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Mercedes Benz 280 E AMG im Fahrbericht

Manni Manta fährt jetzt Mercedes

Mercedes- Benz 280 E AMG, Seitenansicht Foto: Hardy Mutschler 16 Bilder

Man braucht viel Fingerspitzengefühl, um die feine Note eines Mercedes Benz 280 E AMG zu spüren. Die Mehrleistung zeigt sich dezent, der Aufpreis verschwindet in einer langen Liste von Extras. Der Reiz liegt im Auftritt. Es ist das Ornat des Königstigers, das aus dem Volks-Mercedes ein Auto für Kenner macht.

12.11.2012 Alf Cremers Powered by

Der Mercedes Benz 280 E AMG ist der sanfteste Wilde, den man sich vorstellen kann. Selbst ein kundiger Sternendeuter muss schon sehr genau auf die kleine AMG-Metallplakette am Zylinderkopf sehen, um zu glauben, dass dieser Wolf im Schafspelz tatsächlich im Fitness-Studio der Tuning-Gurus Aufrecht und Melcher zur Kur war. Kryptische Zeichen sind dort als Echtheitsbeweis eingeschlagen: "AMG-155 kW-6300 U/M". Die Metallplombe erinnert an die Knopf-im-Ohr-Marke von Steiff. Hätte er sie nicht, würde das AMG-Make-up peinlich wie grelle Vorstadt-Schminke wirken. Manni Manta fährt jetzt Mercedes.

Der sanfte Wilde hat lediglich 25 PS mehr

Der Sechszylinder-Doppelnockenwellen-Motor mit dem majestätischen Zylinderkopf leistet nun 210 PS bei 6.300/min statt 185 PS bei 5.800/min. Sein gekröntes Haupt trägt schwarzen Kräusellack wie früher schon die BMW-Sechszylinder von Alpina. Ein Plus von 25 PS steht bereits für die zweite von drei AMG-Leistungskuren. Sie kostete einst 3.495 Mark und bleibt dennoch unauffällig.

Beim Beschleunigen klingt der Mercedes Benz 280 E AMG etwas kerniger als der Serienmotor, im Stand läuft er eine Nuance rauer, wie es die M110-Motoren jenseits von 200.000 Kilometern gern tun. Beim sanften Wilden von 1982 stehen sogar 242.000 auf der Uhr. Sie lassen den robusten Sechszylinder immer noch unbeeindruckt, wenn die sechs Liter Öl in der verrippten Alu-Wanne nach dem Start behutsam erwärmt werden.

Der sanfte Wilde gleitet vollautomatisch - Kickdown statt mit knorrigem Fünfgang-Sportgetriebe entfesselte 7.000 Touren ausdrehend davonzustürmen.

Dabei haben die Herren AMG den Ventiltrieb erleichtert, die Nockenwellen geschärft, Schlepphebel und Ansaugkanäle poliert - klassisches Tuning eben, ohne die K-Jetronic oder den Kurbeltrieb samt Kolben anzurühren. Hinter dem großen Schatten, den das so herrlich zeitgeistige Atiwe-Lederlenkrad des Mercedes Benz 280 E AMG auf die Taxi-Instrumente wirft, kommt nicht einmal ein Drehzahlmesser zum Vorschein, sondern eine Zeituhr groß wie eine Abba-LP.

Mercedes hielt ihn lange Zeit nur bei den SL-Modellen für nötig. Mit dem Atiwe spricht das Blaupunkt-Schwanenhals, alias Berlin. Beide erzählen von ihrem Ruhm als einst sündhaft teure Design-Trendsetter, heute sind sie Kult wie eine Polaroid SX-70 oder eine Cazal-Sonnenbrille.

Von einem AMG erwartet man energisches Zupacken

Dieser Mercedes Benz 280 E AMG hat es eben mehr mit ein paar coolen Accessoires als mit technischem Overkill. Ohne Sperrdifferenzial fehlt es dem sanften Wilden schon im nassen Herbstlaub bei entschlossenem Anfahren an Traktion. Von einem AMG erwartet man keine Schüchternheit, sondern energisches Zupacken.

Anstelle von Recaros, auf den engen Körperkontakt ausgelegt, umschmeicheln Fahrer und Beifahrer des Mercedes Benz 280 E AMG die matratzigen Federkern-Seriensitze in dezentem Karogeflecht. Leder? Zu teuer. Velours? Zu spießig. Aber Kopfstützen im Fond wie eine Chauffeurlimousine und Scheinwerferwischer wie ein devoter Volvo-Kombi.

Sein im Grunde unsportliches Wesen im Verbund mit dem stylischen Siebziger-Jahre-Jogging-Outfit machen gerade diesem 123er zum Glanzlicht der weit verzweigten Sippe. Es ist ein Mercedes Benz 280 E AMG-light, dessen silberne Kriegsbemalung auf dem intensiven magnetitblauen Lack einen wunderbaren Kontrast zaubert.

Das bunte Candy-Blau, eine DB-Originalfarbe mit Codenummer 931, kann man sich auch auf einer Kawasaki Z 1000 vorstellen, der Vorbesitzer bestand auf diese nachträgliche Sonderlackierung. Auch der goldbronzene Kreuzspeichenstern in den nachgerüsteten breiten Rial-Rädern sorgt für einen modischen Tuning-Akzent. Dazu passen die deutlich sichtbare Tieferlegung um jeweils zwei Federwindungen und der klobige AMG-Spoiler unter der verchromten Stoßstange des Mercedes Benz 280 E AMG

Mercedes 280 E AMG ist ein Kind der Siebziger

Dieser 82er Mercedes 280 E im exklusiven AMG-Ornat ist ein Auto mit grenzwertigen Siebziger-Jahre-Geschmack, das sich in die Achtziger verlaufen hat. Es fehlt nur noch die schwarze Gummilippe à la 450 SLC 5.0 hintendrauf. Aber auch in der Heckansicht konterkariert die Anhängerkupplung des Mercedes Benz 280 E AMG jedwede Sportlichkeit. Der verchromte Kugelkopf wirkt da geradezu wie eine Parodie auf geschwärzte Chromteile, straffe Gasdruckdämpfer von Koni und feuerwehrrote Hosenträgergurte von Schroth.

Timo Auer fiel dieser außergewöhnliche 123er in die kundigen Hände. Er ist 38, gelernter Karosseriebauer und handelt im Betrieb seines Vaters mit gebrauchten Mercedes-Teilen von der Heckflosse bis zum 124er. Marode Schlachtfahrzeuge mit abgebrochenem Stern bilden die melancholische Kulisse für den stahlblauen Mercedes Benz 280 E AMG, die verlorenen Strichacht-Coupés und die dem Tode geweihten Hundertachter-Limousinen spielen im Hintergrund einen Benz-Blues, der sensible Gemüter bewegt. Auch der 280 E AMG ist für viele ein beredter Zeitzeuge, vielleicht wirkt der Wagen deshalb so vertraut.

Der 123er hat das Leben einer ganzen Epoche geprägt

Er tut dies natürlich auch, weil es ein 123er ist, also tiefstes Deutsches Auto-Allgemeingut, das wohl jeder verinnerlich hat. Ob Taxi, Polizeiauto, Krankenwagen, Bestatter - selten hat ein Wagentyp das Leben einer Epoche so geprägt wie der 123er. Selbst der sanfte Wilde trägt diese Attitüde bürgerlicher Normalität.

Der Mercedes Benz 280 E AMG ist kein Brandstifter, viel mehr brave Limousine. Den konstruktiv schon sehr sportlichen M110 hat die AMG-Kur noch mehr auf den spitzen Peak seiner Drehmomentkurve gebracht. Die Durchzugsschwäche des Doppelnockers untenrum kaschiert der Wandler. Die Drehfreude und das spürbar freiere Atmen über 5.000 Touren werden deutlich, wenn der Fahrer die Stufen von Hand schaltet.

Auch die AMG-Fahrwerkskur mit Breitreifen, Tieferlegung und strafferer Dämpfung macht aus einem 123er noch keinen kurvengierigen Sportwagen. Zwar verringert sich in schnellen Biegungen die Seitenneigung spürbar, aber aus der normalerweise brav untersteuernden Limousine wird erst dann eine brüske Heckschleuder, wenn man das Lenkrad plötzlich bei hohem Tempo herumreißt.

Die Prise AMG, die der sanfte Wilde abbekam, verändert seinen Fahrcharakter nur minimal. Doch sein außergewöhnlicher Auftritt ist eine Attraktion. So wird der Mercedes Benz 280 E AMG zum magnetitblauen Edelstein unter den vielen kieselgrauen 123ern. AMG baute seinerzeit sogar Fünfliter-V8-Triebwerke in die biedere Mercedes-Mittelklasse, aber muss das sein? Der M110 ist sowieso der viel sportlichere Motor.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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