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Ferrari 250 GT Berlinetta SWB Competizione

Probefahrt: Mit Stirling Moss im Renn-GT

Ferrari 250 GT Berlinetta SWB Competizione Foto: Malte Juergens 9 Bilder

Ferrari Classiche restaurierte den blauweißen Renn-GT des Rob-Walker-Teams von 1961. Stirling Moss übernahm das Coupé in Maranello und dreht mit Motor Klassik ein paar Runden auf dem Testkurs von Fiorano.

23.07.2009 Malte Jürgens Powered by

Die lang gezogene Linkskurve vor der engen Rechts an der Auffahrt zur Brücke nimmt Stirling Moss fröhlich im Vierten, den V12 nicht ganz ausdrehend, aber doch so zügig, dass die blauweiße Berlinetta auf der Fahrerseite kräftig einfedert und mit der Hinterachse bereits leicht nach außen drängt. Wenn er jetzt bremst und das Lenkrad dann abrupt nach rechts dreht, könnte sich ein netter Konter aufbauen.

Stirling Moss sucht auch mit 80 noch den Nervenkitzel
 
Noch ist ein Sekundenbruchteil Zeit, jetzt beginnt der Beifahrer in Gedanken zu bremsen, ja, jetzt, spätestens aber jetzt, verdammt noch mal. Moss steigt endlich auf das gelochte Bremspedal, die Trommeln sprechen gleichmäßig an, dann wird mit einer kurzen, präzisen Lenkradbewegung ein kleiner Radius für die enge Rechts vorgewählt - schließlich rutschen die knapp anderthalb Tonnen Stahl, Leichtmetall und Fracht wie im Lehrbuch wunderbar untersteuernd Richtung äußere Leitplanke.
 
Der einstige Rallye-Weltmeister Walter Röhrl erklärt Fahrzustände dieser Art gern durch einfache Bilder, die auch ein Laie gut versteht: "Ein Auto untersteuert, wenn du das Hindernis siehst, das du triffst. Es übersteuert, wenn du das Hindernis nur hörst." Okay, der 250 GT SWB untersteuert, daran bestehen keinerlei Zweifel. Es ist die Leitplanke, die uns anspringen wird. Gleich. Der Beifahrer versucht, flexibel zu bleiben und bereitet sich darauf vor, mit einem der schnellsten und erfolgreichsten Grand-Prix-Rennfahrer der fünfziger Jahre zusammen in das Stahlband einzuschlagen, das die Teststrecke von Ferrari nach außen begrenzt. Kurzer Blick zum Fahrer. Der hält das Nardi-Lenkrad unverrückbar fest und grinst rüber: "Das hat der damals auch schon gern gemacht."
 
Etwa zwei Meter vor der Planke bekommen die Reifen plötzlich wieder Grip. Moss öffnet die Lenkung in mählicher Ruhe, und der Ferrari wirft sich brüllend in die Höhe, passiert die Brücke, wird für die folgende Rechts noch einmal kurz und hart zusammengebremst. Schon saugt das Coupé das folgende Gefälle unter sich hindurch. Dann wartet die enge linke Haarnadel. Bremsen, zurückschalten, untersteuern, auf den neuerlichen Grip warten, dann Gas geben und die Lenkung sanft wieder öffnen. Beschleunigen, aber nicht über 5.500/min drehen, der Motor ist noch neu, mute ihm die 7.000/min erst in ein paar Tagen zu - freundlich gemeinte Einfahrregeln begleiten den Testpiloten.

Nicht spannungsfrei: Stirling Moss und Enzo Ferrari
 
Die Gerade vorbei an der Ferrari-Box wird zur Sprintstrecke für die fünfte Fahrstufe. Unterhalten ist schwierig. Die drei Weber-Doppelvergaser schlürfen die Ansaugluft sehr vernehmlich in sich hinein, der Auspuff ist zwar irgendwie gedämpft, aber eben auch nur irgendwie, nicht wirklich leise. Nach zwei Runden lässt Moss den Ferrari deutlich verhaltener rollen: "Wir brauchen jetzt eine langsame Runde, um die Bremsen kühl zu fahren."
 
Moss, der am 17. September seinen 80. Geburtstag feiern wird, ist topfit und fühlt sich in dem Coupé mit dem kurzen Radstand - 2,40 Meter statt 2,60 - offensichtlich immer noch wie zu Hause. Er hat den 250 GT SWB bereits 1961 in den Händen gehabt, bei Sportwagenrennen in Silverstone, in Brands Hatch, in Goodwood und in Nassau. Dort hat er für das Rob-Walker- Team jeweils souverän gewonnen; in Le Mans wiederum lief es 1961 für den Engländer nicht ganz so gut - Ausfall nach neun Stunden auf Rang drei durch einen defekten Kühlerventilator.
 
"Zu Enzo Ferrari hatte ich in den ganzen Fünfzigern ein eher gespanntes Verhältnis", erinnert sich Moss. "Das kam, weil er mich 1951 nach Bari zu einem Formellauf einlud, mein Auto aber dann an Piero Taruffi gab. Das habe ich ihm nie verziehen." Moss fährt in der Folge für Mercedes, Lotus, Maserati, Porsche und andere Marken; Ferrari bleibt er fern.
 
1960 ändert sich das. Teamchef Rob Walker kauft einen 250 GT SWB, Chassisnummer 2119, und setzt ihn unter Moss erfolgreich bei Sportwagenrennen ein. 1961 erhält Moss dann das Coupé mit der Chassisnummer 2735 GT - und eine Option. Ferrari will Walker einen 246 Formel 1 zur Verfügung stellen und zwei Renncoupés, das Rob-Walker-Team soll diese Werkswagen einsetzen, Moss wird seinen Grimm begraben, es ist als Beginn einer unzweifelhaft erfolgsgekrönten neuen Partnerschaft gedacht. Doch es kommt anders. Stirling Moss verunglückt 1962 im April in Goodwood so schwer, dass er seine Karriere beendet: "Ich habe vom Motorsport viel bekommen und habe ihm viel zurückgegeben, nur eines nicht - mein Leben."

Nach Stirling Moss' Ausstieg erlebt der Ferrari 250 eine Odyssee
 
Chassisnummer 2735 GT kommt damit allerdings nicht etwa aufs Altenteil. 1962 wird sie von Innes Ireland pilotiert, später von Chris Kerrison, Mike Salmon, Peter Sutcliffe und Peter Raphael. 1967 wandert der Motor in einen Ferrari GTO (3729 GT), ein V12 aus dem 250 GTE mit dem Chassis 3635 GT wird installiert.
 
Ende der sechziger Jahre wickelt ihn Sir James Scott-Douglas auf dem Weg nach Mondello Park um einen soliden Baum. 2735 wird abgeschrieben, entsteht neu mit einer Karosserie von Drogo, erhält in den Siebzigern den Originalmotor zurück und bekommt im folgenden Jahrzehnt eine neue Originalkarosserie; der Drogo-Body wird auf einen 250 GTE 2 + 2 (Chassis 3611 GT) verpflanzt.
 
1984 kauft der Engländer Clive Beecham den blauweißen Würdenträger - und setzt ihn auch kräftig ein: beim Festival of Speed, beim Goodwood Circuit-Revival, bei der Tour de France. Dann wird 2735 GT in Maranello makellos restauriert, in der Abteilung Ferrari Classiche. Als Beecham jetzt sieht, wie selbstverständlich Moss die Berlinetta entert und sofort damit vertraut ist - als sei es nicht das Jahr 2009, sondern erst der Sommer von 1961, wird seine Stimme plötzlich ganz belegt: "Es ist für mich als Engländer eine Sensation, Stirling heute wieder in einem Ferrari in Rob-Walker-Farben am Lenkrad zu sehen."
 
Moss hingegen begründet seine Sympathie für die Marke mit dem Pferdchen pragmatischer: "In einem historischen Ferrari fühle ich mich sehr wohl, denn Ferrari hat immer sehr gut und sehr sicher konstruierte Rennwagen in Kundenhand gegeben. Es starb damals nicht ein Fahrer wegen technischen Defekts eines in Maranello gefertigten Teils. Andere Autos waren da viel gefährlicher."

Technische Daten
Ferrari 250 GT Berlinetta SWB Competitione
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4150 x 1690 x 1260 mm
Hubraum / Motor2953 cm³ / 12-Zylinder
Höchstgeschwindigkeit270 km/h
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