Mercedes SLS AMG Roadster : Wind und Klang statt Flügeltüren

Mercedes SLS AMG Roadster

Wie schon in den fünfziger Jahren folgt dem Coupé der Roadster und auf die spektakulären Flügeltüren das Stoffverdeck. Mit dem neuen Mercedes SLS AMG Roadster weht ein Wind frischer Emotionen durch den exklusiven Supersportwagen.

Larus michahellis schwingt völlig unaufgeregt über dem Mercedes SLS AMG Roadster. Keine Hektik, kein Kreischen. Das rote Ding da unten, soviel kann die gemeine Mittelmeermöwe erspähen, hat keine Flügel, trägt damit auch nicht mehr den Beinamen Gullwing und ist somit weder Balz- noch Konkurrenzobjekt.

Dass die Möwe plötzlich panisch davonflattert, als sei ein kapitaler Adler im Sturzflug hinter ihr her, liegt an dem gewaltigen Grollen, das von den schroffen Felsen bei Sainte Agnés reflektiert wird. Es scheint, als wolle ein einzelner Mercedes SLS AMG Roadster mit seiner V8-Fanfare die monegassischen Seealpen zum Einsturz bringen. Doch die sind einiges gewohnt, haben schon Röhrl und Mouton in legendären Gruppe-B-Rallye-Sonderprüfungen erlebt. Aber wenn sie reden könnten, wären sie wohl trotzdem begeistert von dieser Verbrennungshymne und der dynamischen Geschmeidigkeit, mit der Affalterbachs 195.000-Euro-Offenbarung durch die engen Serpentinen, vorbei an fiesesten Randsteinen, stürmt.

Mercedes SLS AMG Roadster mit amerikanischem V8-Sound

Als Roadster tauscht der Mercedes SLS AMG die Exklusivität der Flügeltüren gegen die Emotionalität von Wind und Klang. In den vielen kurzen Tunneln badet der Fahrer oben ohne im Bollern des 6,2-Liter-Saugers. Ein cooler, breiter, ja amerikanischer Sound flutet aus den beiden Endrohren. Selbst über 7.000 Touren verkneift er sich die hysterische Attitüde eines Ferrari-V8 oder das monotone Brausen eines Porsche 911 Turbo. Beim Lastwechsel schmatzt und sprazelt er zufrieden. Es knallt herzhaft, wenn sich unter "controlled misfire" Sprit im heißen Abgastrakt entzündet.

Es ist ein Privileg, dieses Sauger-Konzert noch zu erleben, bevor ihm immer strengere Abgasnormen den Garaus machen. Auch der V8-Sauger im Mercedes SLS AMG Roadster gehört streng genommen, trotz seiner kurzen Bauzeit, schon zum alten Eisen - dem bei AMG ein 5,5-Liter-Turbo mit besseren Verbrauchswerten dicht am Krümmer hängt.

Doch das ist Zukunft, genießen wir die Gegenwart, in der es die Mercedes-Sporttruppe geschafft hat, das exzellente Fahrverhalten und den brachialen Vortrieb (0–100 km/h: 3,8 s) der Coupé-Version zu erhalten. Keine triviale Aufgabe, denn bei einem Cabrio wird ja nicht einfach nur das Dach abgeflext, dann würde sich der Roadster verwinden wie ein ungefüllter Gartenschlauch. Also verstärkt AMG die Seitenschweller, stützt die Instrumententafel mit zusätzlichen Versteifungen und spannt eine Domstrebe hinter dem Verdeck.

Roadster wiegt 40 Kilo mehr als Coupé

Sie sehen die Nadel der Waage schon nach oben schwingen? Der Aluminium-Spaceframe des Mercedes SLS AMG Roadster wiegt mit 243 Kilogramm nur zwei mehr als beim Flügeltürer. Dass das Gesamtgewicht am Schluss trotzdem um moderate 40 Kilogramm ansteigt, ist der Stofffaltdach-Konstruktion geschuldet. Elektrisch surrt das Käppi in nur elf Sekunden aus dem Heck. Die fixe Klapperei funktioniert bis zu 50 km/h, und nur drei Liter Kofferraum klaut die dreilagige Aluminium-Stahl-Magnesium-Konstruktion vom ohnehin spärlichen 176-Liter-Ladeabteil des Coupés.

Bei 27 Grad am Mittelmeer genießen Puristen den Fahrtwind im Mercedes SLS AMG Roadster mit abgesenkten Scheiben und ohne Windschott. So richtig böse stürmt es sowieso nie im Zweisitzer, dafür zieht sich die Frontscheibe zu flach nach innen, und man versinkt zu tief unter der hohen Türkante in den exzellenten Sportledersitzen. Wird die Scheiben-Phalanx nach oben gefahren und der Warmluft-Schal (Airscarf) unterhalb der Kopfstütze zum Pusten gebracht, lässt sich das Cabriovergnügen auch im Winter zelebrieren.

Auf der Nordschleife so schnell wie das Coupé

Doch bis dahin ziehen glücklicherweise noch ein paar Monate ins Land, und der Blick fällt erst mal neben dem Gangwahlhebelchen auf zwei Tasten - die eine mit einem AMG-, die andere mit einem Dämpfersymbol drauf. Mit Letzterer lassen sich die neuen adaptiven Dämpfer des Mercedes SLS AMG Roadster dreistufig anpassen, wobei der straffe Sport Plus-Modus laut Mercedes für "ambitionierte Runden" taugt. Wer dann auch noch AMG drückt, bekommt auf dem Bildschirm des Infotainmentsystems das volle Paket an quer- und längsdynamischen Infos hübsch animiert angezeigt. Selbst die Nordschleife ist hinterlegt, und ein weiterer Knopfdruck würde die Rundenzeitnehmung starten. Schließlich, so wird man bei AMG nimmermüde zu betonen, verlöre der Mercedes SLS AMG Roadster auf der Kult-Rennstrecke keine Zeit aufs Coupé.

Aber ist das wichtig? Wenn Genuss nur in km/h gemessen würde, bräuchte man keine Cabrios. Vielmehr bedarf es keinerlei fahrerischer Hektik, um die Vorzüge des Doppelquerlenker- Fahrwerks zu erkunden. Spielerisch und rund lenkt der Mercedes SLS AMG Roadster ein, die Neutralität ist beeindruckend und begründet sich auch durch die Gewichtsbalance (weit hinten liegender Frontmittelmotor), die zu 53 Prozent leicht hecklastig ist.

Von temperamentvoll bis elegant und ruhig

Wer kurvenausgangs trotzdem beherzt aufs Gas pfeffert, spürt, wie der Mercedes SLS AMG Roadster um die Hüfte unkritisch (ESP an), aber willig zu spielen beginnt. Da paart sich ein schwäbischer Stürmer mit Latino-Temperament, so was kennt man sonst nur von Mario Gomez. ESP aus öffnet natürlich ein anderes Kapitel, denn dann rauchen die 295er Heck-Pneus auch mal quer durch die Kurve. Bei 571 PS sollte der Pilot sehr genau wissen, was er tut, sonst endet die Leistungs-Pirouette - mit dem Kofferraum voraus - im Graben.

Übrigens: Wer den offenen Beau hetzt, nimmt auch wahr, dass das Getrag-Doppelkupplungsgetriebe zwar sanft, aber nicht mit vollendeter zügiger Konsequenz die sieben Gänge reinschießt.

Was einem beim Flanieren an der Croisette völlig schnuppe sein kann. Der Mercedes SLS AMG Roadster fließt besonders im Komfortmodus elegant und ruhig an den Nobelhotels vorbei. Eine Contenance, die ihn auch akustisch auszeichnet, wenn man das Dach im kühlen Abendwind wieder schließt. So still mag ihn auch die Möwe wieder - fehlende Flügel hin oder her.

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Alexander Bloch

Autor:

auto motor und sport, Heft 21 / 2011

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