Mercedes SLS AMG: Der Flügeltürer auf letzter Abstimmungsfahrt

Mercedes SLS AMG

Sein Tarngewand hat er schon längst abgeworfen. Bei seiner letzten Abnahmefahrt zeigt sich der Mercedes SLS AMG in unverfälschter Schönheit. auto motor und sport war mit ihm und AMG-Chef Volker Mornhinweg unterwegs.

Mittwochmorgen, 8.15 Uhr im tiefsten Schwabenland: Kalter Tau liegt auf der Karosserie, das Thermometer kämpft sich mühsam über die Gefriergrenze, und Entwicklungsleiter Tobias Moers schaut, als gebe es gleich auch noch Glatteis. Volker Mornhinweg aber begrüßt seinen Co-Piloten von auto motor und sport mit dem Händedruck einer Stahlpresse, breit grinsend und gut gelaunt. Trotz Wirtschaftskrise brummt der Laden bei AMG, und vor der Tür wartet das erste eigene Sportwagenbaby, der Mercedes SLS AMG, in vierfacher Ausfertigung auf seine letzte Abnahmefahrt.

Der Flügeltürer hat schon viel erlebt. Winter in Schweden, Hitze in den USA, die Nordschleife rauf und runter. 15 Versuchsträger mussten ihre teure Blechhaut beim Crash in kleine Falten legen. "Was heute alles verlangt wird", seufzt Mornhinweg und startet den Frontmittelmotor-V8. Mit einem gedämpften Grollen erwacht der 6,2-Liter. Keine Seid-ihr-auch-schon-alle-wach-Attacke wie beim Mercedes C 63 AMG, sondern voller und gediegener Sound.

Der Mercedes SLS AMG soll kein simpler Abklatsch des legendären 300 SL sein

Die Strecke geht von Affalterbach zum Golfhotel Haghof mitten durch die Heimat von Spätzle, Viertele und eben AMG. Grobe Fehler gilt es nicht mehr zu entlarven, das wäre jetzt auch zu spät, so kurz vor der Markteinführung. "Sonst würde ich hier nicht so entspannt sitzen", schielt Mornhinweg zufrieden vom Fahrersitz herüber. Und während der Flügeltürer noch bummelnd und brummelnd durch die ersten Orte rollt, kommt der Schwabe ins Plaudern. "Als ich zu AMG kam, war die Frage: Wo stehen wir heute, und wo wollen wir 2010 stehen? Wir waren einfach reif für das erste eigene Produkt. Dann bin ich zu Zetsche und hab ihm eine Skizze mitgebracht. Dass der Motor vorne sitzen muss, war gleich klar. Vorne passt einfach besser zu uns. Das Thema Flügeltüren ist dagegen zufällig in den Designstudios in Sindelfingen entstanden. Auch wenn wir die Skizzen des legendären Mercedes 300 SL drübergelegt haben, wollten wir keinen simplen Abklatsch machen. Ich bin kein Fan von Retro-Autos."

Der erste Entwicklungsträger des SLS basierte auf einer Dodge Viper

Sagt’s und gibt den 571 Pferden am Ortsausgang mit seinen schwarzen Lederschuhen zum ersten Mal die Sporen. Wild brüllt der Achtzylinder auf, der Stift des Autors zieht einen kerzengeraden Strich über den Notizblock, und Mornhinweg lacht: "Da geht einem doch das Herz auf. Jetzt passen Sie mal g’schwind auf." Und bevor der Satz zu Ende ist, schleudern zwei Köpfe im Takt der schnellen Lenkbewegung hin und her. Nur der SLS wankt kaum. "Der erste Entwicklungsträger basierte noch auf einem Dodge Viper. Der passte vom Packaging hervorragend mit dem Frontmittelmotor, Transaxle-Prinzip und dem Gitterrohrrahmen." Doch von dieser sehr fernen Verbindung ist kaum noch etwas zu spüren, so ruhig und komfortabel, wie der SLS trotz der mächtigen 19-Zoll-Räder und aller spürbaren Präzision abrollt.

Der Mercedes SLS AMG verbindet Komfort mit Emotionen

Mornhinweg schaut jetzt trotzdem ernster: "Das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe von Getrag war ein hartes Stück Arbeit. Meine Ingenieure haben die Steuerung komplett neu programmiert und ihr vor allem Manieren auch beim ganz normalen Fahren beigebracht. Die Erfahrungen mit der Sportautomatik des Mercedes SL 63 AMG halfen uns dabei sehr. Dessen Kupplung ähnelt technisch stark der im SLS." Mächtig schiebt der Saugmotor von unten raus, der Gangwechsel ist beim Hochschalten nur zu erahnen, beim Runterschalten kitzelt dagegen wohliges Gaswechselgrollen das Zwerchfell der Insassen. "Das ist pure Emotionalität, die wir den Kunden verkaufen. Können Sie eigentlich noch mitschreiben? Ich wäre kein so guter Beifahrer", wechselt die Miene des AMG-Capos auf besorgt. Danke der Nachfrage. Der Stift ruht schon in der Jackentasche.

Die Position des Motors und die breite Spurweite garantieren exzellente Agilität

"Unsere Wettbewerber sind sicherlich der Porsche 911 Turbo, Ferrari 458 Italia und Audi R8 V10. Die kennen wir gut, da müssen wir uns nicht verstecken. Die Gewichtsbalance von 47:53, der weit hinter der Vorderachse sitzende Motor und die breite Spurweite garantieren exzellente Agilität." Die verschlungenen schwäbischen Landstraßen wedelt der SLS jedenfalls mit Leichtigkeit entlang, krallt sich spurtreu in den Asphalt und presst die Passagierrücken in die bequemen Sitze. Nur eines nervt: Die Flügeltüren haben keinen oberen Haltegriff.

Plötzlich schnellt die Hand Mornhinwegs doch nach oben: "Schauen Sie da. Sehen Sie die Rücklichter? Die stimmen von der Ausleuchtung noch nicht. Das ist nicht gleichmäßig. Da müssen wir noch ran." Und tatsächlich, mit viel Konzentration ist zu erkennen, dass das rote LED-Leuchtband im Heck in der Mitte hauchzart dunkler scheint. Der Mann hat einen Hang zur Perfektion, und er fährt auch gerne schnell. So verbeugen sich zwei Köpfe schlagartig vor der nächsten Kurve: "Die Keramikscheiben kommen von SGL und die Sättel von Brembo. Das funktioniert gut, oder?" Ja, eindeutig.

Die Elektro-Version des SLS wird fahrdynamische Überraschungen bereithalten

Mornhinweg platzt vor Stolz auf sein Baby: "Wir bauen das erste Vollalu-Auto, das erste Transaxle-Getriebe und das erste Doppelkupplungsgetriebe in einem Mercedes. Wir haben eben gigantische Ingenieure - die einen Traumjob machen." Und was ist mit der angekündigten Elektro-Version des SLS? "Oh, da schenke ich mir zu Weihnachten eine erste Fahrt. Sicherlich fehlt der V8-Sound, aber über den Cool-Faktor des E-Antriebs kommt eine ganz andere Art von Emotionalität rüber. Und glauben Sie mir, auch mit einem E-Motor kann man Sound modellieren. Der Rohbau des Autos stimmt ja eins zu eins mit der Verbrennerversion überein, an der Grund-Crashstruktur müssen wir nichts ändern. In die Freiräume bauen wir die Lithium-Ionen-Batterien und vier radnah platzierte Motoren. Das Schöne daran ist, dass sich so ein E-Motor höchst präzise regeln lässt. Da sind fahrdynamisch tolle Sachen drin. Lassen Sie sich überraschen."

Das werden wir. Und während die AMG-Truppe am Zielpunkt ihre Butterbrezel knabbert, schweift Mornhinwegs Blick noch einmal über den SLS: "Gut so. Jetzt macht er, was er soll." Sein Co-Pilot hat noch keinen Hunger.

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Alexander Bloch

Autor:

auto motor und sport, Heft 24 / 2009

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