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Mercedes-Benz 280 SE Cabriolet (W111) im Fahrbericht

Sternen-Traumschiff aus erster Hand

Mercedes-Benz 280 SE Cabriolet Foto: Rossen Gargolov 15 Bilder

Es ist schwer, ihm zu widerstehen. Er ist schön, elegant und begehrenswert. Der Charme des Flachkühler-Cabriolets bleibt jedoch nicht nur Fassade, auch die inneren Werte stimmen.

31.10.2009 Alf Cremers Powered by

Klaus Kienle zögert nicht lange, als man ihn am Telefon bittet, uns ein Flachkühler-Cabriolet für diesen Fahrbericht zur Verfügung zu stellen. Es gelingt dem cleveren Schwaben, Gründer und Inhaber des weltweit bekanntesten Mercedes-Restaurierungsbetriebs, uns sogar umzupolen.

Der Mercedes 280 SE ist ein glamouröser Rauschgoldengel

"Einen Achtzylinder wollt ihr, aber ich habe gerade einen wunderschönen Sechszylinder reinbekommen. Ein unrestauriertes Ersthandauto, Baujahr 1970, mit original 92.000 Kilometern. Eine Rarität in der bildschönen Kombination sandbeige-metallic mit braunem Verdeck", schwärmt Kienle - und wer ihn kennt, weiß, dass er selten so schwelgt.

Der Redakteur hält inne und gibt zu bedenken, dass schließlich ein Achtzylinder in der Vorschau angekündigt sei, fährt hinaus nach Heimerdingen und kann dem glamourösen Rauschgoldengel nicht widerstehen. Zustand und Anmut des edlen Wagens sind wirklich atemberaubend. Der Achtzylinder unten auf dem Hof in Uni-Dunkelgrün mit den geschmiedeten Fuchs-Leichtmetallrädern und nachgerüstetem Radlaufchrom hat keine Chance. Wir vertagen den 280 SE 3.5 auf eine spätere Titelgeschichte, versprochen.

Sechs sticht acht - trotz des eklatanten Leistungsmankos von 40 PS. So war es aber auch vor 35 Jahren, zumindest bei den Produktionszahlen. Da stand es 1.390 zu 1.232 für den Sechszylinder, heute ist das intern W 111 E 28 genannte Modell deutlich seltener als der zugegeben unter dem Strich begehrtere V8.

Majestätisch rollt der 280 SE mit offenem Verdeck aus dem weiß gefliesten Schauraum. Der Sechszylinder-Reihenmotor springt spontan an und fällt in einen ruhigen gleichmäßigen Lauf. Das säuselnde Zirpen, das Verlässlichkeit suggeriert, ist typisch für das altgediente Mercedes-Aggregat und weckt Assoziationen an Pagode und große Flosse. Mit der ledernen Persenning auf der üppigen Verdeckbrüstung am Heck wirkt er wie ein feiner Herr mit hochgeschlagenem Mantelkragen. Die gestreckte Linie des offenen Luxusliners wird von der 10 Zentimeter breiteren und 7 Zentimeter niedrigeren Kühlerattrappe, der er seinen Spitznamen verdankt, noch unterstrichen.

Das 280 SE Cabriolet ist ein top-ausgestattetes Exemplar

Stolze 87.500 Euro soll der goldene Flachkühler kosten, sagt Kienle. Ein Preis an der oberen Grenze, aber unrestaurierte Autos mit leichter Patina und lückenlos nachweisbarer Geschichte seien eben selten wie die sprichwörtliche Blaue Mauritius. Am 31. Januar 1970 zahlte ein Bäckermeister aus Koblenz für sein goldenes Traumschiff laut beiliegender "Vorläufiger Wagenabrechnung" 34.268,50 Mark inklusive Sonderausstattungen wie Halogenscheinwerfer, Automatic, Servolenkung und einem Becker Autosuper Typ Europa mit Motorantenne. Stilistisch betrachtet haben sich die großen Coupés und Cabriolets über ihren langen Lebenszyklus von einem Jahrzehnt gut gehalten. Der junge Paul Bracq schuf 1961 mit leicht verspieltem Strich eine ausgewogene und betont elegante Karosserieform. Modisch wollte man bei Mercedes nie sein, aber "stets in Rufweite der Mode", wie es Karl Wilfert, der Leiter der Karosserieentwicklung, einmal treffend formulierte.

Eigentlich nahmen die 111er-Coupés und Cabriolets den S-Klasse-Nachfolger W 108 von 1965 vorweg. Das Facelift des flachen Kühlers kam im Spätherbst ihres Lebens. Erst zur IAA 1969, als der moderne Achtzylinder im traditionellen Gewand präsentiert wurde, nahm man Abschied vom steil aufragenden gotischen Giebel, den auch der 280 SE im ersten Modelljahr noch trug.

Als die wuchtig gezeichnete Nachfolgegeneration als 350 SL und SLC 1971 erschien, alterten die filigranen Coupés und Cabriolets rapide und verloren rasch an Wert. Mitte der Achtziger ging es wieder aufwärts, und heute ist ein Flachkühler-Cabriolet rund 20.000 Euro teurer als eine Pagode.

Das noble Mercedes-Cabriolet begeistert mit überragender Verarbeitung

Wenn es darum geht, die Phase klassischer Eleganz bei Mercedes-Benz zu illustrieren, sind die großen Coupés und Cabriolets begehrte Ikonen. "Das war noch ein echter Mercedes", hallt es schon beim ersten Tankstop bewundernd aus dem Publikum. Der Tankeinfüllstutzen liegt hinter der Nummernschildklappe. 82 Liter gehen rein, bei entspanntem Fahren nicht über 4.000 Touren braucht der Luxusliner angemessene 14,5 Liter. 382 unvergessliche Kilometer wird der Tageskilometerzähler im großen bis 240 km/h reichenden Tacho anzeigen.

Das schwarze Lenkrad mit verchromtem Hupring ist groß, der Fahrer sitzt hoch und hat das Auto dank der leichtgängigen Servolenkung und dem verblüffend kleinen Wendekreis bestens im Griff. Der zierliche Lenkradwählhebel rastet sauber ein. Dabei gibt es einen spürbaren Ruck, typisch für die frühere Generation der Mercedes-Automatik mit hydraulischer Kupplung.

Vom breiten Ledersessel bietet sich ein famoser Ausblick auf die endlos scheinende Motorhaube mit ihren sanften Rundungen. Von weitem grüßt der Stern, aufrecht und stolz glitzert er in der Sonne. Das Instrumentenbrett lächelt den Fahrer an - in Leder gebundenes Wurzelholzfurnier mit fein gezeichneten großen Uhren und einem Kombiinstrument in der Mitte, dünne Chromrähmchen wirken wie Intarsien. Jeder Griff und jeder Hebel sieht aus, als sei er in einer Manufaktur entstanden.

Man fährt den großen offenen Wagen mit jener respektvollen und bedächtigen Langsamkeit, die den Genuss ins Endlose steigert. Nach Leder duftet es sogar bei offenem Verdeck. Kontinuierlich gewinnt der 280 SE an Tempo. Der Fahrer weiß genau, wann die Viergang-Automatik mit zartem Räuspern den nächsten Gang einlegt. Er hat das dünne Bakelit-Lenkrad fest im Griff.

Der Sechszylinder passt perfekt zum offenen Mercedes 280 SE

Manchmal taumelt es gemütlich um die Mittellage, wenn Fahrbahnunebenheiten auszugleichen sind. Aber dies gehört zum Charakter des Traumschiffs, das mit Verstand auf Kurs gehalten werden will. In schnell gefahrenen Kurven wird die Eingelenk-Pendelachse von der hydropneumatischen Ausgleichsfeder gezähmt, Spur und Sturz bleiben stabil, während die vier Scheibenbremsen wirksam verzögern.

Der Einspritzmotor zeigt sich kultivierter als in der Pagode, er wirkt nicht so ausgequetscht, sein Geräusch klingt beim Ausdrehen weniger scharf. Dennoch ist er keine sanfte Natur, der Achtzylinder bietet deutlich mehr Laufkultur. Trotzdem vermisst man ihn nicht, 160 PS reichen aus, um gut mithalten zu können. Zudem fühlt man es irgendwie, dass der Sechszylinder traditionell stärker mit dem Cabriolet verwurzelt ist, der V8 wirkt wie nachträglich transplantiert.
Bleiben beim Traumschiff noch Wünsche offen? Oh ja, die Scheinwerferhauben blicken freundlicher als die vorwitzigen Halogenscheinwerfer, und der rechte Außenspiegel sollte sich zurücknehmen und auf die Höhe des Ausstellfensters rücken. Dann wäre es perfekt.

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Die Mercedes-Cabriolets der Baureihe W 108 und W 111 ...
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