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Mercedes-Benz Typ S Kompressor im Fahrbericht

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Mercedes S Kompressor, Seitenansicht Foto: Simon Clay 20 Bilder

Bei der Versteigerung von Bonhams im Rahmen des Goodwood Revival Meetings erzielte der Mercedes-Benz Typ S, den Motor Klassik in einem ausführlichen Fahrbericht vorstellt, den höchsten Preis der gesamten Auktion. Das Ergebnis ist ein weiterer Beleg für die besondere Attraktivität von originalen Autos mit Patina.

20.09.2012 Dirk Johae Powered by

Für umgerechnet fast 3,5 Millionen Euro wurde der unrestaurierte Mercedes-Benz Typ S von 1928 verkauft, der aus Familienerstbesitz stammt. Damit fand der Patina-Kompressor mit einer viersitzigen Cadogan-Karosserie für nahezu das Doppelte des Schätzpreises einen neuen Besitzer.

Die Haut des Mercedes-Benz Typ S ist von vielen, tiefen Falten durchzogen, vom Regen verwaschen und von der Sonne ausgeblichen: Mehr als acht Jahrzehnte haben ihre Spuren hinterlassen. Wäre dieser Mercedes Typ S ein alter Mensch, wüsste er sicher eine Menge zu erzählen. Und ein Engländer würde schwärmen: „He is a real character“ – er ist eine echte Persönlichkeit. Ich drücke den Starterknopf, um den alten Herrn zum Reden zu bringen.

Komfortsteigerung durch Wilson-Preselector

Aber der Kompressor-Mercedes, der im Mai 1928 zugelassen wurde, gibt mir klar zu verstehen, dass er eigentlich nicht fahren will. Am Lenkradkranz aus Eschenholz stechen lose Holzsplitter wie Stacheldraht, und der Motor geht immer wieder aus. Der in Ehren ergraute Mercedes wirkt wie ein Senior, der seine seit langem vertraute Wohnung räumen soll.

Mechaniker Nicholas Benwell beruhigt mich: „Er hat fünf Jahre gestanden, da funktioniert nicht alles sofort.“ Er befüllt einen kleinen Ausgleichstank, der an der Spritzwand im Motorraum befestigt ist, mit Benzin. Danach startet der gewaltige Sechszylinder des Mercedes-Benz Typ S mit 6,8 Litern Hubraum vor mir ohne Probleme, und einer Ausfahrt steht nichts im Weg.

Die Gänge werden im Mercedes-Benz Typ S nicht über einen langen Schalthebel direkt eingelegt, sondern über ein Vorwählgetriebe. Dieses hat der Großvater des heutigen Besitzers 1931 einbauen lassen: Er folgte mit dem Umbau der Mode im Automobilbau seiner Zeit. Bedient wird dieser Wilson-Preselector über einen kurzen Hebel am Instrumentenbrett – diesen einfach eine Stufe nach oben schieben, dann das Kupplungspedal treten und wieder loslassen. Schon rollt der Typ S los Richtung Landstraße.

Die weiteren Gangwechsel im Mercedes-Benz Typ S erfolgen nach demselben Muster. Der gewünschte Gang wird per Hand vorgewählt, mit dem Treten des Kupplungspedals regeln Bremsbänder im Gehäuse unter mir das Zusammenspiel der richtigen Getrieberäder, und mit dem Auskuppeln ist der neue Gang eingelegt.

Gusseiserne Trommelbremsen und mittig sitzendes Gaspedal

Im vierten Gang lässt sich der Mercedes-Benz Typ S bei 1.000 Umdrehungen mit gemütlichem Grollen durch die südenglische Idylle fahren. Nur beim Verzögern muss ich aufpassen, dass ich das Bremspedal nicht mit dem Gaspedal verwechsele. Wie bei Autos diesen Alters üblich, sind die beiden Pedale anders als beim modernen Pkw angeordnet: Das Gas sitzt in der Mitte, die Bremse rechts.

Mit diesem Fußpedal werden die vier mächtigen Bremstrommeln aus Gusseisen aktiviert, die den Schwung des fast zwei Tonnen schweren, offenen Tourensportwagen gut bändigen können. Technisch scheint der 84 Jahre alte Tourensportler fit zu sein, wenn man von einer verstopften Benzinleitung absieht.

Mit 30 Meilen in der Stunde rollt der Mercedes wie eine Sänfte über die schmale Straße. Der originale Tacho mit der Herstellerinschrift „Andr. Veigel Cannstatt“ zeigt 83 748 Meilen, das sind umgerechnet 134.735 Kilometer.

Kompressor-Mercedes im unrestaurierten Originalzustand

Diese Fahrleistung hat der Mercedes-Benz Typ S mit der Chassisnummer 35906 ohne eine einzige Restaurierung erreicht. Alles an diesem einmaligen Auto ist echt. Das Fahrgestell wurde bereits 1927 bei Mercedes-Benz bestellt und über den Importeur „The British Mercedes Ltd.“ in London ausgeliefert. Die Karosserie baute Cadogan Motors im Londoner Stadtteil Fulham. Die Mercedes-Kunden konnten ihren Typ S, wie damals bei allen teuren Autos üblich, direkt mit einer Werkskarosserie aus Sindelfingen ordern oder selbst eine Spezialfirma für den Aufbau beauftragen.

Cadogan war ein solches Unternehmen, das zudem eine Lizenz für den Bau von Karosserien nach dem Weymann-Patent besaß. Ein Vorteil dieser mit Kunstleder bespannten Karosserie liegt in ihrem relativ geringen Gewicht. Leichte und elegante Aufbauten wie die für den Mercedes-Benz Typ S fertigte das von S.R. Moss-Vernon gegründete Unternehmen auch für Besitzer sportlicher Modelle der heimischen Marken Bentley und Invicta sowie der italienischen Marke O.M.

Von Porsche entwickelter Kompressor-Motor

Doch nicht nur das Kunstleder als Material für den Aufbau eines Mercedes-Benz Typ S ist ungewöhnlich. Auch die aus Stahl gefertigte vordere Partie weist eine Besonderheit auf. Es fehlen die für die Modellfamilie typischen drei Krümmerrohre, die sich seitlich aus der Motorabdeckung ins Freie winden. Ohne dieses spektakuläre Erkennungszeichen wirkt der Cadogan-Sports Tourer fast wie eine graue Maus unter den Supersportwagen seiner Zeit, noch verstärkt durch die dunkelgraue Außenfarbe „Dark battleship grey“.

Unter der Außenhaut steckt aber die unter dem Technischen Direktor Ferdinand Porsche entwickelte waschechte Technik des ersten Kompressor-Mercedes, die in einem Niederrahmen steckt. Porsche arbeitete seit 1923 in dieser Funktion bei der Daimler-Motoren-Gesellschaft und blieb der Firma auch nach dem Zusammenschluss mit Benz im Jahr 1926 noch bis 1928 erhalten.

Der von Porsche entwickelte Sechszylinder leistet mit Kompressor 180 PS, ohne Aufladung sind es 60 PS weniger. Als Spitzengeschwindigkeit gibt Mercedes 170 km/h an, was jenseits der auf der Britischen Insel wichtigen Marke von 100 Meilen pro Stunde liegt. Der Typ S war eine Weiterentwicklung des Mercedes-Benz 630 K, der seit 1926 gebaut wurde. Beim Reihen-Sechszylinder vergrößerten die Ingenieure die Bohrung um 4 Millimeter auf 98 Millimeter, was zu einem größeren Hubraum von fast sieben Litern führte. Dazu erhielt der sportlichere S-Motor eine Doppelzündung.

High-Tech-Konstruktion ist robust und zuverlässig

In einem neu geformten Chassisrahmen, der allerdings wie schon beim K aus Pressstahl in U-Profilen gefertigt wurde, rückte der gewaltige Motor um 30 Zentimeter Richtung Fahrzeugmitte. Diese Versetzung kam den Fahreigenschaften zugute wie auch der insgesamt etwas niedrigere Rahmen. Um daran Gewicht zu sparen, wurden die Querholme durch Lochbohrungen erleichtert. Das Fahrgestell wog aber immer noch 1.450 Kilogramm.

Bei aller Sportlichkeit mussten die Autos weiter robust und zuverlässig bleiben. Dass das gelungen ist, bestätigten auch Zeitzeugen: „Der Mercedes-Benz Sportwagen ist als Fahrzeug langer Lebensdauer durchgebildet“, charakterisierte zum Beispiel der Motorjournalist Ernst Friedlaender den neuen Mercedes-Benz Typ S im Jahr 1927 und urteilte: „Hier wird eine Überanspruchung weitestgehend vermieden.“

Doppelsieg beim Nürburg-Eröffnungsrennen

Selbst als Senior wirkt der Patina-Kompressor-Mercedes-Benz Typ S technisch gesund. Auf den Meilen bei unserer Testfahrt wirkt der deutsche Sportwagen, in seiner englischen Familie offenbar gut erzogen und wohl versorgt, beinahe gelangweilt und unterfordert.

Doch nochmal ein Blick zurück ins Jahr 1927: Neben den nackten technischen Daten sorgten die Bewährungsproben im Motorsport wie der Doppelsieg beim Eröffnungsrennen des Nürburgrings im Juni durch Rudolf Caracciola und Adolf Rosenberger für Aufsehen. Bei der Rennpremiere des Mercedes-Benz Typ S erzielte Caracciola in dem Rennen über 12 Runden eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 101,1 km/h. Die neue Rennstrecke in der Eifel war in den ersten Jahren ihres Bestehens noch nicht asphaltiert.

Der Sportnovize aus Untertürkheim reihte einen Erfolg an den nächsten: Den Großen Preis von Deutschland gut einen Monat nach dem Eröffnungsrennen des Nürburgrings gewann Otto Merz. Aber nicht nur auf der Rundstrecke, sondern auch bei Bergrennen war der viersitzige Mercedes-Benz Typ S mit einem Radstand von 3,40 Meter erfolgreich: zum Beispiel in Freiburg, am Klausenpass in der Schweiz, am Semmering sowie am Arlberg in Österreich und in der Hohen Tatra.

Einer der ersten Typ S kommt unter den Hammer

Auch für den Erstbesitzer des unrestaurierten Mercedes-Benz Typ S, der selbst auf der englischen Strecke von Brooklands Rennen bestritt, waren diese Erfolge ein wichtiger Kaufanreiz. Seinen Namen hält die Familie übrigens geheim, weil sonst auch der aktuelle Besitzer des Autos bekannt würde.

Aber auch ohne den Namen des Mercedes-Kunden von 1927, der sich als einer der ersten Käufer für den Mercedes-Benz Typ S entschied, übt das historische Auto durch seine Patina eine magische Anziehungskraft aus. Wahrscheinlich hat kein anderes der insgesamt 146 Autos dieses Modells bis heute in einem solch unverfälschten Zustand überlebt.

Zu dem Mercedes-Benz Typ S gehört eine Kiste mit originalen Ersatzteilen und zwei weitere Behältnisse mit ursprünglichen Teilen für die Vergaser, die englische Bedienungsanleitung ist ebenso erhalten wie alle anderen Dokumente zu diesem Auto. Neben dem patinierten Zustand des Wagens selbst übt das lückenlose Begleitpaket des Typ S einen ganz besonderen Reiz aus. Der Verbleib des Autos in einer Besitzerfamilie hat den Erhalt der kompletten Historie sehr begünstigt. Wie gern würde ich mich noch stundenlang mit diesem automobilen Schatz beschäftigen.

Einmaliger Zeitzeuge

Wer wird wohl stolzer Besitzer dieses wunderschönen Patina-Kompressors? Was macht er mit dem Auto? Es ist zu wünschen, dass er den Mercedes lediglich konserviert und genau so erhält, wie dieser sich in seinem langen Autoleben entwickelt hat. Das lange Chassis, der Motor der ersten S-Generation, die Cadogan-Karosserie, über deren Schönheit sich streiten lässt, nachgerüstete Wilson-Preselector-Getriebe: All das verdichtet sich zu einem einmaligen Zeitzeugen, der viel zu erzählen hat. Die Restaurierung in einen neuartigen Zustand würde die ganze gewachsene Geschichte ein für alle Mal vernichten.

Eine Zeitlang galt dieses Patina-Einzelstück bereits als verschollen, weshalb der Auktionator den Wagen auch den „verlorenen Mercedes“ nennt. Zum Glück wurde es wieder entdeckt. „Es ist einer der größten und wichtigsten Automobilfunde des letzten Jahrzehnts“, wirbt Bonhams für den Typ S. Der Sohn des englischen Erstbesitzers, der den Kompressor-Wagen gerne fuhr, ist vor einiger Zeit verstorben, und der Enkel hat keinerlei Interesse mehr an dem alten Auto. Darum wird es jetzt aus dem Familienbesitz verkauft.

Ich steuere den wertvollen Sports Tourer zurück zum Ausgangspunkt – erste Motoraussetzer kündigen Treibstoffmangel an. Mechaniker Nicholas Benwell empfängt mich mit besorgter Miene, die ich aber sofort mit dem nach oben gestreckten Daumen beantworte. Der alte Herr ist unbeschadet zurückgekehrt und hatte eine Menge zu erzählen. Allzu lange wollte ich ihn nicht strapazieren, aber die Zeit mit ihm kam mir dennoch vor wie eine Ewigkeit. „Bleib' so, wie du bist“, denke ich zum Abschied.

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Technische Daten
Mercedes Typ S 26/120/180 PS
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4700 x 1700 x 1750 mm
Höchstgeschwindigkeit170 km/h
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