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Mercedes-Benz 200 (W 110) im Fahrbericht

Kleine Flosse - große Wirkung

Mercedes-Benz 200 (Typ W 110) Foto: Hans-Dieter Seufert 15 Bilder

Der Mercedes-Benz 200, Baureihe W 110, kommt dem Bild eines idealen Oldtimers für Einsteiger recht nahe: Alltagstauglich, robust, unkompliziert und überall gern gesehen.

02.02.2011 Michael Schröder Powered by

Und mit seinem 640-Liter-Kofferraum kann er zudem Alltagsaufgaben mit Bravour erledigen. Natürlich spielte die Heckflosse in meinem Leben eine Rolle, bisher nur eben keine prominent wichtige. Richtig spannend fand ich als Kind im 220er der Baureihe im Wagen meines Großvaters nur den senkrecht gestellten Bandtachometer.

Opa-Auto und Ausdruck zivilen Ungehorsams

Der Zeiger des Mercedes W 111-Tachos veränderte je nach Tempo die Farbe von gelb über gelb-rot gestreift bis tief rot - von mir aus hätte mein Großvater ruhig öfter das Tempo wechseln können. Aber dafür fuhr er einfach viel zu gerne schnell. Ansonsten war dieser Mercedes für mich ein großes schwarzes Opa-Auto, von denen viele auch noch ein Taxi-Schild auf dem Dach trugen. Sportwagen gefielen mir einfach besser, besonders solche, die aus Italien kamen.

Anfang der achtziger Jahre gab es dann tatsächlich ein paar Momente, in denen ich mich zur Flosse durchaus hingezogen fühlte. Diesmal war es die kleinere Volksausgabe, ein 190er Diesel im Mercedes W 110 eines guten Freundes. Die Vorglühphase des 55 PS starken Selbstzünders reichte aus, um sich entspannt eine Zigarette drehen zu können, und bei der Bummelei durch die Norddeutsche Tiefebene fühlten wir uns ein wenig wie die Retter dieser Welt, weil die große verrußte Kofferraumklappe genügend Platz für einen pizzagroßen Atomkraft-Nein-Danke-Aufkleber bot.

Selbstverständlich dieselten wir am 10. Juni 1982 zu fünft in diesem Benz nach Bonn, um mit 400.000 anderen gegen die Stationierung von Pershings und Cruise Missiles zu demonstrieren. "Unser" Mercedes fungierte plötzlich als konspiratives Zentrum einer alternativen Szene - harter Tobak für die Wirtschaftswundergeneration, die ihren Erfolg gern mit diesen repräsentativen wie eleganten Wagen zur Schau gestellt hatte. Insgeheim schielte ich jedoch weiterhin jedem Hochleistungssportwagen hinterher.

Familientauglicher Alltagsklassiker

Fast 28 Jahre später nähere ich mich erstmals wieder einem Mercedes W 110, diesmal mit durchaus ernsthaften Absichten. Der Lauf der Zeit hat die Perspektiven ein wenig zurechtgerückt: Sportwagen faszinieren natürlich weiterhin, doch mit zwei autobegeisterten Kindern müssen es mindestens vier Sitze plus etwas Komfort plus ein Minimum an Sicherheit sein.

Das Anforderungsprofil "meines" Klassikers sieht zudem viele Alltagsfahrten vor (womit sensible Exoten bereits ausscheiden). Die Technik sollte dabei überschaubar bleiben, falls man wie ich zu den Menschen gehört, die keine Lust haben, Nächte und Wochenenden mit Reparatur- und Pflegediensten zu verbringen oder monatelang einem bestimmten Ersatzteil hinterherzujagen. Schließlich sollte das Auto rallyetauglich sein und sich jederzeit wieder ohne größeren Verlust veräußern lassen, wenn es am Ende doch ein italienischer Sportwagen sein muss. Im Moment kommt jedoch nur ein Modell in Frage, das einem das Leben in der Klassiker-Welt nicht unnötig schwer macht.

Natürlich darf man jetzt nicht den Fehler machen, sich ein Auto durch Vernunftargumente schönzureden. Doch so etwas hat die Heckflosse zum Glück nicht nötig. Ihr glamouröser Auftritt ist über alle Zweifel erhaben, selbst im Jahr 51 nach ihrer Präsentation.

Sicherheitszelle, Knautschzonen und Panzerschrank-Bauweise

Der 220 S der Baureihe W 110 kam zuerst, brachte 1959 als neue Oberklasse einen Hauch von Hollywood auf hiesige Straßen. Trapezform, Panoramascheiben, besagte Heckflossen und ein Schuss schwäbische Bodenständigkeit - als hätten amerikanische, italienische und deutsche Designer diesmal gemeinsam eine Karosserie entworfen, deren Aufgabe es war, zu zeigen, dass es einem gut geht. Aber auch unter dem modischen Blechkleid wehte plötzlich viel frischer Wind. Die Besatzung umgab eine neu konstruierte Sicherheitszelle mit genau definierten Knautschzonen, die sich im Falle eines Unfalls kontrolliert verformen sollte. Hinzu kamen Panzerschrank-ähnliche Türen und eine Prallplatte auf dem Lenkrad, zudem wurde alles Scharfkantige aus dem Innenraum verbannt. Mercedes-Sicherheits-Vordenker Béla Barényi konnte seiner Version eines sicheren Autos freien Lauf lassen. Mit dem Resultat, dass dieser Wagen nicht nur optisch eine Burg ist.

Dabei spielt es keine Rolle, ob es ich um die Oberklasse-Versionen (W 111) handelt oder um die Mittelklasse-Ableger (W 110), die ab 1961 als 190er und schließlich vier Jahre später als 200er sowie als 230 präsentiert wurden. Die Letztgenannten sind 14,5 Zentimeter kürzer als die noble Oberklasse, ihnen wurde die neue Einheitskarosserie jedoch lediglich im Vorderwagen gestutzt - was diesen Modellen rasch die Bezeichnung "die kleine Flosse" einbrachte. Anders als dieser Spitzname es vermuten ließe, sind die Heckflossen bei allen Modellen identisch.

Im Daimler-Vokabular heißen sie ohnehin Peilstege, die das rückwärtige Einparken erleichtern sollten. Vermutlich waren sich die Designer plötzlich selbst nicht mehr ganz so sicher, ob dieser modische Auswuchs für ein schwäbisches Automobil nicht doch eine Spur zu mutig war. Wohl deshalb musste eine Alibifunktion her.

Spagat gelungen: Stattlicher Auftritt und doch übersichtlich

Ein paar Schritte noch bis zum Auto, einem 200er von 1965. Also eine kleine Flosse, die jedoch viel größer als in der leicht verblassten Erinnerung scheint: Länge vierdreiundsiebzig, Breite knapp eins achtzig - das ist immer noch gutes Oberklasse-Format. Durch den gekürzten Vorderwagen haben sich die Proportionen zwar ein wenig verschoben, weil nun das Heck etwas übergewichtig wirkt. Das Überholprestige dürfte darunter dennoch nicht gelitten haben, weil nicht viele Autos über so eine Respekt einflößende Frontansicht verfügen. Aus dem Material der monumentalen Kühlerattrappe ließe sich vermutlich auch ein Gartentor biegen.

Doch diesen Mercedes W 110 mit Zweilitermotor wird heute niemand mehr auf der linken Spur erwarten, für solche Fluchten nach vorn reichen die 95 PS des Vierzylinders schon lange nicht mehr aus. Seinerzeit war die Leistung bei dem 1.330 Kilo schweren Fahrzeug jedoch gut, um mit maximal Tempo 162 zu den Schnelleren auf der Bahn zu gehören. Mit Ausnahme der raren, 170 PS starken 300er-Oberflosse, deren komplett aus Leichtmetall gefertigter Sechszylinder quasi direkt vom Flügeltürer abstammt, dürfte der Begriff Cruiser auf diese Gattung inzwischen am ehesten zutreffen.

Drinnen verströmt der 200er ohnehin keinerlei sportliche Ambitionen. Da gleicht er viel mehr einem mobilen Wohnzimmer, dessen Großzügigkeit so beruhigend wirkt wie der Blick aufs Meer, und in welches das Licht wegen der dünnen Dachpfosten und der riesigen Fensterflächen ungehindert von allen Seiten strömt. So viel Raum und Durchsichtigkeit ist man von neuen Autos schon lange nicht mehr gewöhnt.

Jahresurlaubstauglich - der Kofferraum  schluckt 640 Liter

Ein so großes Lenkrad wie im Mercedes W 110 habe ich ebenfalls seit Ewigkeiten nicht mehr in den Händen gehalten, und selbst die Motorhaube der kleinen Flosse scheint vom Fahrersitz aus gesehen erst irgendwo am Horizont zu enden. Der Blick nach hinten hinterlässt einen ähnlichen überwältigenden Eindruck, denn das Ladeabteil fasst 640 Liter.

Trotz seiner Größe fährt sich der 200er kinderleicht. Die linke Hand vermisst beim Lenken nicht einmal eine Servounterstützung, während sich der rechte Arm auf der bei Bedarf hochklappbaren Mittellehne entspannt. Minuten später schwimmt der 200er vollkommen problemlos durch den modernen Stadtverkehr, dessen Hektik am Blech des Autos abprallt wie ein Tennisball, der gegen ein Garagentor geschlagen wird. Nur die Automatik sortiert die vier Gänge eine Spur zu schonungslos. Bei jedem Wechsel geht ein heftiger Ruck durch den Mercedes.

Draußen auf dem Land leistet sich die Flosse eine weitere kleine Schwäche. In Kurven schwankt sie ein wenig wie ein Katamaran bei leichter Dünung. Eine Eigenart, die zu Lasten der hinteren Pendelachse geht, die trotz zähmender Maßnahmen weiterhin ein spürbares Eigenleben führt. Aber das lässt sich locker verschmerzen. Weil die Laufruhe des Motors nicht einmal vom rauen Sechszylinder im 230er übertroffen wird. Oder weil das Auto Platz für die ganze Familie bietet und man damit sogar an der nächsten "Peking to Paris Motor Challenge" teilnehmen könnte (zumindest in der Theorie). So ein Auto dürfte durchaus eine größere Rolle in meinem Leben spielen.

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