Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Mitsubishi Galant

Schüssel-Erlebnis

Foto: Rossen Gargolov 12 Bilder

Schon für ein paar Hundert Euro gibt einen sehr guten Mitsubishi Galant, rostfrei mit G-Kat, TÜV und wenigen Kilometern. Eine üppige Reisschüssel, die keiner kennt, die aber viel schräges 80er-Jahre Flair verkörpert. 

03.11.2008 Alf Cremers Powered by

Er ist ein Saubermann ohne Abgründe. Eine Art strebsamer Über-Audi der Achtziger im reizlosen Sinn, ein Auto der Vernunft auf japanisch. Schon bald nach seiner Deutschlandpremiere bekam er, serienmäßig mit G-Kat, den „Blauen Umweltengel“ verliehen, als sich andere noch mit dem U-Kat aus der Affäre zogen. Der Mitsubishi Galant ist so zahm, brav und freundlich wie sein Name. Ein stiller Diener seines Herrn ohne Skandale, der sich mit Normalbenzin begnügt, aber mit drei Jahren Garantie ab Werk oder bis zu 100.000 Kilometern auftrumpft wie der Klassenprimus bei der Zeugnisausgabe. Diese garantierte Laufleistung hat unser Exemplar in Sepiabraun- Metallic nach 21 Jahren gerade knapp einmal überschritten, 104.765 stehen auf der orange beschrifteten Zählwerkwalze.
 
Der Mitsubishi Galant 2400 GLS
 
Die Bodengruppe des Galant ist verzinkt, das macht ihn langzeittauglich, aber nicht unverwundbar. Rost nistet sich selten ein – wenn, dann zuerst an den hinteren Schwellerenden unter den Fondtüren. Heute ist der erste Frontantriebs-Galant ein eher belächelter Exot im Straßenverkehr, eine unauffällige Mittelklasse- Limousine. Man muss schon zweimal hinsehen, ob es nicht doch ein Toyota Camry oder ein Subaru Leone ist. Der überraschend günstige Luftwiderstands-Beiwert von 0,36, Designzitate vom Audi 100 Typ 44 und vom Mercedes 190 W 201, sorgen noch für eine formale Akzeptanz zwischen Gestern und Heute. Sie machen ihm das endgültige Altern in Richtung Klassiker noch schwerer als die Schleuderpreise, die nur noch von afrikanischen Aufkäufern auf 500 Euro-Niveau gehalten werden. Für einen skurrilen Youngtimer reicht das widersprüchliche Charisma des Galant, eine Mischung aus bürgerlich und exotisch, aber allemal.

Stattliche 2,4 Liter Hubraum
 
Viele Details, vor allem im Interieurbereich sind extravagant, aber nicht sonderlich geschmacksicher gestaltet, weit entfernt von der kühlen Sachlichkeit zeitgenössischer Audi-, BMW- und Mercedes-Modelle. Gerade darin liegt der Reiz dieses an sich reizlosen Autos, aber mehr noch in seiner bedingungslosen Zuverlässigkeit und Preiswürdigkeit. Rund 750 Euro hat dieses Exemplar gekostet, inklusive mängelfrei bestandener Hauptuntersuchung und einem weit gehend vorzeigbaren Äußeren. Der in helle Milchschokolade getauchte Innenraum mit den großzügigen Sesseln kann gar als neuwertig gelten. Kein Mensch schätzt den harmlosen Galant in Sierra-Größe auf stattliche 2,4 Liter Hubraum, 1.800 Kubik sind selbst von Autokennern die gängige Antwort auf diese Quizfrage. Mehr traut ihm keiner zu.
 
Es steht auch nirgends drauf, kein Schriftzug an Heck oder Flanke spricht diesen Superlativ für die Audi-80-Wagenklasse offen aus. Fein gestaffelt präsentierte sich seinerzeit die Modellpalette des Galant E10 bis E16, wie das Modell intern heißt. Es gab einen 1600er mit 75 PS, einen Zwei-Liter mit 102 respektive 90 Kat-PS und als Topmodell den 2400 GLS mit 112 PS – an den Sicken in der Motorhaube erkennbar. Dieser ultralanghubige Vierzylinder- Einspritzmotor (Bohrung 86,5 und Hub 100 mm), intern MCA-Jet genannt, wird noch mehr unterschätzt wie das ganze Auto. Sein Geräusch klingt nicht stimulierend, sondern im unteren und mittleren Drehzahlbereich mitleidig wimmernd. Aber der Zahnriemen macht nie Ärger, weil er voll gekapselt ist. Die Brennraumform konnte dank V-förmig hängender Ventile optimal als Halbkugel ausgebildet werden, die zwei gegenläufigen Ausgleichswellen – übrigens ein Mitsubishi-Patent – sorgen selbst bei solch einem Großkolben-Vierzylinder für einen äußerst kultivierten, vibrationsarmen Lauf.

Die gehobenen Modelle mit Scheibenbremsen
 
Das Triebwerk basiert auf einer Konstruktion von 1976. Es befeuerte neben dem einstigen Galant Sigma auch etliche Chrysler-Modelle bis Anfang der neunziger Jahre – wie etwa das LeBaron-Cabriolet oder die Saratoga-Limousine. Das unverhältnismäßig teure Spitzenmodell Galant Royal mit elektronisch verstellbarem Fahrwerk, Automatik und serienmäßigem Tempomat und Zweiliter- Vergasermotor war in Deutschland nur von 1984 bis 1986 auf dem Markt. Das Gleiche gilt für den vollkommen aus der bürgerlichen Art geschlagenen Zwei-Liter-Turbo mit 150 PS. Ja, es gab sogar einen fast vergessenen 1,8-Liter-Turbodiesel, der immerhin stolze 82 PS leistete. Die gehobenen Modelle haben kompromisslos Scheibenbremsen an allen vier Rädern, das gibt es bei Audi nur bei den 136 PS-5E und Quattro-Modellen.
 
Die De Luxe-Version des Galant 2.400 kann sogar serienmäßig mit ABS, elektrischem Schiebedach, Fensterhebern und Leichtmetallrädern aufwarten. Wer Luxus noch exzessiver zelebrieren will, greift zum baugleichen Sapporo, einer aufgerüschten Quasi-Audi-200-Variante unseres braven Musterschüler-Mittelklässlers. Der Fahreindruck vom Galant ist angenehm, unauffällig und von der selbstverständlichen Weise geprägt, lange Strecken ermüdungsfrei unter die Räder zu nehmen. Man sitzt vorzüglich in den breiten vielseitig verstellbaren Sesseln. Das Cockpit zeigt sich klar instrumentiert, aber von der Bedienungsseite her futuristisch verspielt. Der krude Hartplastiklook erinnert aus mancher Perspektive an die Volvo-Modelle 740 und 760, ebenso die krasse Farbgebung. Dennoch kommt so etwas wie verlässliche Geborgenheit auf.

Tempo 130 entspricht gerade einmal 2.600 Touren
 
Der heiser säuselnde Motor lullt den Fahrer regelrecht ein. Das Drehzahlniveau liegt bei der Vierstufenautomatik, die eigentlich ebenfalls nach Volvo-Vorbild eine Dreigangautomatik mit elektrisch zuschaltbarem Overdrive ist, erstaunlich niedrig. Tempo 130 entspricht gerade einmal 2.600 Touren, deshalb liegt der Benzinverbrauch stets um die 9 bis 10 Liter Normal auf 100 Kilometer. In der Regel hat der Galant eine vorbildlich präzise Fünfgang-Seilzugschaltung à la Nasenbär-Passat, allerdings mit ziemlich langen Wegen und mit einem etwas störrischen Rückwärtsgang rechts hinten im Schaltschema. Mit etwas mehr Biss könnten die Scheibenbremsen zupacken, schließlich ist der Galant mit knapp 1.200 Kilo kein Schwergewicht – er wiegt genauso viel wie ein Mercedes 190 E. Trotzdem ist mehr Leichtbau beim Türenklang spürbar.
 
In Sachen Fahrkomfort kann der Wagen erfreulich punkten. Seine Fahrwerkskonstruktion mit McPherson-Federbeinen und einer leichten, geschleppten Verbundlenkerachse entspricht dem Golf-Rezept Sie ist mit ihren beiden Längslenkern und einem stabilisierenden, auf Torsionskräfte ansprechenden Achsträger in der Mitte die einfachste Form einer Einzelradaufhängung – eignet sich jedoch nur für Fronttriebler mit geringen ungefederten Massen an der Hinterhand. Schnell gefahrene Kurven nimmt der Galant leicht untersteuernd. Die indirekte Lenkung vereitelt ein wirklich gutes Handling, beim Rangieren missfällt der große Wendekreis. Der Galant ist ein guter Kumpel mit kleinen Schwächen, dem es nur auf dem ersten Blick an Ausstrahlung fehlt. Wegen seiner vielen angenehmen Eigenschaften hat er inzwischen ein besseres Schicksal verdient als das eines geschrubbten Winterautos mit baldigem Verfallsdatum.

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk