Mercedes SL 500 im Fahrbericht: SL ist wieder super und leicht

Mercedes SL 500, Frontansicht, Kühlergrill

Die 700 Nm seines 4,7-Liter-Biturbo-V8 lassen den neuen Mercedes SL 500 Berge genauso erstürmen wie die Herzen der gutsituierten Cabrio-Society.

Was hat sich der alte Mercedes SL nicht schon alles anhören müssen. Zu dick sei er, zu schwer und zu behäbig für seinen Namen, der ja historisch für superleicht steht. Das haben sich die Entwickler der siebten Generation zu Herzen genommen und den Mercedes SL 500 dank Vollaluminium-Karosserie um etwa 125 Kilogramm abgespeckt - doch dann sieht man es ihm nicht einmal an.

Das Problem vieler Weight Watchers: Wenn erst einmal der Ertrag von jahrelangem Genuss in Zins und Zinseszins an den Hüften hängt, werden zehn Prozent weniger Gewicht nicht sofort wahrgenommen. Zumal sich im Falle des Mercedes die Außenhaut noch gedehnt hat - im Vergleich zum Vorgänger in der Länge um 50 und in der Breite um 57 Millimeter. So diktieren es der amerikanische Markt mit seinen Supersize-Kunden und die Golfer, welche zwei Schlägersätze im Kofferraum verstauen wollen. Umso gewaltiger erscheint bei diesen Anforderungen die erzielte Diät.

Mercedes SL 500 soll 22 Prozent sparsamer sein

Das Wachstum stellt gleichzeitig einen repräsentativen Abstand zum deutlich günstigeren, hauseigenen Konkurrenten SLK her. Schließlich kostet das V6-Einstiegsmodell Mercedes SL 350 mindestens 93.534 Euro, während es den kleineren Zweisitzer schon für weniger als die Hälfte gibt, dann allerdings mit einem Vierzylinder.

Wer 117.096 Euro für den Mercedes SL 500 locker machen kann, gebietet unter der Stretch-Fronthaube über einen Achtender. Dabei handelt sich um den gleichen 4,7-Liter, wie er bereits in E-, S- und CL-Klasse eingesetzt wird. Die doppelte Aufladung sorgt im Vergleich zum 5,5-Liter-Saugmotor des Vorgängers für einen dramatischen Drehmoment-Sprung von 530 auf 700 Nm. Dennoch wollen die Ingenieure den Verbrauch um 22 Prozent gesenkt haben, wozu auch das serienmäßige Start-Stopp-System beitragen soll.

Nun ist der Wille zum Sparen bei V8-Kunden wahrscheinlich nur bedingt ausgeprägt, eher schon der Lustgewinn gegenüber einem Sechszylinder. Und der V8 des Mercedes SL 500 macht aus seiner Potenz keinen Hehl - ohne freilich dabei zum akustischen Großtöner à la AMG zu werden. Nein, der Direkteinspritzer tönt im besten Sinne traditionell, was heißt: Es wird nicht geschnattert und gebollert, sondern bedeutungsvoll die tonale Unwucht in der Bass-Linie betont.

Komfort dürfte in dieser Klasse der neue Benchmark sein

Ein Sound zwischen Erahnen und Hören, je nach anliegender Last, für das Gefühl nie endender Kraft und großvolumiger Überlegenheit. Weil die Siebengang-Automatik des Mercedes SL 500 nervöses Zurückschalten vermeidet, lässt sich ausgedehnt auf dem Drehmoment reiten. Man könnte, wenn man wollte - und falls man das Gaspedal tatsächlich durchdrückt, ist das Beschleunigungserlebnis so ergreifend, dass es erst einmal sacken muss. Fülligen Typen trauen eben nur die wenigsten dynamische Höchstleistungen zu.

Schon folgt das nächste Vorurteil, das der Mercedes SL 500 aus der Welt räumen will: Agilität erfordert Härte. Die serienmäßige adaptive Dämpfung lässt Bodenwellen-Attacken auf die Bandscheiben ins Leere laufen - das gilt sogar für die Stellung Sport und dürfte in dieser Klasse neue Benchmark sein. Dank breiterer Spur, geringerem Gewicht sowie der elektromechanischen Lenkung mit wechselnder Servounterstützung und Übersetzung macht es Laune, die Zügel zu lockern und den Mercedes SL 500 um die Kurve zu lassen.

Bremseingriffe übernehmen eine Art Sperr-Funktion, was das Antriebsmoment so auf die beiden Hinterräder verteilt, dass der Zweisitzer im Grenzbereich weiter eindreht - und damit Untersteuern hinauszögert. Selbst ohne die optionale Wankkontrolle (Active Body Control) verkneift es sich der Aufbau, in Wechselkurven zu torkeln.

Mercedes SL 500 mit vielen Luxus-Attributen

Über die Generationen hat das Luxus-Cabrio das gelassene Cruisen, 1963 vom Pagode genannten Modell erfunden, perfektioniert. Dazu gehört das nahezu beliebige Einstellen der gewünschten Windstärke. Man kann ihn sich verwegen um die Nase toben lassen oder Seitenscheiben samt Schott elektrisch hochfahren - und den Effekt eines riesigen Schiebedachs nachahmen. Den Sturm eines Roadsters freilich wird man im Mercedes SL 500 erst weit jenseits der Autobahn-Richtgeschwindigkeit erzeugen.

Natürlich kokettiert der Mercedes SL 500 wie seine Vorgänger mit Luxus-Attributen, rollt gerne vor mondäner Kulisse vor, will sich präsentieren. Und er führt auf Wunsch die notwendigen Gimmicks mit, die seinem Besitzer selbst in noblen Clubs ein interessiertes Publikum garantieren. Dazu zählen der auf Knopfdruck sich verdunkelnde Glaseinsatz (Magic Sky Control) sowie Scheibenwischer mit integrierten Düsen, welche ihr Spritzwasser direkt vor die Wischerblätter träufeln. Auch das Frontbass-System beeindruckt: Die Tieftöner liegen den Insassen in Hohlräumen praktisch zu Füßen und breiten ihre Druckwellen wohlig über den gesamten Körper aus.

Heckklappe öffnet und schließt per Fußbewegung

Und dann wäre da noch eine Neuheit, die unter Hands-free Access firmiert: Mit einem lockeren Kick unter die hintere Stoßstange befiehlt man Elektromotoren, den Heckdeckel zu öffnen. Nun kann das in ähnlicher Form sogar ein VW Passat - nicht aber das anschließende Schließen, ebenfalls durch eine Fußbewegung ausgelöst.

Das alles hat nichts mit Offenfahrspaß zu tun? Stimmt - aber es macht das Leben im Luxus so angenehm. Und genau dafür steht der SL.

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Marcus Peters

Autor:

auto motor und sport, Heft 07 / 2012

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