Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Mercedes-Benz E 500 (W124)

Vom anderen Stern - der Über-124er

Mercedes-Benz 500 E (W124), Baujahr 1991 Foto: Hardy Mutschler 16 Bilder

Der Mercedes 500 E, bei Porsche gebaut und in Weissach erprobt, setzt auf Understatement. „Feuer und Seide“ titelte einst der Prospekt für die Werbung. Kann er wirklich beides?

21.09.2011 Alf Cremers Powered by

Anfangs mochte ich ihn nicht. Der Mercedes-Benz 500 E war mir zu aufdringlich, erst recht in Schwarz. Arrogant kam er mir vor, mit seinen ausgestellten Kotflügeln, dem betonten Frontspoiler und den wuchtigen Acht-Zoll-Rädern. Stets schien er die Überholspur zu suchen, sogar in Parkhäusern oder auf dem Supermarkt-Parkplatz.

Mercedes 500 E: Business-Jet für die Autobahn

Er ist schneller und teurer als ein 560 SE, ein viertüriger Porsche von Mercedes. Ich hingegen mag es gern schlicht. Deshalb faszinierte mich viel mehr der unscheinbare Mercedes-Benz 400 E, der äußerlich auch ein 230er sein könnte. In Arcticweiß, mit Lammfell- Schonbezügen und abnehmbarer Anhängerkupplung wäre er maximal unverdächtig. Kein Mensch käme dann auf die Idee, einen 286 PS starken Vierventil-V8 vor sich zu haben, der auch noch 250 km/h schnell ist. Da muss der Mercedes-Benz 500 E, dieses eingebildete Alphatier, sowieso abriegeln.

Heute habe ich den Mercedes-Benz 500 E verstanden. Ich habe ihm Unrecht getan, er ist kein Angeber, er musste so sein. Er ist etwas ganz Besonderes, etwas Unvergleichbares, und das darf man auch sehen. Die Zeiten sind anders als beim 6.3 Liter. Da sah man diese haushohe 250 PS-Überlegenheit nicht, bis auf den kleinen Drehzahlmesser, der ihn verriet. Erst der Mercedes-Benz 500 E macht aus der biederen Gebrauchtwagen-Limousine W 124 ein klassisches schönes Automobil. So hinreißend und verführerisch, dass selbst seine Schwestern Coupé und Cabriolet das Nachsehen bei der Misswahl haben. Die Mercedes-Benz 500 E-Limousine stiehlt ihnen die Schau, sie wird zum Blickfang wie eine ungeschminkte Naturschönheit, die plötzlich ein dezentes Make-up aufträgt, hohe Pumps überstreift und ein kurzes Kleid mit tiefem Ausschnitt anzieht. Ein bisschen Glamour braucht der 124. Der Mercedes-Benz 500 E muss ihn sich nicht erst über Extras holen. Colorglas, Alu-Räder und Metallic-Lack gibt es gratis. Die reizvolle Kombination aus almandinrotem Lack und schwarzem Leder verstärkt diese reizvolle Signalwirkung bei unserem Exemplar.

Sternträger aus Zuffenhausen

In Zeiten exaltierten Auto-Designs, das sich selbstverliebt inszeniert, ist ein Mercedes-Benz 500 E selbst in gewagtem Lippenstift-Rot dezent wie nie zuvor. Nur Kennern zeigt er den Pass, in dem der Geburtsort Stuttgart-Zuffenhausen trotz erweiterten Karosserie-Rohbaus und der Manufaktur- Endmontage bei Porsche nicht vorkommt. Der Buchstabe B in der Identnummer steht wie A für Sindelfingen. Dass der Schriftzug fehlt, schmerzt mich. „500 E“, das wäre ein selbstbewusstes Bekenntnis zum Königstiger unter den 124ern.

Soll ich den Besitzer quälen und auch noch orangene Blinker einfordern? Von meinem 200 D Automatic, dieser bauartbedingten Antithese zum Mercedes-Benz 500 E ohne Drehzahlmesser und Sport-Modus, würden sie passen. Ich muss den Mercedes-Benz 500 E auf mich wirken lassen, noch bevor ich losfahre. Das satte Tresorgeräusch der Türen hören, das leise Surren des elektrischen Schiebedachs, die Musik der Crusaders, die wehmütig aus den Fondlautsprechern klingt. Klassik-Lounge heißt der Sender, den das Becker Mexico 2000 empfängt. Es gehört serienmäßig in die mit zahlreichen Schaltern bestens ausbalancierte Mittelkonsole des Mercedes-Benz 500 E. Sie ist die Quelle einer warmherzigen Wurzelnuss-Landschaft, die mein Herz erfreut, weil sie nicht mit modischen Gags überfrachtet ist wie heute. Am liebsten möchte ich vorn und hinten gleichzeitig sitzen, so einladend geben sich die prallen hinteren Ledersessel, eingerahmt von wohlgeformten Kopfstützen. Den Duft des perforierten Rindleders möchte ich einatmen, das die Sportsitze tragen. Ihre Steppung ist wie beim R 129, dem klassisch-eleganten Sacco-Roadster mit der längsten Lieferzeit, den jetzt alle 20 Jahre nach seinem Debüt begeisterter feiern als einen neuen Mercedes.

Die Qualitäten des M 119-V8: Hohe Leistung bei günstigem Verbrauch

Vom Sacco-Roadster hat der Mercedes-Benz 500 E Wesentlicheres geerbt als nur die Fasson der Sportsitze. Der Motor stammt vom 500 SL, ein zukunftssicher konstruierter Vierventil-V8 aus Aluminium namens M 119 mit verstellbarer Einlass-Nockenwelle und Tassenstößeln für direkte Ventilbetätigung. Erstmals gelang einem Mercedes-Serien-V8-Motor eine optimale Brennraumform für beste Füllung bei moderatem Verbrauch. Auch die allseits verstärkte, einmal mehr satt breitspurige Raumlenker- Achse samt Achtzoll-Leichtmetall-Rädern spendierte der damals nur 8.000 Mark teurere 500 SL. Die Sonderstellung des Mercedes-Benz 500 E lässt sich vor allem am Preis ablesen. 1991 kostete er 140.000 Mark, also exakt so viel wie zwei 300 E-24 mit dem 220 PS-Vierventil- Sechszylinder – eine Art 500 für Arme. Doch bei den serienmäßigen Extras schlägt die Stunde des Mercedes-Benz 500 E.

Ob Klimaanlage, Becker Mexico, Tempomat, Niveauregulierung, ASR, Fahrerairbag, Metalliclack, Kopfstützen im Fond, Scheinwerferwischer oder vier elektrische Fensterheber, Ende 1991 ist das meiste aus der 23 Seiten langen Sonderausstattungs- Preisliste serienmäßig, nur Lederpolsterung, Sitzheizung, Schiebedach und die elektrisch verstellbare Lenksäule kosteten bei unserem Fotomodell Aufpreis. Selbst so nette kleine Aufmerksamkeiten wie Ausstiegsleuchten, ein Lederlenkrad oder die Edelholzbox zwischen den Fondsitzen gehören zur mobilen schwarzen Business-Lounge. Sie wirken so entspannend, als würden unterwegs Gebäck und Tee gereicht.

Es tut mir leid, den 500 E als arroganten Macho-Mercedes abgetan zu haben. Vor allem beim Fahren merke ich, wie einfühlsam, wohlerzogen und souverän er reagiert. Er bleibt immer kultiviert, aber mit seidigem Gesäusel à la 260 E gibt er sich nicht ab. Sein Motor klingt nach einem hoch entwickelten Achtzylinder – kraftvoll, sonor, bei höheren Drehzahlen heiser, aber niemals vulgär wie die alten Amis. Unter dem Gaspedal spürt der Fahrer schon bei der kleinsten Bewegung sein enormes Potenzial. Die schiere Leistung, wenn man will von null auf Hundert in Porsche-typischen 6,6 Sekunden, bleibt immer dezent im Hintergrund. Im Ernstfall jederzeit abrufbar, äußert sie sich in ihrer normalen Entfaltung so zivil und dezent wie ein von Damenhand bewegter 300 E. Selbst in hügeligen Lagen ist es nicht notwendig, per Kickdown in die Viergang-Automatik einzugreifen.

Ab 3.000/min gibt's die sanfte Gewalt von 400 Nm

Beim Herausbeschleunigen aus einer lang gezogenen steilen Kurve im vom Halbgas geholten dritten Gang wird die immense Kraft des Achtzylinders spürbar, der sich diese Übung lässig aus den Sammelrohren der Bosch LH-Jetronic schüttelt. Dank Antriebsschlupfregelung gibt es auch auf feuchter Straße keine Traktionsprobleme, ein allradgetriebener Mercedes-Benz 500 E 4 Matic wäre zwar denkbar, ist aber nicht nötig. Der Wagen liegt auch auf den ausgefahrenen buckligen Nebenstraßen ruhig und satt. Es ist ein eher trockenes, aber nie steifes Abrollen, das große Sicherheit vermittelt. Kein sänftenhaftes Wiegen wie es etwa eine luftgefederte große Heckflosse kann.

Ich möchte fahren, immer nur weiter, bis der Tank leer ist. Nicht nur Mercedesinfizierte werden den Mercedes-Benz 500 E ob seiner Geborgenheit vermittelnden Vertrautheit schnell schätzen lernen. Alles ist am rechten Platz und so selbstverständlich gestaltet und geformt, dass man es für den Rest seines Lebens unterwegs so haben möchte. Das liegt auch am Material – nichts Aufregendes, aber es wirkt nachhaltig und langlebig. Irgendwie sogar beruhigend.

Die Dunkelheit hat schon eingesetzt. Doch es ist noch warm, das Dach noch geöffnet. Der süßlich-schwere Geruch überreifen Obstes säumt die Straße. Der Spätsommer fällt dem Herbst erschöpft in die Arme. Die Fernscheinwerfer neben dem Kühlergrill leuchten die Straße taghell aus, weit und breit keine Siedlung, kein Verkehr. Es geht zügig voran, die Tachonadel schnellt hoch bis 120. Das Drehzahlniveau, die alte Schwäche von Mercedes, ist auch beim Mercedes-Benz 500 E höher als erwartet. Auf der Landstraße bringe ich ihn bei dem Tempo im vierten Gang auf knapp über 3.000/min. Tribut an die 6,6 Sekunden und ans politisch korrekte Abriegeln, das Tempo 270 nicht goutiert.

Mein einstiger Favorit, der weiße 400 E, sieht jetzt ganz schön alt aus. Seide ja, Feuer nein. Beides hat eben nur der Mercedes-Benz 500 E. Denn Feuer heißt nicht nur Kraft im Überfluss, sondern auch eine attraktive Form mit reizvollen Akzenten. Noch eine Warnung zum Schluss: Schwarz steht ihm nicht. Das macht ihn überheblich.

Technische Daten
Mercedes 500 E
Grundpreis71.635 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4750 x 1796 x 1408 mm
KofferraumvolumenVDA485 L
Hubraum / Motor4973 cm³ / 8-Zylinder
Leistung240 kW / 326 PS (480 Nm)
Höchstgeschwindigkeit250 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h6,1 s
Alle technischen Daten anzeigen
Neu Registrieren

Erstellen Sie ein kostenloses Profil und profitieren Sie von vielen Vorteilen

  • Zugriff auf alle technischen Daten
  • Artikel kommentieren
  • Teilnahme an Gewinnspielen
  • Schneller PDFs kaufen
  • 360° Ansichten von Autos
  • Exklusives PDF-Bonus-Programm
Kostenlos anmelden
Login mit Ihrem Profil
    Anzeige
    Mercedes E-Klasse (W213) - E 350 e - Plug-In-Hybrid - Vorstellung Mercedes-Benz E-Klasse ab 453 € im Monat Leasing & Vario-Finanzierung Jetzt Fahrzeug konfigurieren
    Mercedes E-Klasse Mercedes Bei Kauf bis zu 13,18% Rabatt Jetzt Fahrzeug konfigurieren
    Kommentar schreiben

    Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

    Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
    Empfehlungen aus dem Netzwerk
    Gebrauchtwagen Angebote