Miura, Countach, Diablo und Murciélago: Ausfahrt mit vier V12-Lamborghini

Lamborghini V12, alle Fahrzeuge, Rückansicht, Lamborghini Miurca

Lamborghini Miura, Countach, Diablo und Murciélago treffen aufeinander. Bevor der Lamborghini Aventador das nächste V12-Kapitel aufschlägt, blicken wir noch mal zurück. Bei einem ganz normalen Mittelmotor-Familientreffen rund um Sant Agata Bolognese – also laut, schnell und wild.

Ich will zurück auf die Straße, will wieder singen – nicht schön, sondern heftig und laut. Vorgetragen von Serge Gainsbourg als Soundtrack der Lamborghini-V12-Familie. Schnell, wild und erotisch. So wie Gainsbourg. Verraucht, versoffen, politisch inkorrekt – und doch hat er sie alle gehabt. Vielleicht, weil er die Kerze an beiden Seiten angezündet und dafür mit frühem Ableben bezahlt hat.

Lamborghini Miura debütierte 1966

Im Gegensatz zu den hartnäckigen V12-Motoren, die die Lamborghini-Topmodelle zu dem adeln, was sie sind: schwer berechenbare Wesen. Die 68er liefen sich gerade mal warm, da zündete Lamborghini die erste Stufe: den Lamborghini Miura. Als rollendes Chassis auf dem Turiner Salon. Mit einem monocoqueähnlichen, durchlöcherten Blechrahmen plus quer eingebautem V12. Das genügte für einige, Blanko-Kauforder abzugeben. Hallo, wir sprechen von 1966.

Der Alltag war weitgehend schwarzweiß, Designer Gandini Mitte zwanzig, als er eine Karosserie formte, die aussah wie Bardot und Ekberg zusammen. Im Nacken des Fahrers trompeteten im Lamborghini Miura zwölf Zylinder. Wenn die Drosselklappen schnalzten, schossen bisweilen Flammsäulen aus den Ansaugtrichtern.

Miura als Zeitmaschine

Euro 5-Homologatoren wäre der Kuli im Kittel verschmort. Damals klampften Hendrix und Joplin, heute lullert Lena. Schluss – wir entern den Lamborghini Miura. Schlanken unter 1,80 Meter passt die Ergonomie in den lediglich längsverstellbaren Sesseln. Die zwölf Zylinder röcheln sich warm, man weiß nicht recht, ob die Pleuel wirklich an einer gemeinsamen Welle kurbeln oder mittels Grüppchenbildung den Rundlauf absichtlich konterkarieren. Perfekter Massenausgleich, mechanischer Feinsinn? Das ist was für Leute, die am Gruß aus der Küche herumnuckeln und dabei mit geschlossenen Augen "mhhh" sagen.

Bei Lamborghini gibt es direkt das Hauptgericht: einen vollen, dampfenden Teller. Wir davor mit großen Augen, das Besteck fest in der Hand. Der Miura rockt. Und Profis wissen: Wenn man ein gut gewartetes Exemplar erwischt, bei dem alle Aufhängungspunkte dort sitzen, wo sie hingehören, dann fährt der Mittelmotor-Sportler so, wie er aussieht.
 
Besser als erwartet. Der gelbe Lamborghini Miura SV nimmt sauber Gas an, fährt ordentlich geradeaus, lenkt ohne Zicken ein. Und erst der schlürfende Sound beim Gasgeben und -wegnehmen. Nicht zu laut, stets authentisch. Dafür, dass die Gangwechsel über ein 1,5-Meter-Gestänge laufen, klappen sie fast feinmechanisch, während wir uns beim Blick in den Rückspiegel am querliegenden Vierliter-V12 berauschen. Eine Zeitmaschine, die Distanz zu den Siebzigern ebenso verkleinert wie die professionelle journalistische.

Lamborghini Countach mit schlechter Ergonomie

Also schnell in den Lamborghini Countach wechseln, angesichts dessen die Frage keimt, ob Designer Marcello Gandini irgendwann je ein Modell des Miura und eines des Lamborghini Countach auf den Tisch gestellt hat, schweren Barolo daneben, und nach einem tiefen Schluck zu sich selbst geseufzt hat: Mann, bist du gut. Wenn er es nicht sagt, sagen wir es: Mann, war der Gandini gut. Wer solche Dinger raushaut, verdient einen Sportwagen-Heiligenschein. Wenn auch nicht den Preis für das funktionellste Design, denn Übersichtlichkeit, Platzangebot und Ergonomie zählen nicht gerade zu den Primär-tugenden der Mittelmotor-Tiere von Lamborghini.

Vermutlich hätte Techniker Dallara beim Lamborghini Miura heutzutage auch den Tank nicht mehr über der Vorderachse postiert. Die ulkigen Radlastveränderungen je nach Pegelstand haben schon gestandene Piloten in Schweiß gebracht. Bei voller Tankblase ist die Lenkpräzision akzeptabel, im Laufe der Fahrt tendiert sie ins Vage. Also nichts, was man sich bei der Auseinandersetzung mit einem über 350 PS starken Mittelmotor-Vieh wünscht. Zudem sind exakte PS-Angaben bei Lamborghini so glaubhaft wie Berlusconis Treueschwüre, die Realität jedoch ähnlich wild.

Lamborghini Countach verlangt nach Turnerqualitäten

Der Lamborghini Countach verlangt seinem Piloten beim Aufbruch in die Moderne einiges ab. Einsteiger sollten mindestens eine Zwei plus im Turnen und viel Wohlwollen gegenüber zwanglos arrangierter Ergonomie, rudimentär vorhandener Verarbeitungsqualität sowie nicht vorhandener Rundumsicht mitbringen. Das LP im Namen steht für Longitudinale Posteriore, der V12 liegt im Lamborghini Countach also nicht mehr quer, sondern längs im Rumpf, die Handflächen bleiben selbst bei höherem Tempo trocken, denn Geradeausfahren kann der Countach erstaunlich gut.
 
Zudem lässt sich der 5,2-Liter-V12 des Lamborghini Countach Anniversario bei Ansprechverhalten und Drehfreude nicht lumpen. Kein Wunder: Angesichts laxer Abgasvorschriften darf er noch ungeniert mit Super gurgeln. So flundern wir mit an den vorwitzigen Seitenscheibenrahmen gelehntem Kopf durch die Emilia Romagna, fühlen uns als Teil der Maschine, freuen uns über die ordentliche Federung und machen ein imaginäres Kreuz beim Sonderwunsch Servolenkung.

Wendemanöver verursachen nämlich Transpiration. Freude bereitet dagegen die totale Schmerzfreiheit beim Innenraumdesign des Countach. Das kastige Cockpit könnte auch aus einem Muldenkipper stammen, die Verarbeitung lässt noch Luft nach oben. Luft, gutes Stichwort: Die gibt es durch kleine Schiebefenster, was den Reiz, an einem sonnigen Tag unter der waagerechten Frontscheibe zu hocken, nicht wirklich erhöht.  Aber gerade aus der Ballung unvereinbarer Härten zieht der Countach seinen Reiz.

Lamborghini Diablo und der Sprung in die Moderne

Der Sprung zum Lamborghini Diablo könnte kaum größer ausfallen. Mit ABS und ausgefeilter Motorelektronik schlägt er die Brücke zum dritten Jahrtausend, und die letzte Serie, der Lamborghini Diablo 6.0 SE fährt auch so. Ordentliche Verarbeitungsqualität, Karosserie und Interieur aus Kohlefaser, kombiniert mit Leder und Aluminium, sauber geführte Kulissenschaltung sowie zeitgemäße Bedienkräfte bringen dieses Supercar auf Augenhöhe zur Gegenwart. Ohne sich anzubiedern.

In der letzten Serie rückt der V12 mit sechs Liter Hubraum aus und fühlt sich auch so an. Wuchtig und druckvoll, mit geschmeidigeren Manieren als seine Vorgänger. Okay, das ganz Rotzige haben sie dem Lamborghini Diablo ausgetrieben, den rockigen Soundtrack bekommt er aber immer noch hin. Das ändert sich auch nicht, als Audi übernimmt und den Lamborghini Murciélago präsentiert.

Murciélago setzt Design-Tradition fort

Designer Donckerwolke führt die Tradition bruchlos fort, bringt mit den ausfahrbaren seitlichen Kiemen ein diabolisches Detail. Der Allradantrieb garantiert Traktion, die großzügigeren Platzverhältnisse in der Alcantara-Höhle verhindern Beklemmungen. Ein ziemlich derber Klopper ist der große Lamborghini Murciélago dennoch geblieben. Ein widerspenstiger dazu, denn Einparken bleibt eine harte Sache, die Lenkung schwergängig, die Reifentemperatur sensibel.
 
Kalte Gummis, na ja, warmgefahren oha! Spät bremsen, trocken einlenken, hart durchziehen. Untersteuern? Wenn es passt, kaum. Dann beschleunigt der SV längs und quer, dass selbst Profis die Luft wegbleibt. Egal, Hauptsache der V12 singt immer noch heftig und laut.

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Jörn Thomas

Autor:

auto motor und sport, Heft 12 / 2011

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