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Mercedes B-Klasse im Fahrbericht

Kompaktklasse-Praktiker sucht Seinesgleichen

Mercedes B-Klasse Foto: Karl-Heinz Augustin 29 Bilder

Mercedes gibt sich alle Mühe, das behäbige Image der B-Klasse abzustreifen: Die zweite Auflage ist schicker, moderner, sicherer und sparsamer – bloß einen serienmäßigen Doppelboden spart sie sich inzwischen.

01.11.2011 Jörn Thomas

Aerodynamik-Weltmeister – woran denkt man da als erstes? Klar doch: geduckte Silhouette, Tropfenform, verkleidete Räder, Futur im Quadrat. Falsch: die neue Mercedes B-Klasse. cW-Bestwert 0,24. Respekt, liebe Mercedes-Ingenieure. Für Feinarbeit im Detail, die es teils bis zum Patent geschafft hat. Etwa die gezackten Radhausverkleidungen, die mit gezielter Umströmung der Vorderräder Verwirbelungen reduzieren. Optimierungen an Unterboden und Kühlluftströmung verbessern den Windschlupf ebenfalls.

So wie das rund vier Zentimeter niedrigere Dach, womit wir den ersten dicken Zopf fallen hören. Der doppelte (Sandwich-) Boden von Nummer eins ist passé, der neun Zentimeter längere Nachfolger duckt sich näher an den Asphalt – vorteilhaft für Fahr- und Aerodynamik.

Doppelboden wird nur noch bei Bedarf eingesetzt

Wobei – ganz beerdigt ist das Thema Doppelboden nicht, allerdings wird er nur noch bei Bedarf eingesetzt. Etwa bei den Ende 2013 erscheinenden Gas-Modellender Mercedes B-Klasse, bei denen noch im Karosserie-Rohbau hinter dem Fahrersitz eine Stufe eingezogen wird, die Platz, etwa für Gastanks, schafft. Insgesamt zeugen niedrigere Sitzhöhe bei aufrechterer Haltung und mehr Kopffreiheit von Annäherung an den Kompaktklasse-Mainstream.

Gut so, denn die bisherige, halb liegende Position gefiel nicht jedem. Und wer an jüngere Käuferschichten ran will, sollte ausreichend Abstand zum bisherigen, etwas behäbigen Image wahren.

Egal, was man über das neue Außendesign als Fortsetzung der aktuellen Linie denkt: Nach dem Einsteigen fällt es schwer, nicht spontan beeindruckt zu sein. Das pragmatische Design des Armaturenbretts ist passé, ab sofort werben hochwertige Flächen im Cockpit. Vor allem die Mattholzvariante des Mittenpaneels zieht Blicke und Fingerkuppen an. Ein schöner Kontrast zu den Lüftungsdüsen im SLS-Stil.

Mercedes B-Klasse mit Platz für alternative Antriebe

Schon klar, runde Ausströmer gab es bereits im seligen W 123, in der neuen Mercedes B-Klasse setzen sie aber einen schicken Akzent. Zumal es B Nummer eins ja nie so mit edel und dynamisch hatte, lieber Nutzwert aus jeder Schweißnaht verströmte. Nutzwert kann die neue auch, erkennbar an vielen praktischen Ablagen bis hin zum Maxi-Handschuhfach. Wer das optionale Doppelkupplungsgetriebe mit Wählhebel am Lenkrad ordert, kann sogar in der Mittelkonsole stauen.

Überdies hält beim neuen Modell das Fahrverhalten, was die renovierte Optik verspricht. Statt einer Verbundlenker- kümmert sich hinten eine Vierlenkerachse um Komfort und Spurhaltung, was zwischen den Rädern Platz für alternative Antriebe schafft. Die bis dato serienmäßigen, so genannten amplitudenselektiven Dämpfer, die mechanisch auf Einfederbewegungen reagieren, bleiben zukünftig dem Sportfahrwerk vorbehalten. Auf eine elektronisch gesteuerte Dämpfung verzichtet Mercedes bei der B-Klasse nach wie vor.

Mercedes B-Klasse mit verbesserter Lenkung und neuen Motoren

Dafür variiert die elektromechanische Lenkung serienmäßig ihre Servounterstützung. Bei niedrigem Tempo leichtgängig, wird sie bei sportiver Fahrt schwerer. Gegen Aufpreis ist eine variable Übersetzung per unterschiedlich verzahnter Lenkstange zu haben. Um die Mittellage verreißsicher, steigert die so genannte Direktlenkung die Agilität in Kurven. Mercedes B-Klasse-Erfahrene lächeln jedoch schon ohne dieses Extra, wenn sie den 1,5-Tonner über verschlungene Landstraßen scheuchen.

Sie registrieren weniger Karosserieneigung, mehr Rückmeldung der elektromechanischen Servolenkung und feinere Eingriffe der Regelelektronik. Vorbei das bisweilen etwas ziellose Wanken der Mercede B-Klasse in Wechselkurven, die undynamisch leichtgängige Lenkung, das zarte Aufschaukeln bei aufeinander folgenden Bodenwellen. Was bleibt, ist kalkulierbar sicheres Handling ohne aufgesetzte Nervosität.

Angesichts dieser Fahrwerksfortschritte will die Antriebs-Abteilung nicht zurückstehen. Endlich dürfen sie sich quasi aus dem Regal bedienen, müssen keinen Motor konstruieren, der sich beim Frontalaufprall unter den Boden verzieht. Neben neuen, 1,6 Liter großen Turbo-Benzinern mit Direkteinspritzung bringt der vom bekannten 2,1-Liter-CDI abgeleitete 1,8-Liter-Diesel ordentlich Leben in die 4,36-Meter-Bude. Der von Magnetventil-Injektoren versorgte Vierzylinder läuft insgesamt kultiviert, nur unter Last kommt manchmal ein nageliger Dialekt durch. Die 136 PS und 300 Newtonmeter des 200 CDI entfalten sich jedenfalls gleichmäßig.

Schon die Basis hat einiges zu bieten

In Verbindung mit dem von Mercedes selbst entwickelten und produzierten Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe (86 Kilogramm schwer, mit „nassen“ Kupplungen) fast ein bißchen zu gleichmäßig. Speziell beim Anfahren aus dem Start-Stopp-Ruhezustand dauert es stets einen Moment, bis die 1,5 Tonnen schwere Mercedes B-Klasse so richtig aus den Blöcken schnalzt.

Was soll‘s – wenn es Kraftstoff sparen hilft und Passanten mehr Zeit gibt, den aufgebrezelten Testwagen zu beäugen. Zum Beispiel sein Night-Paket mit speziellem Kühlergrill, 18-Zoll-Rädern und dunkler Fond-Verglasung. Innen geht es weiter mit einem eleganten Ambiente aus Holz und Leder, speziellen Sitzen und mehr.

Doch halt: Ein knauserig kalkulierter Options-Magnet ist die Mercedes B-Klasse deswegen noch lange nicht. Wer in der Kompaktklasse was werden will, muss schließlich auch etwas bieten. Deswegen bringt schon die Basis (A 180 für 26.002 Euro) neben Multifunktionslenkrad sowie Klima- und Audioanlage mit USB-Port auch einen radargesteuerten Kollisionsverhinderer (Collision Prevention Assist) mit.

Aufs Pedal treten muss der Fahrer noch selbst

Letzterer linst permanent nach vorn, erkennt bis 70 km/h sogar stehende Hindernisse, warnt bis zur Höchstgeschwindigkeit optisch und akustisch vor einem drohenden Aufprall und bereitet den Bremsassistenten der Mercedes B-Klasse auf kräftige Verzögerung vor. Aufs Pedal treten muss der Fahrer zwar noch selbst, um den passenden Bremsdruck der notwendigen Zielbremsung kümmert sich aber die Elektronik. Dies geht nur, so Chefingenieur Hans Engel nicht ohne Stolz, indem man großflächig Radarsysteme über alle Baureihen verwende und sich deshalb Stufenlösungen in kleinen Klassen leisten kann.

Wer es bezahlen kann, darf seine Mercedes B-Klasse überdies mit einer um 14 Zentimeter verschiebbaren Rücksitzbank samt umlegbarer Beifahrersitzlehne auf variabler trimmen, wobei der Kofferraum auf 666 Liter wächst. Und erst die Sicherheitsoptionen: Abstandsregeltempomat mit Bremsassistent plus Pre-Safe (strafft vor einem drohenden Aufprall die Gurte, schließt Fenster, stellt den Sitz aufrecht), Spurhalte- und Wechselassistent, Verkehrsschild-Erkennung, Bi-xenon-Adaptivlicht sowie stufenlos arbeitender adaptiver Fernlicht-Assistent stehen zur Wahl. Nicht zu vergessen die Konnektivität in Gestalt der Internet-Anbindung.

All diese Zutaten sollten reichen, um der Konkurrenz der Kompaktklasse-Praktiker ab November mal so richtig heimzuleuchten.

Technische Daten
Mercedes B 200 CDI
Grundpreis30.101 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4359 x 1786 x 1557 mm
KofferraumvolumenVDA488 bis 1547 L
Hubraum / Motor1796 cm³ / 4-Zylinder
Leistung100 kW / 136 PS (300 Nm)
Höchstgeschwindigkeit210 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h9,3 s
Verbrauch4,4 L/100 km
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