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Mercedes-Benz 200 D mit 400.000 km

Eine Frage der Pflege

Foto: Hardy Mutschler 9 Bilder

Ein Mercedes 200 D von 1982 hat mehr als 400.000 Kilometer auf dem Tachometer und sieht aus wie am ersten Tag - dank penibler Fürsorge seines Besitzers.

06.03.2009 Ulrich Bethscheider-Kieser Powered by

Autoverkäufer haben an Holger Heinrichs wahrlich keine Freude. Ganz egal, ob sie nun Neuwagen oder Gebrauchte verkaufen - an dem Steuerberater aus dem rheinländischen Langenfeld beißen sie sich die Zähne aus. Der einzige Verkäufer, bei dem Heinrichs mal einen Kaufvertrag für ein neues Auto unterschrieben hat, dürfte inzwischen schon in Rente sein. Aber Heinrichs fährt sein Auto immer noch. Und stellt damit eine ganz spezielle Beziehung zu dem Wagen unter Beweis.

Denn einen Mercedes 200 D des Baujahrs 1982 im Erstbesitz auch nach über 26 Jahren in der Garage stehen zu haben, klingt für sich genommen schon rekordverdächtig. Umso erstaunlicher ist die Art und Weise, wie Heinrichs und sein 123er- Benz die gemeinsame Zeit bisher verbrachten: Der Mercedes diente als Familien- und somit als Alltagsauto - mit entsprechender Konsequenz für die Laufleistung. Über 400.000 Kilometer stehen inzwischen auf der Tachometerskala. Aber: Die sieht man dem Youngtimer nicht an.

Vernunftkauf vor 26 Jahren: 200 D statt 230 CE

Der Marathon-Mercedes präsentiert sich vielmehr in einem Zustand, als hätte er gerade erst jungfräulich den Showroom des Händlers verlassen. Der 200 D sieht aus wie neu. Laufleistung und Zustand können eigentlich nicht zueinander passen - es sei denn, Holger Heinrichs hat seine Finger im Spiel. Für den 53-Jährigen gehört eine akribische Wagenpflege ebenso zum Leben wie das täglich Zähneputzen. Nur so konnte der 200er lange 26 Jahre mit einer rechnerisch durchschnittlichen Fahrleistung von gut 15.000 Kilometern pro Jahr überleben. Und gleichzeitig so frisch und unverbraucht erscheinen wie einst am ersten Tag.

Heinrichs’ Schrauber-Partner Günter Lischka, seit 25 Jahren mit dem treuen Mercedes-Fahrer befreundet und ebenfalls um die Pflege des Autos bemüht, schildert das Pflegeprinzip so: "Holger wäscht den Wagen mit Shampoo auch am Unterboden, bis hin zum Kardantunnel." Er sei, fügt er schmunzelnd hinzu, durchaus penibel - das kann man sich vorstellen.

In der bürgerlichen Siedlung Langenfelds haben die Häuser große Gärten und lange Garageneinfahrten. Wildwuchs sucht man hier vergebens. Der Rasen ist überall kurz geschoren und vorbildlich gepflegt. Gäbe es im Rheinland die schwäbische Kehrwoche - hier würde sie wohl kultiviert. Gute Bedingungen also, um ein Auto so zu pflegen, dass der Wagen älter wird, ohne äußerlich zu altern.

Gerade mal 27 Jahre alt war Holger Heinrichs, als er den Kaufvertrag für den neuen 200er unterschrieb. "Eigentlich wollte ich mir einen 230 CE kaufen", erzählt er. Doch dann habe die Vernunft zugunsten einer praktischen Limousine mit einem sparsamen Dieselmotor gesiegt. Immerhin ließ der vorgesehene Etat Luft für eine gute Ausstattung inklusive Servolenkung, Zentralverriegelung, ABS, Handschuhkastenschloss. Und vier Kokosmatten natur. Nachzulesen in der Rechnung, die den 200 D mit einem Komplettpreis von 30.239 Mark und 93 Pfennig ausweist.

"Ich wollte ein Auto, das ich möglichst lange behalten kann", erklärt Heinrichs. Der zuvor vom Vater übernommene Strich Acht schien dazu allerdings weniger geeignet. Zu viel Rost und immer mal wieder technische Probleme standen einer langen und glücklichen Beziehung im Weg. Doch beim 200 D ist es anders mit dem Durchhaltevermögen.

Resümee nach 400.000 km: "Ein so gutes Auto bekomme ich nie wieder"

Zunächst hatte sich Heinrichs vorgenommen, den Mercedes zehn Jahre lang zu fahren. Als diese Phase vorüber war, offenbarte die Limousine keinerlei Schwächen - es gab also keinen Grund, über einen Fahrzeugwechsel nachzudenken. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Jetzt ist der Mercedes 26 Jahre alt. Die jüngste Hauptuntersuchung im Juni 2008 hat er ohne Mängel absolviert. "Ein so gutes Auto bekomme ich nie wieder!" sagt Heinrichs - damit könnte er richtig liegen.

Technische Probleme gab es während der mehr als 26 Jahre kaum. Bei 78.000 Kilometern war allerdings eine defekte Zylinderkopfdichtung zu beklagen, was zu Rissen im Zylinderkopf führte. Bei 300.000 Kilometern überholte Heinrichs den Motor, kurz davor war das Ausrücklager der Kupplung fällig.

Schon seit Jahren sieht der 200er keine Mercedes-Werkstatt mehr. Heinrichs erledigt die Wartung gemeinsam mit Günter Lischka selbst. Bei den Vertretungen der Marke fühlte sich Heinrichs irgendwann nicht mehr gut aufgehoben. Spätestens zu dem Zeitpunkt, als beim Mercedes-Händler keiner mehr da war, der einen 123er aus der Zeit kannte, als der Wagen noch neu verkauft wurde, entschied sich Heinrichs zur Selbsthilfe.

Er hat sich sogar eigens ein Düsenprüfgerät von Bosch besorgt, um die Diesel-Einspritzanlage des Autos prüfen und einstellen zu können. In mehreren hölzernen Zigarrenkästen sind Einspritzdüsen und Einstellplättchen fein säuberlich einsortiert. Als Mann der Zahlen führt Steuerberater Heinrichs auch exakt Buch darüber, wann der alte Diesel mit welchen Werten eingestellt wurde. In seinem Computer, der zumindest dem Augenschein nach ebenfalls auf bestem Weg zur Erlangung eines H-Kennzeichen ist, hat Heinrichs die Einstellwerte von jeder selbst durchgeführten Inspektion aufgelistet.

Das Auto wird zum Wohnzimmer

Ganz genau nimmt es Heinrichs auch mit dem Dieselverbrauch des 200ers. "Ich fahre gern auf Reserve", sagt er. 180 Kilometer bei brennender Reserveleuchte hat er schon geschafft. So sucht sich jeder seine persönlichen Grenzerfahrungen. "Ich kann auf den Kilometer genau sagen, wann der Wagen ohne Sprit stehen bleibt."

Trotz Alter und Fahrleistung präsentiert sich der Wagen absolut im Original und mit der ersten Lackierung. "Nur den Motorraum haben wir mal aus optischen Gründen nachlackiert", erzählt Heinrichs. Außerdem trug der linke vordere Kotflügel bei einem Parkhausbesuch eine Schramme davon, und eine hintere Tür musste mit neuer Farbe versehen werden. Lediglich zwei Mal war in den 26 Jahren der Griff zum Schweißgerät nötig.

Heinrichs hat seinen Mercedes nicht nur mit großer Hingabe gepflegt, sondern auch kontinuierlich verbessert. Nach vier Jahren ließ er eine Klimaanlage nachrüsten, dann einen Ölkühler sowie einen Tempomat. "Mein Mann macht aus seinem Mercedes ein Wohnzimmer", sagt die Gattin. Ein rollendes Wohnzimmer mit Cordkissen und Plüschhund auf der Ablage, in dem auch sie sich wohlfühlt. Besonders dann, wenn das Paar mit den beiden Söhnen zu einem Ausflug oder zu einer Runde Minigolf aufbricht.

Die ständigen Anfragen, ob der 123-er zu verkaufen sei, wehrt Heinrichs kategorisch ab. Obwohl er inzwischen noch einen 116er-Mercedes in der Garage stehen hat. Mit dem hat ein säumiger Mieter seine Schulden bezahlt, jetzt wird die Limousine restauriert

Bisweilen steht für Heinrichs und seinen Marathon-Mercedes sogar eine Oldtimerveranstaltung auf dem Programm. Nicht ohne Stolz erzählt er, bei der Ötztal-Classic mit seinem Diesel-Benz die Youngtimer-Wertung gewonnen zu haben - vor drei VW Golf GTI.

In dreieinhalb Jahren wird sein Auto Anspruch auf ein H-Kennzeichen haben. Doch Heinrichs zögert noch. "Es wäre schade um die originalen Kennzeichen", sagt er.

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