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Opel Kapitän A

Grosses Kino

Foto: Hardy Mutschler 15 Bilder

Autokinos sind mehr als nur Orte, in denen ein Film im XXL-Format gezeigt wird. Im Schutz der Dunkelheit wurden gerne neue Beziehung eingegangen oder bestehende gepflegt. Besonders wichtig: ein geeignetes Auto. Ein Opel Kapitän zum Beispiel.

11.12.2007 Michael Schröder Powered by

Behutsam zwängt sich die große Limousine an den gelben Kassenhäuschen vorbei. Der Lichtschein der Programmanzeige spiegelt sich auf der gestreckten Motorhaube, unter der sechs Zylinder gelassen ihre Arbeit verrichten. Oder er wird von den klaren schnörkellosen Flanken reflektiert, deren einziges Schmuckelement eine der Länge nach ins Blech gehauene Kante ist.

Amerikanische Straßenkreuzer auf Deutsch getrimmt


Ein feiner Kunstgriff, der dieses Fahrzeug noch einen Tick flacher und lang gestreckter erscheinen lässt, als es ohnehin schon ist. Die beige, fast fünf Meter lange und gut zwei Meter breite Karosse eines Opel Kapitän A wirkt auf dem Gelände des Autokinos in Gravenbruch inmitten aktueller Mittelklasse-Konfektionsware wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Das war schon einmal so. Als Opel 1964 die drei neuen und von der Konstruktion her baugleichen Modelle Kapitän, Admiral und Diplomat – die so genannte KAD-A-Reihe – präsentiert, hält Amerika mit aller Macht endgültig Einzug auf Deutschlands Straßen. Rüsselsheim setzt mit den in Detroit gezeichneten Karossen voll auf Größe, um in der Oberliga wieder Eindruck zu schinden. Und auf nüchternes, gestrecktes Straßenkreuzer-Design.

Der barocke Vorgänger, der Kapitän P2, der mit Unmengen von Chromzierrat, Panoramascheibe und Bonsai- Heckflossen eher einer antiquierten Juke Box gleicht, ist ohnehin kaum noch an den Mann zu bringen: Mercedes verkaufte 1963 mit rund 22 400 Exemplaren des 220ers fast dreimal so viele Autos. Opels Marketingstrategen ging es um eine klare Botschaft: „Kapitän, Admiral und Diplomat sind Wagen, die ihre Zugehörigkeit zur Klasse der Prominenten durch die Eleganz ihres Äußeren eindrucksvoll dokumentieren.“

Das erste deutsche Autokino weihten Yul Brunner und Deborah Kerr 1960 ein

Dass die Wege zwischen Elbe und Rhein gewundener sind als die am Mississippi, hat man bei der Entwicklung dieser Karossen im XXL-Format schlichtweg ignoriert: Im Vergleich zum P2, der auch nicht gerade zwergwüchsig daherrollt, wurde die Karosserie um zwölf Zentimeter verlängert sowie um neun Zentimeter in die Breite ausgewalzt. Der Kapitän markiert in diesem Oberklasse-Trio für seinerzeit 10 990 Mark sozusagen das Einstiegsmodell. Der technisch identische Admiral rollt für 12 200 Mark etwas opulenter ausgestattet daher, während ein mächtiges V8-Triebwerk mit 4,6 Liter Hubraum und 190 PS einzig das 17 500 Mark teure Flaggschiff Diplomat sowie das nur 300 Mal gebaute Coupé antreiben darf.

Die KAD-Baukasten-Reihe hielt also gleichermaßen ein repräsentatives Fahrzeug für den Geschäftsmann aus dem aufblühenden Mittelstand wie für einen Generaldirektor bereit. Zurück ins Hier und Jetzt. Der Wagen schleicht über eine riesige asphaltierte Fläche, die bis zur Leinwand von merkwürdigen Wellen durchzogen ist. Keine Kunst, sondern eine rein praktische Vorrichtung: Sie dienen dazu, die Front des darauf parkenden Autos anzuheben, um den Insassen eine bessere Sicht auf die Projektionsfläche zu bieten, auf der bereits seit 1960 Filme gezeigt werden. Deutschlands erstes Autokino wurde einst von Deborah Kerr und Yul Brynner eingeweiht – gut 27 Jahre, nachdem diese Kino- Gattung in den USA erfunden worden war (siehe Kasten). Doch in Deutschland konnten sich Open-Air-Kinos nie richtig durchsetzen und gelten heutzutage praktisch als ausgestorben. Vielleicht hätte man ein paar Minuten früher losfahren sollen, um sich pünktlich zum Vorspann mit Cola und Popcorn versorgt zu haben.

Außerhalb der Stadt, also dort, wo man es ein wenig laufen lassen könnte, fühlt man sofort, dass ein 64er Kapitän übertriebene Hektik scheut wie einen zu kleinen Parkplatz. Was daran liegt, dass der 100 PS starke 2,6 Liter große Sechszylinder- Reihenmotor schon damals ein wenig aufregendes Relikt aus der automobilen Steinzeit war: Die Grundkonstruktion mit zentraler Nockenwelle und Stirnradsteuerung stammt bereits aus dem Jahr 1934. Für den Einsatz im Kapitän sowie im Admiral wurde dieser gusseiserne Brocken ein letztes Mal heftig überarbeitet und mit einer höheren Verdichtung, größeren Ein- und Auslasskanälen sowie mit hydraulischen Stößeln versehen. Doch mit diesem musealen Triebwerk im Bug war in der Oberklasse letztlich kein Blumentopf mehr zu gewinnen.

Einzelsitze als Lustkiller

Potenzielle Kunden verlangten bei einem Fahrzeuggewicht von 1380 Kilo schlicht nach mehr Leistung. Deshalb kam bereits ein Jahr nach der Präsentation ein neu konstruierter Sechszylinder mit 2,8 Liter Hubraum und 125 PS zum Einsatz. Gleiten ist also angesagt. Quasi die Paradedisziplin dieser Fahrzeuggattung. Dass der Wagen bereits auf durchschnittlich geschundenem Asphalt leicht ins Schwanken gerät oder in Kurven einen zaghaften Eiertanz vollführt, sei ihm verziehen. Sein Fahrer weiß schließlich, woran es liegt. Und wundert sich, dass Opel sich bei dieser Baureihe erst 1968 von der starren Hinterradachse samt deren Blattfedern getrennt hat.

Technisch gesehen hinken die KAD-A-Modelle dem hohem Rüsselsheimer Anspruch an einen modernen Oberklassewagen weit hinterher. Im Fahrzeuginnenraum geht es genauso altmodisch zu. Zumindest aus der Sicht von Autokinobetreibern und Filmhistorikern. Sie bringen den Tod der Freiluftkino-Branche mit der zunehmenden Verbreitung von Knüppelschaltung, Mittelkonsole und zwei vorderen Einzelsitzen in Verbindung. Denn die riesigen Freiflächen vor der Leinwand waren in den sechziger Jahren ein gut besuchter Ort der Lust. Hierhin zog man sich zurück, um zumindest für ein paar Stunden dem Einflussbereich allzu strenger Eltern zu entgehen. Wesentliche Voraussetzung für einen erfolgreichen Abend war ein Fahrzeug mit Lenkradschaltung und – natürlich – durchgehender Sitzbank. Einen Opel Kapitän trifft also keine Schuld daran, dass es so gut wie keine Autokinos mehr gibt. Nichts trennt die Besatzung auf einer breiten ersten Sitzreihe voneinander, sofern man in der Lage ist, eine räumliche Distanz von gefühlten drei Metern zu überbrücken.

Die Liebeshalle

Dieses tolle Möbelstück ist ausschließlich dem Kapitän bis zum Ende der vierjährigen Bauzeit der KAD-A-Reihe vorbehalten. Für Autokinofans ist er also erste Wahl. Um sich schließlich ungestört näher zu kommen, wird der Wagen wie selbstverständlich in der letzten Reihe geparkt. Für die hatte sich in Amerika rasch ein passender Name gefunden: „Love Lane“. Von einem Kapitän als mobiles „Liebesnest“ zu reden, ist allerdings nur die halbe Wahrheit. „Liebeshalle“ passt da schon besser, weil sich bereits beim Einsteigen das Gefühl aufdrängt, in einem Ballsaal zu verschwinden. Wenn auch in einem recht schnörkellosen.

Bandtachometer, Radio und die Bedienelemente wirken in ihrer Anordnung eher praktisch sortiert als glamourös gestylt. Dennoch versprüht das gesamte Interieur einen Hauch von großer weiter Welt, wie sie in den Sechzigern bestenfalls aus dem Fernsehen bekannt war. Während der Film läuft, fällt das Thermometer draußen auf zehn Grad. Herbst in Deutschland – nicht gerade der optimale Zeitpunkt für eine Fahrt ins Autokino. Für einen kurzen Moment muss der noch warme Motor im Standgas als Heizung herhalten. Der heiße Luftstrom lässt sich in den vorderen Fußräumen getrennt regeln und über zwei Kanäle bis in den Fond leiten. Die Besatzung weiß es zu schätzen.

Technische Daten
Opel Kapitän
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4948 x 1902 x 1445 mm
Höchstgeschwindigkeit158 km/h
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