Mercedes SLS AMG: Der 571 PS Flügeltürer im Fahrbericht

Mercedes SLS AMG

Der Mercedes SLS AMG zeigt, was die Sport-Dependance drauf hat. Mit 571 PS, Aluminiumrahmen und Transaxle-Prinzip soll der Flügeltürer die Konkurrenz bügeln.

Schon angeschnallt, und der Flügel steht noch offen? Zu spät, Chance vertan, das wird nichts mehr mit dem lässigen Auftritt vor der Abfahrt mit dem Mercedes SLS AMG.

Mercedes SLS AMG bietet Platz für zwei Personen

Flügeltür-Profis nehmen das Portal beim Einsteigen gleich mit, halten den breiten Griff beim Einfädeln zwischen hoch liegendem Schweller und Transaxle-Tunnel fest. Während sie sich in die Sitzschale klinken, fällt nebenbei auch die Tür ins Schloss. Ansonsten muss man sich strecken. Danach ist Zeit zum Besinnen in der körpernah geschnittenen, aber keinesfalls bedrängend engen Kanzel für zwei.

Die AMG-Truppe um Chef Volker Mornhinweg begriff den ersten eigenen Sportwagen augenscheinlich als Verpflichtung, ein nachhaltiges Statement auf eine Transaxle-Plattform zu stellen - als Beweis dafür, dass auch hundertprozentige Ableger eigenständig sein können. Klar profitiert AMG vom großen Daimler, etwa bei aktiver und passiver Sicherheit. Zudem wird der Mercedes SLS AMG ja auch im Mercedes Technology Center (MTC) in Sindelfingen gefertigt. Sämtliche Bedientasten im Innenraum stammen ebenfalls aus dem Großserien-Diesseits. Angereichert mit einer verschiebbaren Armlehne inklusive Staufach, einem ausreichend großen Handschuhfach sowie einem anständigen Kofferraum verneint der Mercedes SLS AMG schon im Stand jene Exoten-Attitüde, die man ihm aufgrund seiner Flügeltüren ja nachsagen könnte.

Mercedes SLS AMG kostet 160.000 Euro

Die angedeutete Schubregler-Optik des Getriebe-Wählhebels sowie die daherfabulierte Turbinen-Assoziation der Lüftungsdüsen ändern nichts daran, dass der Mercedes SLS AMG - bis auf den Preis von über 160.000 Euro - erfreulich bodennah bleibt. Schon wegen seines ausfahrbaren Spoilers, der auf Tastendruck an der so genannten Drive-Unit gehorcht - jener Klaviatur, die neben den aktuellen AMG-Ausgaben von SL und E auch den SLS in Stimmung bringt. Doppelkupplungsgetriebe und ESP variieren ihre Strategie per Druck und Dreh, der 6,2 Liter große V8 startet ebenfalls auf Knopfdruck.

AMG-Hochdrehzahl-V8 mit 571 PS

Der 206 Kilogramm schwere Sauger lauert an der Spritzwand des Alu-Spaceframes vor den Füßen der Insassen. Eine neue Ansauganlage, Ventiltrieb, Nockenwellen sowie Fächerkrümmer liften die Leistung des ohnehin nicht schwind süchtigen Hochdrehzahl-V8 auf 571 PS. Auch wenn diese erst bei 6.800/min anliegen, sorgen maximal 650 Newtonmeter Drehmoment bereits darunter für ein fülliges Fundament. Weitergeleitet wird die Kraft über eine so genannte Torque-Tube, also ein festes Rohr, in dem die Kardanwelle aus Kohlefaser- Verbundstoff rotiert und die Kurbelwellendrehzahl an das vor der Hinterachse angeblockte Getriebe überträgt. Anders als etwa bei Mercedes SL 63 und E 63 (Mercedes E63 im Fahrbericht) handelt es sich dabei nicht um den Automaten mit nasser Anfahrkupplung, sondern um ein neues Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe, einer Gemeinschaftsentwicklung mit Getrag. Es baut kompakter und leichter (136 Kilogramm) als der Automat. Schließlich standen Gewicht und niedriger Schwerpunkt im Fokus der SLS-Entwicklung.

Kein Mittelmotor für den Mercedes SLS AMG

Deshalb Transaxle, deshalb Trockensumpfschmierung. Zudem kann der V8 damit noch ein Stück tiefer rutschen, der 13,5-Liter-Ölkreislauf auch bei extremer Beschleunigung stabil bleiben. Aber warum kein Mittelmotor, wo AMG beim SLS doch mit einem weißen Blatt starten durfte? "Haben wir nie gemacht, würde nicht passen, käme synthetisch rüber", begründet Volker Mornhinweg die Entscheidung. Mit dem Transaxle-Prinzip sei AMG gut aufgestellt. Und wenn jemand Parallelen zum 300 SL Flügeltürer erkenne, sei es auch recht. Plumpen Retro-Verdacht weise der Mercedes SLS AMG jedenfalls von sich, und es lasse sich auch nicht mehr klären, wer denn in der Designabteilung die maßstabsgetreue 300 SL-Abbildung über die Mercedes SLS AMG Konstruktionszeichnung gelegt habe.

Der SLS gibt sich spurgenau

Genug der Spekulation, wir starten. Raus auf die Berg- und Talbahn des Sachsenrings. Wuchtig schiebt der Mercedes SLS AMG aus der Boxengasse, krallt sich die erste enge Rechts. Bleibt konsequent innen am Randstein, lässt sich mit der präzisen Parameterlenkung sanft nach außen treiben. Selbst in vertrackten Kurvenkombinationen folgt der 1,6-Tonner der Wunschlinie, gefällt mit einem klar definierten Grenzbereich sowie einer feinen ESP-Regelung. In deren Sportstellung lässt sich vom Übersteuerpotenzial des Mercedes SLS AMG kosten - ohne dass er gleich rückwärts im Kiesbett parkt. Gierwinkel und Tempo lassen sich per Lenkung und Gas fein dosieren, bevor die Schaltlampen zum Gangwechsel mahnen.

DSG des Mercedes SLS schaltet wahlweise weich oder zackig

Den erledigt das Doppelkupplungsgetriebe manuell per Lenkradwippen oder aber automatisch. Es schaltet die sieben Gänge nach Wunsch weich und verschliffen à la Wandlerautomat oder zackig und verzögerungsfrei. Auf unerwünschte Härte verzichtet es grundsätzlich, serviert dafür beim Herunterschalten noch eine Portion Zwischengas. Nur schade, dass man gar nicht oft schalten muss, steckt doch im V8 Hochdrehzahltalent, nicht -verpflichtung. Von sportlicher Verpflichtung künden Doppeldreiecks-Querlenker sowie straff abgestimmte Federbeine mit konventionellen Dämpfern. Gegen Aufpreis presst eine Keramikbremse die Insassen noch heftiger in die Gurte als die Serienanlage mit Grauguss. Auf dass das Flügeleisen nie übers Ziel hinausschießt.

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Jörn Thomas

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