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Mercedes 450 SEL 6.9 Fahrbericht

Der beste Stern auf allen Straßen

Mercedes 450 SEL 6.9, Mercedes Benz-Museum Foto: Hardy Mutschler 28 Bilder

Vor 40 Jahren und über 1.000 Heften kürten wir den Mercedes 450 SEL 6.9 zum besten Auto der Welt. Mal sehen, ob er das in der Welt von heute noch immer ist.

07.01.2016 Sebastian Renz

Vom 25. Dezember 800 bis zum 6. August 1806 bestand das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Es war - trotz Protagonisten wie Karl dem Dicken, Widukind von Corvey und Ludwig dem Kind - in all den Jahrhunderten allerdings nie heilig, keinesfalls römisch, erstaunlich begrenzt deutsch und selten reich. So scheint es zumindest mit etwas zeitlichem Abstand, wenngleich der oft dafür sorgt, nur das Gute der alten Zeit zu verklären. Aber nicht mit uns. Wenn wir etwas verklären, dann gleich das Beste: das beste Auto der Welt. Mit diesem Titel krönte der geschätzte Kollege Helmut Eicker den Mercedes 450 SEL 6.9 im Test in Heft 21/1975. Was uns eine schöne Gelegenheit verschafft, einen Sechsneun zu fahren und zu klären, wie gut er noch ist und wie sich die Erwartungen an ein bestes Auto in vier Jahrzehnten geändert haben.

An sich hat nun jede S-Klasse der von August 1972 bis August 1980 gefertigten Baureihe W116 Status und Alter erreicht, in dem die schiere Anwesenheit allein Anlass für Respekt gibt. Aber dieser ist noch mal eine andere Nummer: ein Mercedes 450 SEL 6.9. Einer, der seit Frühjahr 1977 viel von der Welt gesehen hat - 645.453 Kilometer, um genau zu sein. Womöglich ist das gleich das Beeindruckendste an dieser S-Klasse: dass sie vor 40 Jahren für die nächsten 40 Jahre gebaut wurde.

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Fahrbericht Mercedes 450 SEL 6.9
auto motor und sport 26/2015
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Die Zukunft darf länger dauern

Oder für länger. Man sorgt sich eher um die Dauerhaltbarkeit von Kathedralen und Imperien als um die eines Mercedes 450 SEL 6.9. Seine Fahrertür fällt mit einer solch endgültigen Wucht ins aufspringsichere Zapfenschloss, wie sie sich in leichtbauoptimierte Alu-Karosserien heute wohl nicht mehr einkonstruieren lässt. So halten die Portale das Draußen vom Drinnen so schützend fern, wie es sonst nur Zugbrücken angriffsbedrohter Burgen gelingt. Überhaupt das Drinnen: Da kleidet sich der Mercedes 450 SEL sehr blau und kuschelig; schließlich gelten damals lebensbejahendere Farbtöne als modern und gleichzeitig Leder - zumindest bei der Traditionalistengilde von Daimler-Benz - noch als etwas, tja, bürgerlich eben. Die Kreise, die ein Mercedes 450 SEL bewegt, versinken in weichen Velourspolstern. Und zwar tatsächlich, denn zu behaupten, die Sitzmöblierung ähnele in Komfort und Seitenhalt styroporrieselnden Sitzsäcken, wäre styroporrieselnden Sitzsäcken gegenüber nicht ganz fair.

Aber das, verehrte Damen und Herren, ist alles, was wir an Nörgeleien anbringen können. Ansonsten ist so eine S-Klasse im Alter einer langsam vergreisenden Siedlung von Flachdach-Bungalows grandios. Ein Schlüsseldreh, und die acht Zylinder – jeder einzelne hat etwa den Hubraum eines Smart-Dreizylinder-Turbos - viertakten los. Der Wählhebel im Mercedes 450 SEL rattert durch die Zickzackgasse auf "D". Nun wird sich das von Mercedes für den 116er entwickelte Automatikgetriebe darin gefallen, aus drei Stufen (Sechszylinder: vier) zu wählen. Autoritär und mit sehr geringem Interesse an abweichenden Meinungen - etwa der des Fahrers. Es hat auch so noch immer gut gereicht.

Jeden Meter Meterkilogramm

Das liegt an der Wucht aus der Tiefe des Hubraums. Bei 1.000 Umdrehungen erreicht der V8 ein Drehmomentmassiv von 50 Meterkilogramm, das sind 490,5 Nm in aktueller Währung. Bei 56 mkg (549 Nm) rammt er das Gipfelkreuz ein, das heute bei Mercedes die Sechszylinder-Benziner trotz Turboladerei und Direkteinspritzung nicht erreichen. Für den Mercedes 450 SEL 6.9 ist Leistung noch etwas Elitäres, erklärt sich aus dem unverkrampften Umgang mit Volumina. Durch die erheblich verbesserte Crashsicherheit - breite, hohe Schweller, tresorige Türen, massive, innen dick gepolsterte Dachsäulen – und wohl auch den ganzen Chrom gerät der W116 viel schwerer als sein Vorgänger W108. Da wäre es die naheliegende Lösung, das mit mehr Leistung aus mehr Hubraum auszugleichen. Nun denn: So sei es.

Da bedarf es keiner raketenwissenschaftlichen Erklärung, wie es zu 23,2 l/100 km Testverbrauch kommt. Bevor es uns einer vorrechnet, kalkulieren wir selbst, dass S-UX 53 genau 1.560-mal den 96-Liter-Tank komplett leerte. In jedem Zylinder verfeuerte der V8 seit 1977 damit 18.750 Liter Kraftstoff, 150.000 Liter insgesamt. Klingt erst mal nach viel. Aber schon nicht mehr gar so sehr, bedenkt man, dass so viel Super in drei Tanklastzüge passt. Und erst recht nicht mehr angesichts der Tatsache, dass der Mercedes 450 SEL 6.9 damit eine Distanz zurückgelegt hat, die 16 Erdumrundungen entspricht. Oder einmal zum Mond, umdrehen und wieder zwei Drittel der Strecke zurück.

Souverän? Nein: der Souverän

Wer nun meint, heute könne ein Auto mit solch einem Trinkgebaren nicht mehr das beste der Welt sein, vergisst, dass es der Sechsneun in den frühen 70ern zunächst auch nicht sein darf. Wegen Ölkrise und der autokritischen Grundstimmung verschiebt Mercedes den Serienstart der stärksten S-Klasse bis Ende 1975.

Der Mercedes 450 SEL 6.9 beeindruckt heute noch mit Sicherheit und Komfort. Mehr imponiert aber die souveräne Erhabenheit, ach was, die als eingebaute Vorfahrt bekannte selbstverständliche Arroganz, mit der er sich durch den Verkehr bewegt. Bei jedem Gasstoß reckt sich der Stern auf der Motorhaube sacht dem Himmel entgegen. Kraterige Schlaglöcher überflauscht die hydropneumatische Federung. Handling? Müsste irgendwo sein, lässt sich aber gerade nicht finden. Doch gelingt es, das Leistungsübersteuern mit der milden Präzision der Lenkung angemessen zu kontern. Auf der Autobahn drängeln nun die turbogedopten Dieseldirekteinspritzer - mit den meisten von ihnen könnte es der Mercedes noch immer aufnehmen. Doch es lohnt nicht mehr, was am besten zeigt, warum er für viele heute kein bestes Auto mehr wäre. Es liegt nicht daran, dass es nun Spielstraßen und Tempolimits, Abgasvorschriften und Normverbrauchserwartungen gibt, die alle nicht recht zum Selbstverständnis des Mercedes 450 SEL 6.9 passen. Es liegt nicht an seinem Mangel an Infotainment- Schnick oder Assistenz-Schnack.

Mercedes 450 SEL: Concorde der Straße

1975 ist der Mercedes 450 SEL eines der schnellsten Verkehrsmittel. Es gibt noch keinen ICE, Fliegen ist so teuer, wie es heute besser noch wäre. Mit 286 PS hat der Mercedes mehr Leistung als ein Porsche Turbo, ist kaum langsamer, aber viel komfortabler. Mit ihm schafft man die Strecke Hamburg– München eine, vielleicht zwei Stunden schneller als mit einem Golf I oder einem Kadett C und fährt wohl glatt eine halbe Stunde auf den normalen, 61 PS schwächeren, 25.486 DM günstigeren 450 SEL heraus. 2015 feiert Deutschland lieber schnelles Internet als schnelle Autos. 1975 wird mehr echtes Tempo noch als Fortschritt verstanden. Der Sechsneun ist fünf Monate auf dem Markt, als am 21. Januar 1976 um 12.40 Uhr die Concorde zum ersten Linienflug startet. Man nennt sie die "Königin der Lüfte". Der Mercedes 450 SEL 6.9 ist die Concorde der Straße. Ein Auto, zu dessen Rolle im Gestern es im digitalen Heute keine Analogien mehr gibt.

Technische Daten
Mercedes 450 SEL 6.9
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe5060 x 1870 x 1410 mm
Hubraum / Motor6834 cm³ / 8-Zylinder
Leistung210 kW / 286 PS (549 Nm)
Höchstgeschwindigkeit234 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h8,2 s
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