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Morris Minor

Einer wie Minor

Foto: Hardy Mutschler 16 Bilder

Gebaut für Königreich und Kolonien, bringt der Morris Minor das britische Empire ins Rollen. Jetzt wird er 60, was ein schöner Grund ist, mal wieder den Minor mit Fachwerkhäuschen zu treffen - den Traveller.

29.07.2008 Sebastian Renz Powered by

Das britische Automobil an sich hat ja viele Tricks und Widerlichkeiten auf Lager, um sich vor Transportarbeit zu drücken. Wohl nur deswegen kann die englische Eisenbahn überhaupt ihren Status als zumindest einigermaßen ernst zu nehmendes Transportmittel bis heute überhaupt verteidigen. Immerhin ist es geselliger, auf freier Strecke in einem möglicherweise gar wetterfesten Waggon voller steiflippiger Leidensgenossen festzusitzen, als allein auf einer Landstraße - und dazu bestimmt im Regen - am Auto herumzubasteln.

Der Morris Minor - zuverlässigstes britisches Automobil

Das muss nicht viel bedeuten. Schließlich gelten Fish‘n Chips auch als das beste Gericht der englischen Küche. Sehr selbstverständlich packen wir daher das Starthilfekabel mit ein und erforschen zuerst mal den Öffnungsmechanismus der Fronthaube. Unter ihr verschwindet der kleine 1.098-cm³- Motor mit seinem grünen Zylinderkopf fast unter der massiven Batterie.

Kein anderes Auto hätte besser nach Britannien gepasst als er mit seiner bald schon leicht unmodernen Form - der Minor: von Alec Issigonis etwas tyrannisch entwickelt, und von Morris 1948 ohne übertriebene Rücksicht auf andere Einschätzungen als "Der beste Kleinwagen der Welt" auf den Markt gebracht. Kurz davor fügt Issigonis der Geschichte des Automobils eine weitere Legende hinzu: Er beschließt, dass der Wagen mit dem Codenamen Mosquito 4 Zoll zu schmal ist. Der spätere Erfinder des Mini lässt den Prototyp in der Mitte durchsägen und mit einem zehn Zentimeter breiten Blechstreifen wieder zusammenheften.

1953 schreinert Morris dem Minor dann ein Gewächshäuschen hinten dran, nennt das Ganze erst Station Wagon, später Traveller. Das kastige Heck passt nicht so ganz zu der runden Front des Minor. Dafür lässt er sich bestens überblicken. Vorn endet er gleich hinter dem Kamm seiner Motorhaubenwoge, hinten am Querbalken der Hecktür. Zudem hält das mit Alublechen verkleidete Fachwerk das Zusatzgewicht gering. Dennoch wiegt der Traveller einen Zentner mehr als der Sedan.

Aber er soll ja auch mehr sein als ein gewöhnliches Lastfahrzeug - ein Freizeitkombi. In den Prospekten laden junge Damen Wohnzimmermöbel, Blumenkübel oder Kinderwagen in den Laderaum. Manchmal gehen sie mit dem Traveller campen. Dann sitzen die Damen auf dem Kofferraumboden und rühren den Teig für Yorkshire Pudding an, während die Gatten schon mal Feuer machen.

Nutzfahrzeug - bis zu 1.100 Liter Kofferraumvolumen

Der Traveller nutzt traditionelle Handwerkskunst: Die Flügelklappen an seinem Heck öffnen wie knarzende Terrassentüren. Deshalb muss immer zuerst der rechte Flügel aufschwingen, dann der linke. Mitunter verzieht sich der Rahmen der Eschenlaube. Dann zieht es. Oder es regnet rein. Oder beides.

Auch an unserem leicht suboriginalen Traveller haben sich die Hecktüren ein bisschen verklemmt und müssen sanft losgerüttelt werden. Über zwei Riegel, wie sie auch gern im britischen Gartenhausbau benutzt werden, lässt sich die Arretierung der Rücksitzlehne lösen. Dann klappt die Lehne um und vergrößert den Laderaum auf 1.100 Liter. Man könnte im Minor sogar übernachten - was sicherlich nicht unbequemer wäre als in einem englischen Hotelzimmer. Und zudem den Vorteil birgt, um das Full English Breakfast herumzukommen.

Der 1,1-Liter-Vierzylinder des Minor 1000 erhält mehr aus Fairness als aus Überzeugung die Chance, ohne Starthilfe anzuspringen. Er gurgelt kurz mit dem Anlasser, nutzt aber gleich den ersten Versuch und braucht im Leerlauf nur etwas Choke - was insgesamt schon etwas streberhaft wirkt.

Die Kupplung kommt spät, dann rollt der Minor los. Beim Gasgeben nimmt das starke Motordröhnen erheblich zu, das Tempo nur wenig. Aber es reicht - sogar gut: 81 Newtonmeterchen, die sich bei 2.500 Touren zu einem kleinen Drehmomenthäufchen zusammenballen, und 48 PS motorisieren den Traveller weit über dem Existenzminimum.

"Kleinwagenfahrer sind nicht kleiner als die Käufer großer Autos"

Auf der Landstraße zittert sich die Nadel des Zentraltachometers mutig auf 50 Meilen pro Stunde, der Wind brandet sanft an die Bögen und Ecken der Karosse. Ab und zu plumpst der Traveller mit seinen schmalen 14-Zoll-Rädchen in ein Schlagloch. Dann rumpelt es vorn, und hinten knarzt es im Gebälk.

So lange es keine erhebliche Steigung gibt, schafft der Morris alles in den großen Gängen. Als wir mit ihm Serpentinen fahren, hustet er aber nach einer Spitzkehre selbst im Zweiten. Dann muss die Viergang-Box mit Zwischenkuppeln in die erste Stufe gezwungen werden. Das braucht es sonst nicht, auf einen Tupfer Zwischengas besteht das Getriebe aber immer.

Das klingt aber viel dramatischer, als es in Wirklichkeit ist. Denn tatsächlich fährt sich der Minor so einfach wie auch die anderen Nachkriegs-Kleinwagen, also wie VW Käfer, Fiat 500 oder Citroën 2CV. Sie motorisierten die Massen. Von all diesen Massenautos ist der Minor das erwachsenste: viel mehr Auto als Ente oder Cinque, dabei trotz seines Standardantriebs fortschrittlicher und raumökonomischer als der Käfer. Obwohl fast 30 Zentimeter kürzer als der VW, bietet der Minor viel Platz für vier Personen und dazu noch einen richtigen Kofferraum.

Es wäre aber schon etwas eng geworden, ohne die zehn Zentimeter Extrabreite, auf die Issigonis bestand. So aber fühlen wir uns im Minor gut untergebracht - Sir Alec überzeugte die Morris-Chefetage übrigens mit dem Argument: "Kleinwagenfahrer sind nicht kleiner als die Käufer großer Autos."

Der Fahrersitz steht aber zu nah am Lenkrad, die starre Lehne des Beifahrersitzes zwingt zu einer unangenehm aufrechten Haltung. Und beim Einsteigen stößt man mindestens ein Mal mit dem linke Knie mit solcher Wucht gegen den Türöffner, dass man den kleinen Traveller dafür schimpft.

Der Minor ist eine ehrliche Haut

Doch nur kurz, denn ansonsten bemüht sich der Minor um den Komfort seiner Passagiere. Die blattgefederte hintere Starrachse bockelt nur zurückhaltend über schlechte Straßen. In Kurven folgt sie brav der Front, mit Übersteuern will sie nichts zu tun haben - die sanfte Motorkraft könnte sie aber auch nie dazu verführen. Für Kurven interessiert sich der Minor ohnehin nicht sonderlich. Lenkung und Fahrwerk tun erfreulicherweise erst gar nicht, als könnten sie zum Thema Handling etwas Sinnvolles beitragen - ignorieren den Komplex gleich ganz. Hingegen sorgt das große Lenkrad für niedrige Lenkkräfte, der weite Einschlag der Räder für einen kleinen Wendekreis.

Der Traveller streunt noch ein bisschen über Land, plöttert durch kleine Ortschaften, lässt sich brav ein paar Weinkisten ins Heck beugen. Nach jedem Stopp springt er gleich wieder an, nicht nur pflichtbewusst, sondern gar schon begeistert. Und so passiert, womit wir nun so gar nicht gerechnet hatten: Wir vertrauen einem britischen Auto - dem Minor, und sind uns sicher, dass er uns nicht im Stich lassen wird.

22 Jahre lang wird die Minor Limousine gebaut, der Traveller 18. Die Liste der Detailänderungen umfasst mehrere Seiten. Aus ihnen geht hervor, dass sich die Ingenieure mit besonderer Hingabe um die Scheibenwischanlage kümmerten. Wirklich Erhebliches ereignet sich dabei bis auf die drei Triebwerkwechsel und den Entschluss zur einteiligen Frontscheibe in all den Jahren jedoch nicht.

Schon deswegen liebt Britannien, patriotisch und traditionsverliebt, wie es nunmal ist, den Minor. Die aufmüpfigen Kolonien ohnehin - rund 70 Prozent der Produktion gehen in die Länder des zerbröckelnden Empire, in einigen von ihnen wird der Minor auch gebaut. Und so trudeln ältere Engländerinnen noch heute im Minor von Chichester nach Selsey Beach zu Tee und Sandwiches, in Neuseeland hütet der Morris Schafherden, und in Indien versteht man ihn als Großraumtaxi.

God save the Minor - das automobile Gemeinwohl des Commonwealth.

Technische Daten
Morris 1000 Traveller
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe3780 x 1550 x 1540 mm
Höchstgeschwindigkeit121 km/h
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