse Volksnähe – jeder kennt ihn, viele fragen nach. Aber die Arroganz der Macht ist heute beim 6.9 verschwunden. Sie ist einer dezenten Würde gewichen, die vom herrlichen Zustand des Mercedes noch unterstrichen wird. Der 41-jährige Fahrwerkstechniker bittet, einmal im Fond Platz zu nehmen. Das helle freundliche Velours umarmt den Fahrgast, die beiden Kopfstützen auf der Rückenlehne und die ebenfalls pergamentfarbenen Vorhänge vertiefen das wohlige Gefühl. Raum gibt es in verschwenderischer Fülle, man klappt die Mittelarmlehne aus der Fondbank, um ein wenig Halt zu finden. Leseleuchten in der C-Säule machen das Separée zur blauen Stunde noch distinguierter.

Die Ausstattung – heute Serie, damals purer Luxus
 
Der Blick fällt nach vorn zwischen die Sitzlehnen auf die wurzelnussfurnierte Mittelkonsole mit der Hörerablage für das zeitgenössische C-Netz-Telefon. O‘Keefe ist zwar Perfektionist, aber kein Originalitätsfanatiker. Ihm gefällt die verchromte Automatik-Schaltkulisse aus der Ära der hydraulischen Kupplung besser als die spätere mattschwarze. Der Wählhebel trägt wie der Instrumententräger edles Holzfurnier. Wer genau hinsieht, erkennt an der Niveau-Kontrollleuchte unten in der Instrumentenleiste und am seltsamen Zugschalter hinter dem Lenkrad, dass es sich um das Spitzenmodell handelt. Alles andere ließ sich auch in einen 450 SEL hineinkaufen: Klimaanlage, Scheinwerferwischer, Tempomat, Mittelarmlehne vorn und Kopfstützen im Fond. Im Leerlauf ist nichts von jenem gewaltigen Fast-Sieben-Liter, der M 100 heißt, zu spüren.
 
Ein modernisiertes 600er-Triebwerk mit Trockensumpfschmierung und K-Jetronic. Sein Antritt ist eindrucksvoll, aber keineswegs brachial. Er hat viel bessere Manieren als die unter einem lauten Stakkato- Hämmern davonstürmenden Ami-V8 aus den wilden Siebzigern. Zudem ist der Fahrkomfort immer noch ein einzigartiges Erlebnis, die aufwendige Hydropneumatik erlaubt ein Abrollen auf Samtpfoten, sonst so tückische Rüttler wie Kanaldeckel oder die Fugen von Betonplatten auf der Fahrbahn werden noch nicht einmal ignoriert. Dann gibt es da noch die hohe ideelle Qualität dieses fürstlichen Wagens. Zu wissen, es ist ein Sechsneuner – rar, teuer, begehrenswert. Es steht 7.390 zu 51.100 Stück. Armer 350 SE, muss er den Überflieger 6.9 chancenlos ziehen lassen?

Nein, denn er ist quasi der Ur-116er, die Keimzelle des Großen. Alle genialen Anlagen mit Ausnahme der hydropneumatischen Federung sind in ihm bereits vorhanden. Der gefühlte Unterschied ist längst nicht so groß wie erwartet, wenn er so gut ausgestattet ist wie der silbergrüne 350 SE von Peter Wecker. Der 49-jährige Zeitarbeitsmanager wollte in sentimentaler Rückblende den Typ, den sein Vater einst fuhr, kaufen: „Ein 350 SE sollte es sein – mit Automatik, Velourspolsterung, getöntem Glas, Schiebedach. Ich bin kein Pedant, bei mir müssen die Autos gut aussehen, sie müssen mit mir leben“, sagt Wecker überzeugt. Er hat sich Mühe mit seinem 350 SE gegeben, er ist ihm ans Herz gewachsen. Anfangs war er alles andere als perfekt. Substanz und Lack waren gut, es haperte jedoch im Detail. Wecker hat aus drei moosgrünen Velours-Garnituren eine geschneidert, hat den kaputtgestandenen V8-Motor durch ein K-Jetronic- Aggregat ersetzt. Sehr leise ist so ein 350 SE nicht, aber er ist gierig, zeigt Biss, will drehen. Wenn man ihn lässt klingt er zügelloser als der um Contenance bedachte 6.9. Dann neigt er sich sanft in schnellen Kurven, geht vorn aus den Federn und stürmt heiser brabbelnd los.

Technische Daten
Mercedes 350 SEMercedes 450 SEL 6.9
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4960 x 1870 x 1425 mm5060 x 1870 x 1410 mm
Hubraum / Motor6834 cm³ / 8-Zylinder
Leistung210 kW / 286 PS (549 Nm)
Höchstgeschwindigkeit205 km/h234 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h8,2 s
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