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Mercedes-Benz 220 SE Coupé

Unterwegs im Pon­ton Coupé

Mercedes-Benz 220 SE Coupé Foto: Frank Herzog 12 Bilder

Mercedes-Benz 220 SE Coupé. Es steht im Schatten des glamourösen Cabriolets, ist seltener und ein Drittel billiger. All das macht aus dem Ponton Coupé einen Geheimtipp für Genießer handwerklichen Automobilbaus.

06.09.2009 Alf Cremers Powered by

Seine eigenwillige Form mit der fremd anmutenden Dachlinie polarisiert. Sie wirkt trotz hinterer Panoramascheibe wie ein improvisiertes Hardtop und ließ das Coupé jahrzehntelang im modischen Windschatten des Cabriolets fahren. Der mondäne offene Mercedes-Benz 220 SE Coupé war stets der Held der Ponton-Generation, am liebsten zweifarbig lackiert und mit rotem Leder ausstaffiert. Vor allem betuchte Amerika­ner griffen begeistert zu - ihnen gefiel die Mischung aus glamourösem Styling und hochwertiger Verarbeitung. Das gab es selbst bei Cadillac und Lincoln nicht.

Nur 2.081 Mercedes-Benz 220 Ponton Coupés gebaut

Frisch ab Werk Sindelfingen waren Coupé und Cabriolet Ende der 50er Jahre gleich teuer - 21.500 DM kostete der 220 S, stolze 23.400 DM der Mercedes-Benz 220 SE. Eine 300er-Limousine, das damalige Nonplusultra in Sachen Fahrkultur und Repräsentation, rückte mit 27.000 DM schon in greifbare Nähe. Nur 2.081 Mercedes-Benz 220 Ponton Coupés verlie­ßen größtenteils in Handarbeit gefertigt die Werkshallen, das Cabriolet brachte es mit 3.290 Exemplaren immerhin auf ein gutes Drittel mehr. Es war Liebe auf den ersten Blick, als der Autor, den stillen Stars stets eher zugetan als den eitlen Hauptdarstellern, das horizontblaue Coupé im weiß gefliesten Schauraum von Mercedes-Benz-Papst Klaus Kienle entdeckte.

Mercedes-Benz 220 SE Coupé fristete unscheinbares Dasein

Überstrahlt von den schwarzen Kom­pressorriesen der Vorkriegszeit, den wie frisch vom Band restaurierten 300 SL Flü­geltürern und Roadstern, fristete Mercedes-Benz 220 SE Coupé 220 SE Coupé aus dem letzten Baujahr 1960 und deshalb mit 120 PS bereits genauso stark wie die Nachfolge-Generation, ein unscheinbares Dasein. Wer nicht genau hinsieht, fragt sich womöglich, was denn der schnöde 180 Diesel hier verloren hät­te? Das pausbäckige Gesicht erinnert schon sehr an Vaters Ponton. Faszinierend sein schlichter Auftritt im gedeckten Pastellton.

Frisch gewienertes Mercedes-Benz 220 SE Coupé 

Das große Stahl­schiebedach einladend geöffnet, die prachtvolle Instrumententafel sinnlich präsentiert, macht es Lust auf etwas Auslauf an einem sonnigen Herbsttag, um seine Lebensgeister aufzuwecken. Am nächsten Tag schon steht es bereit, zuge­lassen, frisch gewienert und voll getankt auf prall gefüllten Diagonalreifen, schlan­ke 13-Zöller ohne Weißwandringe. Das Schiebedach des Mercedes-Benz 220 SE Coupé  bleibt offen. Die verchromte Klaue, ein Mercedes-Zubehör-Urgestein, das immerhin bis zum 190 EW 201 überlebt hat, wird beherzt bis zum hinteren Anschlag gezogen.

"Unrestaurierter Originalzustand", bemerkt Klaus Kienle anerkennend, während die Reifen beim rückwärts Einschlagen auf dem roten Fliesenboden der Werkstatt leise quietschen. Mit einem nicht ganz ernst gemeinten Lächeln mahnt er zur vorsichtigen Fahrweise: "Der Mercedes-Benz 220 SE Coupé  ist schon nach Japan verkauft, er braucht nur noch etwas Feinarbeit." Die Lenkung geht beim Rangieren schwer, das Servozeitalter ist seinerzeit selbst im 300 noch nicht angebrochen. Die Lenkradschaltung ist dagegen von spielerischer Leichtigkeit und Präzision. Es macht Freude, sie zu bedienen - nur der Rückwärtsgang zeigt sich manchmal zickig. Auf den ersten 20 Kilometern muss sich der Fahrer an die vier Trom­melbremsen gewöhnen, die gern einsei­tig ziehen und trotz Bremskraftverstärker anfangs den entschlossenen Tritt aufs stehende Pedal erfordern.

Mit dem Mercedes-Benz 220 SE Coupé kommt man gut voran

Das Temperament des stets kernig klingenden Sechszylinders unter der Motorhaube des Mercedes-Benz 220 SE Coupé erlaubt ein müheloses Mitschwimmen im Verkehrs­strom. Man kommt gut voran. Frühes Hochschalten, unterstützt vom fülligen Drehmoment, sichert die standesgemä­ße Laufruhe des Einspritzers, dessen har­tes Verbrennungsgeräusch bei hohen Drehzahlen entfernt an den 300 SL erin­nert. Seine obenliegende Nockenwelle weist ihn als fortschrittliche Konstrukti­on aus, nur vier Kurbelwellenlager ver­hindern das letzte Quäntchen Geschmei­digkeit.

Und die Verdichtung von 8,7:1 ist für die damalige Zeit schon ein mutiger Wert. Um zum Fotoschauplatz Schwäbische Alb zu kommen, sind sogar 60 Autobahnkilometer notwendig, der Mercedes-Benz 220 SE Coupé pendelt sich auf sein Lieblingstempo 120 km/h ein. Der Pfeil des modischen Breitbandtachos verharrt dort gern, Öl­druckmesser und Fernthermometer si­gnalisieren Wohlbefinden. Man vermisst allerdings für den einfühlsamen Dialog den Drehzahlmesser der SL-Modelle. Mensch und Maschine sind in harmo­nischem Einklang, das Schiebedach bleibt weit offen. Das Becker-Grand-Prix-Radio hätte keine Chance, sich Ge­hör zu verschaffen.

Hoher Fahrkomfort im Mercedes-Benz 220 SE Coupé

Nicht nötig, es ist schon optisch ein Genuss. Doch nicht nur die Tachonadel pendelt. In den aus­gefahrenen Spurrillen des rechten Fahr­streifens schlingert der Mercedes-Benz 220 SE Coupé wie ein Rheindampfer vor Schaffhausen. Trotz­dem kommt kein unsicheres Gefühl auf, lässig pariert der Fahrer mit dem Lenk­spiel um die Mittellage. Bei Merklingen lassen wir die Auto­bahn hinter uns, es folgen entspannte Landstraßenkilometer unter leuchtend buntem Herbstlaub. Ab und zu riskiert der Fahrer einen Blick nach oben durchs riesige Schiebedach.

Es macht einfach glücklich, zügig mit dem Mercedes-Benz 220 SE Coupé abseits der Magistralen unterwegs zu sein und die Serpentinen des Albaufstiegs bei Aufhausen unter die Räder zu nehmen. Das Publikum reagiert auf ihn so freudig und vertraut, als wäre Onkel Hermanns 180 Diesel plötzlich wieder auferstan­den. Beeindruckend ist der Fahrkomfort des 45 Jahre alten Luxuswagens. Das ho­he Gewicht von exakt anderthalb Tonnen und die weich federnde und straff ge­dämpfte Eingelenk-Pendelachse bügelt auch holprige Straßen souverän glatt.

Mercedes-Benz 220 SE Coupé untersteu­ert harmlos

Forciertes Kurvenfahren, eine für Foto­aufnahmen durchaus erwünschte Diszi­plin, gelingt ohne ein Gefühl der Unsi­cherheit. Die wegen ihrer Spur- und Sturzveränderungen oft kritisierte Pen­delachskonstruktion - "Fritz-Nallinger-Gedächtnisachse" heißt nur eine der vielen Schmähungen -, bleibt lange friedlich, das Mercedes-Benz 220 SE Coupé untersteu­ert harmlos. Pause vor der Abenddämmerung. Zufrieden knistert das gut warm gefah­rene Ponton Coupé im Schatten einer Buche vor sich hin. Muße, es auf sich wirken zu lassen - in allen Details. Schöner wohnen heißt nicht zufällig die Überschrift.

Öffnet man die breite Fahrertür mit dem kunstvoll ge­schwungenen Chromrahmen, glaubt man das Coupé eines Luxuszugs zu be­treten. Zwei große, mit feinem grauen Leder bezogene Clubsessel bilden das Erster-Klasse-Abteil. Die Instrumente sind in üppiges Palisanderholz gebet­tet, mit kühnem Schwung und liebe­voller Hingabe umarmt es handbreit den gesamten Passagierraum. Die Kar­tentaschen in den mit Leder tapezier­ten Türverkleidungen tragen neckische Spangen zum Öffnen. Eine geflochtene Ledertroddel wei­ter hinten erlaubt Fondpassagieren das Zuziehen der vorderen Türen.

Mercedes-Benz 220 SE Coupé bietet wertvolleres Ambiente

Sie sitzen in einer breiten Nische. Die Sitzbank lässt sich zur Gepäckablage umklap­pen, was bei dem riesigen Kofferraum zwar nicht nötig ist, andererseits de­zent signalisiert, dass es sich beim Pon­ton Coupé eher um einen Zwei-plus­zwei handelt. Auf einer guillochierten und ver­chromten Metallleiste prangen die ein­heitlich gestalteten Bedienungsknöpfe für Park- und Fahrlicht, Instrumentbe­leuchtung, für den Tageskilometerzäh­ler, den Anlasser und fürs zweistufige Gebläse im Mercedes-Benz 220 SE Coupé. Massive Heizungsregler be­grenzen die festliche Tafel links und rechts, oben wird der Aschenbecher von Scheibenwischerschalter und Zi­garettenanzünder flankiert.

Das ist ein ungleich wertvolleres Ambiente als die frugale Bakelit-Welt des 180 Diesel, der immer wieder im Gedächtnis mit­schwingt. In der blauen Stunde vor Sonnen­untergang setzen wir die Fahrt fort. Vom Fahrersitz fällt der Blick auf die lang geschwungene Motorhaube. Ihr guter Stern auf allen Straßen hieß frü­her die verheißungsvolle Botschaft von Daimler-Benz an seine Kunden. Das Mercedes-Benz 220 SE Coupé löst das Versprechen ein.

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