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Fahrbericht Mercedes AMG GT S

Daumen hoch für Daimlers neuen Sportler

Mercedes GT AMG Foto: Daimler 21 Bilder

Genug spekuliert, philosophiert und Daten verglichen: Der neue Sportwagen-Hammer Mercedes AMG GT S darf auf der legendären US-Rennstrecke Laguna Seca endlich seine Fahrdynamik zeigen. Hat er das Zeug zum Porsche-Jäger, ja -Killer?

17.11.2014 Alexander Bloch

US-Amerikaner sind echt schizophren: Auf der einen Seite werfen sie panisch mit Tempolimits der ganz restriktiven Art nur so um sich, auf der anderen Seite toben sie vor Freude, wenn sie einen neuen Sportwagen entdecken. So unweit von San Francisco: Während der Fahrer des AMG GT S noch darüber grübelt, was zum Teufel ein 510-PS-Racer in dieser 25-mph-Hölle soll, sammelt der neue Sportwagen auf seinen ersten Kilometern Landstraße so viele Daumen hoch, wie in seiner für überschwängliche Freude wenig bekannten schwäbischen Heimat ein ganzes Leben lang nicht. Fahrradfahrer auf ultrateuren Karbonrädern stoppen bewundernd und Motorrad-Polizisten lassen sich glücklich neben der roten Flunder aus dem kleinen Ort Affalterbach ablichten.

AMG GT mit sehr straffer Federung

Ein Glück, dass Autos nicht hören können, sonst würde dieses Sportwagenbaby zu einem richtig eingebildeten Fratz heranwachsen. Dabei war der AMG GT S auf den ersten Kilometern ein durchaus unbequemes Kind mit hohen Ansprüchen an die Dämpfungseigenschaften der Bandscheiben. Mit konsequent straffem Abrollen und bedingungsloser Schlagloch-Härte stellt er trotz adaptiver Dämpfer klar, dass er mehr als ein Eiscafé-Racer sein will. Selbst in der Komfortstellung des Fahrdynamik-Schalters sprudelt sportlicher Ehrgeiz aus jeder Ritze. Ob das Popometer-Gedächtnis trügt, wenn es sagt, ein Elfer rolle etwas sanfter ab, wird der erste Vergleichstest zeigen. Bis dahin lässt sich aber schon mal konstatieren: Der Neue ist ein strammer Kerl mit sehr festem Händedruck geworden.

Auf der anderen Seite aber auch einer mit erstaunlichen Manieren. Die Lenkung ist angenehm direkt ohne stößig zu werden und sie verkneift sich im Cruiser-Komfort-Modus überengagierte Reaktionen um die Mittellage. Das AMG sich dazu entschieden hat, nicht wie Porsche auf eine elektromechanische, sondern eine gute alte hydraulische Servolenkung zu setzen, darf im Zeitalter der CO2-Keule als mutig aber charakterstark gewertet werden. Die Sitzposition ist tief, aber das Gestühl trotz konsequenter Wangenstütze angenehm gepolstert. Das Interieur mit den analogen Instrumenten und der gut formierten Schalter-Truppe wirkt passender und weniger überkandidelt als früher im SLS. Nur das antiquierte iPad-1-Styling des Zentralmonitors sollte Mercedes dringend nochmal überdenken.

11/2014, Porsche 911  trifft Mercedes AMG GT
Mercedes AMG GT trifft Porsche 911 2:1 Min.

Sound auf Knopfdruck

Im Komfort-Modus bleiben die Auspuffklappen geschlossen, was das Geräuschniveau des Frontmittelmotors auf ein überraschend komfortables Maß senkt. Wer das beruhigende V8-Bollern braucht, der klickt es sich einfach per Tastendruck wieder herbei. Aber ohne künstliche Akustik-Tricks, sondern als ehrliches Schallergebnis thermodynamischer Vorgänge. Wahrhaftig vorgetragene Emotionalität, die einen Petrolhead sofort abholt.

Das Ziel der USA-Reise des Sternen-Hammers ist die legendäre Rennstrecke Laguna Seca. Ein Racetrack mit einigen Höhenmetern und der weltberühmten Corkscrew-Kurve (Korkenzieher). Eine Strecke, die sofortiges Vertrauen ins Auto fordert. Der GT S gibt – wenn der Race-Modus an ist - reichlich davon, schon in der ersten schnellen Kurve nach dem Start- und Zielbogen. Über deren Kuppe wird das Auto leicht wie ein Segelflugzeug. Wer hier lupft, traut seinem Untersatz nicht über den Weg und hebt an der Hinterachse ab - unschön. Der Schwaben-Pfeil behält auf Zug an allen Achsen Bodenhaftung und zentrifugiert in Race-Stellung souverän darüber. Der Bremspunkt zur nächsten links lässt sich problemlos äußerst spät setzen. Bei aller gebotenen Verzögerungs-Brutalität bleiben die Keramik-Verbundstopper sehr gut dosierbar.

Transaxle sorgt für gute Traktion

Wenn du dann kurvenausgangs wieder aufs Gas gehst, zieht dich der 1.645 kg schwere AMG mit einem dermaßen wohligen Druck von der Hinterpfote – elektronisches Hinterachs-Sperrdifferenzial beim GT S Serie - wieder in die nächste Kurve rein, dass ein Grinsen das Gesicht flutet. Wirkte der alte SLS, im Grenzbereich immer einen Hauch staksig und etwas traktionsunentschlossen, so erledigt der Neue diese Aufgabe mit begeisternder Ruhe. Die leicht hecklastige Gewichtsverteilung (47:53) des Frontmittelmotor-Transaxle-Konzept erlaubt feiste Traktion bei gleichzeitig federleichtem Handling. Untersteuern? Ja, etwas, wenn du ihn überfährst.

Der Eintritt in den sehr späten Grenzbereich kommt weich und nicht schlagartig wie beim fahrwerkseitig sehr ähnlichen SLS. Driftkünstler wissen diese fließende Art besonders zu schätzen. Einlenken, halten und wohlfühlen, so geht das noch drei Kurven bis der steile Anstieg zur Corkscrew sich mächtig vor dem Langschnauzer aufbaut.

Mercedes AMG GT besteht den Corkscrew-Test

Jetzt ist es an der Zeit für den neuen Vierliter-V8 zu zeigen, dass Hubraum – 6,2 Liter des Alten – sich eben doch durch einen, Pardon, zwei Turbos ersetzen lassen. Selten hat sich ein Biturbo so saugergleich angefühlt. Nur dass die blitzschnelle Ansprache, dass lässige Hochdrehen und der gleichmäßige Drehmomentverlauf des langhubigen Direkteinspritzers sich in einem immensen Kraftplateau von bis zu 650 Nm verdichten.

Der Sound dazu hat in seiner bärig-brüllenden Art nichts von dem etwas gehemmten Rauschen üblicher Highpower-Turbos, sondern ist feinster Verbrenner-Heavy-Metal. Wobei man vor lauter Motor-Euphorie nicht vergessen sollte, die Corkscrew auch anzubremsen und mit einem blinden Twist wie ein Carving-Skifahrer in die fallende Rechts einzutauchen. Rein fahrdynamisch gehört diese kurze Passage zum einschüchterndsten aber auch beeindruckendsten was einem Sport-Piloten passieren kann. Im GT S hast du danach eine Horde Highspeed-Schmetterlinge im Bauch.

Auch weil die gleiche Lenkung die dich vorhin so lässig und aufgeregt über den Highway geführt hat, hier so ultrapräzise mit dem exakt richtigen Handmoment funktioniert und das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe blitzschnell die Gänge nachliefert. Nicht mehr wie früher mit minimaler Verzögerung, sondern immer sofort. Die vergrößerte Gangspreizung nutzt das brachiale Drehmoment-Plateau des V8 zudem besser aus.

Mercedes AMG GT S – so schnell wie der Porsche Turbo?

Ob das Ganze dann am Schluss dazu führen wird, dass der GT S auch bei den Rundenzeiten mit dem erheblich teureren 911 Turbo mithalten kann, wird sich zeigen. Schließlich hat der Zuffenhausener Nachbar mit Allradantrieb, Allradlenkung und Wankausgleich und dem etwas besseren Leistungsgewicht ein paar Fahrdynamik-Pfeile mehr im Köcher.

Aber sind das nicht rein akademische Sportfahrer-Diskussionen? Der AMG GT ist ein überaus gelungenes Auto, das mit grandioser Highspeed-Emotionalität punktet. Mal ehrlich: Mehr wollen wir doch gar nicht von einem Sportwagen.

Einen Fernsehbericht zum Mercedes AMG GT mit Alexander Bloch sehen Sie am Sonntag, 30. November, um 17 Uhr bei "auto mobil" auf Vox.

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