Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Mit dem Lanz-Bulldog zur Veterama nach Mannheim

Lanz Dampf in allen Gassen

Motor Klassik 12/1985: Lanz Dampf in allen Gassen 11 Bilder

Die besten Geschichten aus 30 Jahren Motor Klassik: Hermann Ries wollte im Jahr 1985 wissen, wie sich der Lanz Eilbulldog auf der Straße benimmt und fuhr mit ihm von Sinsheim nach Mannheim.

14.01.2014 Hermann Ries Powered by

Kult-kult-kult-kult-kult-kult   - macht der Lanz im Leerlauf. Und bei jedem Kult-untermalten Kolbenhub verneigt sich der Bulldog. Comic-Star Werner hat es eiskalt lautmalerisch erkannt: Der Lanz ist eine Kultfigur.

Echte Bulldog-Fahrer nehmen das Lenkrad mit in die Kneipe

Gestern Abend habe ich in fünf Minuten eine Kneipe völlig leergeräumt. Kaum war ich drin, waren alle anderen draußen. Ich hatte noch nicht einmal meine Muskeln spielen lassen. Ich ging einfach nur in die Dorfschenke hinein.

Zugegeben - mit meinem weißen, ölverschmierten Overall war ich trotz nur 65 Kilo Lebendgewicht bei 1,85 Meter Länge eine eindrucksvolle Erscheinung; vor allem auch deshalb, weil ich noch die weiße Lederkappe mit der Rennbrille auf hätte. Und dann war da noch das riesige Lenkrad. Wie jeder richtige Bulldog-Fahrer, der in eine Wirtschaft geht, hatte ich den Bulldog mit laufendem Motor abgestellt, das Lenkrad zur Diebstahlsicherung abgezogen und mitgenommen.

Und jetzt stand ich da in der Kneipe. Nur der Wirt war noch drinnengeblieben. Draußen drehte das Kneipenvolk beinahe durch. Wie ein weißer Elefant stand der Lanz auf dem Parkplatz, machte bei jeder Zündung seines Zehneinhalbliter-Einzylinder-Dieselzweitakters "kult" und nickte dazu mit seiner weißen Schnauze.

Da hatten die Neugierigen ihre Erklärung. Was sich zuerst anhörte, wie ein Hubschrauber auf dem Dorfplatz, entpuppte sich als Trecker. Und der vermeintliche Bruchpilot Quax war kein abgestürzter Hubschrauber-Pilot, sondern eher ein schmächtiges Kerlchen, das sich nur eine Ruhepause gönnte vom anstrengenden Bulldog-bändigen.

90 lange Kilometer von Sinsheim nach Mannheim

Die Pause hatte ich dringend nötig. Als Mensch, der sein (schmales) Gehalt im Büro verdient, anstatt durch harte körperliche Arbeit, hat mich das Bulldog-fahren mächtig angestrengt: Der Bulldog hatte mich regelrecht windelweich geprügelt. Vom Auto + Technik-Museum war ich am Freitagnachmittag zur Veterama gestartet und gestern Abend, am Sonntag fuhr ich zurück. Insgesamt mögen es wohl 90 Kilometer gewesen sein, die ich mir bis zu der plötzlich leergefegten Dorfkneipe erkämpft hatte. 90 lange Kilometer.

Mit einer Stadtrundfahrt in Heidelberg, mit einer Durchquerung Mannheims, mit langen Autoschlangen hinter dem riesigen Bulldog-Hintern, mit - und das habe ich besonders genossen - bewundernden und interessierten Blicken der Damen. Und immer das kult-kult-kult-kult-kult in den Ohren, begleitet vom nervenzerfetzenden Kreischen des geradverzahnten Getriebes, dessen Zahnräder als Mahlsteine jeden Müller begeistern würden.

Überhaupt passt so ein Bulldog nicht zu einem von Servo-Hilfen und elektrischen Anlassern verwöhnten Stubenhocker wie mich. Und ich hatte noch gleich das größte  Exemplar erwischt, den Eil-Bulldog mit seinem riesigen liegenden Einzylinder, dessen wassereimergroßer Kolben bei der Wahnsinns-Drehzahl von 750 Umdrehungen pro Minute 55 PS auf die fast einen dreiviertel Meter durchmessenden Schwungscheiben hämmert.

Der Lanz säuft im Notfall Margarine

Normalerweise steht dieses Ungetüm friedlich im Auto + Technik-Museum in Sinsheim, aber als Blickfang für den Motor Klassik-Stand auf der Veterama musste der weiße Riese dorthin gefahren werden. Die Museums-Chefs Hermann Layher und Peter Tiedemann hatten spontan zugesagt, als ich anfragte, den Lanz doch auf eigener Achse nach Mannheim zu fahren.

Ein Kurzlehrgang klärte mich über die Bedienung, vor allem über das Anlassen auf: Zuerst mit der Lötlampe dem Glühkopf zu einer roten Farbe verhelfen, dann insgesamt drei Diesel-Hähne aufdrehen (wieso eigentlich Diesel-Hähne? Der Bulldog säuft alles, was brennt, im Notfall sogar flüssige Margarine). Das Standgas auf "halb" stellen und dann mit dem Lenkrad am Schwungrad an der dafür vorgesehenen Aufnahme mit pendelnden Bewegungen solange drehen, bis sich der erste "kult" ankündigt.

Danach heißt es schnell reagieren, denn der Dieselmotor kommt sofort auf Touren. Und wer das Lenkrad nicht rechtzeitig aus der Öffnung bekommt, bleibt in den Speichen hängen und bricht sich mit etwas Glück nur den Arm. Wer Pech hat, schafft es nicht, das Rad abzuziehen. Er sollte um sein Leben laufen. Das ungefähr sechs Kilogramm schwere Rad mit der rund 70 Zentimeter langen Lenksäule wandert nämlich von allein schnell aus der Kurbelöffnung. Vorher hat es genügend Drall bekommen, um die Umstehenden zu erschlagen.

Gefährlicher Startvorgang

Wegen dieses gefährlichen Anlassvorganges waren die Bulldogs bei Wirten sehr gefürchtet. Um den gefährlichen Start zu umgehen, der besonders nach einigen Bierchen zum unkontrollierbaren Jonglier-Akt mit wirbelndem Lenkrad wird, haben die Bauern seinerzeit ihre Bulldogs mit laufenden Motoren vor der Kneipe abgestellt und das Lenkrad mit in die Wirtsstube genommen. Innen saßen die Lanz-Helden und haben stundenlang gesoffen, draußen standen die Bulldogs und machten pausenlos kult-kult-kult- kult. Und wenn sich fünf bis zehn solcher Trecker zusammengerottet hatten, klirrten beim Wirt die Gläser im Schrank, so heftig bebte der Boden.

Auf was habe ich mich da bloß eingelassen? Aber ein Zurück gab es nicht mehr. Die Museums-Herren erklärten mir noch kurz das Fahrverhalten und die Bedienung der einzelnen Schalter und Hebel: "Anfahren im dritten Gang, das Getriebe ist nicht synchronisiert. Zwischenkuppeln ist nicht nötig, wenn's beim Schalten kracht, ist das normal. Vorsicht beim Bremsen, der Trecker zieht leicht schief, weil er nur an den Hinterrädern Bremsen hat. Die Lenkung ist ein wenig schwergängig, Servo-Hilfe gab's damals nicht."

Im dritten Gang bis 12,4 km/h

Prima, hört sich alles ja ganz einfach an. Nachdem ich den Führerstand erklommen und den Ausblick von meinem Hochsitz genossen habe, trete ich auf das Kupplungspedal, so wie ich es vom Autofahren gewöhnt bin. Museums-Chef Hermann Layher grinst schadenfroh als er meinen erstaunten Gesichtsausdruck sieht. "Treten Sie mit dem ganzen Fuß auf das Pedal, dann geht's besser", rät er. Als ich mich mit ganzer Kraft gegen die Sitzbank stemme, schaffe ich es, die Kupplung durchzudrücken.

Und jetzt nur den dritten Gang einlegen. Im Prinzip kein Problem, wenn nur die Kupplung richtig getreten ist, und man nicht zu zimperlich vorgeht. Lässt sich der silberne pumpenschwengelgroße Schalthebel nicht auf Anhieb in die gewünschte Stellung bewegen, hilft nur eins: In die Hände spucken und zupacken, notfalls mit beiden Händen den Hebel dorthin prügeln, wohin man ihn haben will. Wenn es dann so richtig kracht, darf man das beruhigt als Erfolgsmeldung vom Getriebe für den eingelegten Gang akzeptieren.

Der dritte Gang ist für eine Endgeschwindigkeit von 12,4 km/h ausgelegt, kurz vorher stemme ich mich in die Kupplung um den vierten Gang einzulegen. Das Getriebe muss meine Absicht, den Gang "einzulegen" geahnt haben. Es sperrt sich mit Macht dagegen. Ich nehme mir vor, den Gang reinzuprügeln, warte die richtige Schaltdrehzahl ab und kupple nur andeutungsweise. Ich reiße den Prügel nach vorne in die richtige Ebene - und kann stolz auf mich sein. Es kracht kaum und der Vierte sitzt.
Jetzt die Bremsprobe. Ich mache mich darauf gefasst, wie beim Kuppeln, so auch beim Bremsen nur mit Brachial-Gewalt zum Erfolg zu kommen. Nur mit viel Glück fliege ich nicht zur Windschutzscheibe heraus: Die Bremse reagiert schon brutal auf sehr geringen Druck. Ich werd's schon überleben. Kult-kult-kult - es geht los.
Ich fahre über den Museumsparkplatz und der erste Bordstein wird mir fast zum Verhängnis. Wie ein junger Springbock fängt der Lanz-Elefant zu hüpfen an, nachdem er über den Randstein geholpert ist.
Ich spüre keine Federung und Dämpfung gibt es serienmäßig keine. Bis ich das Ungetüm unter Kontrolle habe, ist mir klargeworden, warum die Trecker-Fahrer sich im Straßenverkehr so zurückhaltend benehmen. Der Bulldog fordert einen nämlich hundertprozentig. Die Lenkung macht meinen dünnen Schreibtischtäter- Ärmchen gehörig zu schaffen, ich drehe mit ganzem Körpereinsatz an dem sportlich wirkenden Holzrad - sportlich? Ja natürlich sportlich - hier muss man Bodybuilding machen.
Aber die Belohnung folgt bei Fuß: Als ich, stilgerecht eingekleidet mit blütenweißem Overall, ebensolcher Lederhaube und Rennbrille an einer Tankstelle vorfahre und entgegen den Vorschriften mit laufendem Motor tanke, kommt der Tankstellenpächter nicht dazu, den laut kultenden Motor zu reklamieren. Sein Mund bleibt einfach offen stehen. Als ich dann noch zwei Liter Motoröl bestelle - "egal welches" - weiß er, dass er am nächsten Stammtisch mit seiner Erzählung über den verrückten Treckerfahrer zum Alleinunterhalter avanciert.
Die Kollegen vom Tiefbau mit der Straßenwalze nehmen das weiße Ungetüm eher gelassen zur Kenntnis, sie wundern sich höchstens über die für Trecker ungewöhnliche,schmutzempfindliche weiße Tracht von Mensch und Maschine und staunen über den Auspuffgasdruck, der das Gras noch auf der anderen Straßenseite bei jedem Kult zum Wogen bringt.
In Heidelberg hatte ich mit dem Lanz einen Riesen-Erfolg: Eine elegant gekleidete Mittdreißigerin im 3.000 Mark-Ledermantel von Nazareno Gabrielli schaut mir und meinem Trecker mit tiefem Blick zu. Ich fühle mich angesprochen. "Komm mit" brülle ich gegen den Lärm an. Entweder hat sie mich nicht verstanden oder sie wollte vielleicht gesiezt werden. Unter Bulldog- Freunden jedenfalls duzt man sich.
Als ich in Richtung Innenstadt durch die Tunnels fahre, bläst es mir fast das Hirn aus der Schale, so stark spüre ich den Schalldruck. Ein Kontroll-Blick auf die Neonröhrender  Tunnelbeleuchtung: Gutes Material, keine ist geplatzt.
Als ich kurze Zeit später auf dem Veterama-Gelände aufkreuze, wieder das Hubschrauber-Syndrom. Jeder denkt, ein Hubschrauber würde einfliegen, bis er den Lanz sieht. Dann folgt das Phänomen mit dem offenen Mund und danach ein erstauntes "Aha".
Vor der Rückfahrt der Kampf mit der Technik. Ebenso wie beim Schaulauf am Samstag auf der Veterama will die Lötlampe keine ausreichende Flamme ausspucken. Am Samstag halte uns Adolf Diener, Lanz-Spezialist aus Mannheim, mit seiner Lötlampe geholfen. Am Sonntag half erst eine zweistündige Reparatur der Lötlampe durch Kollege und Ingenieur Reinhold Ziegler. Erst danach konnte ich den Bulldog starten. Der Lötlampen-Stress war im Übrigen das Anstrengendste an der ganzen Trecker-Tour. Alles andere hat mir nur Muskelkater verursacht.
Sogar am Hintern - dort aber so stark, dass ich diesen Bericht ausnahmsweise im Stehen geschrieben habe.

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
Autokredit berechnen
Anzeige