Neuer VW Beetle im Fahrbericht: Weg vom Ist-der-süß-Image

VW Beetle 2.0 TSI DSG, VW Käfer, beide Fahrzeuge, Frontansicht

Unendlich erscheinende 13 Jahre lief der New Beetle, jetzt löst ihn Generation II ab. Sie soll, markanter und maskuliner, endlich das Weichspüler-Image abstreifen. Wir haben zum Vergleich auch noch den Urahn dazugestellt.

Er kann es nicht mehr ab, all das Gesäusel und Getätschel, nett und freundlich sein. Und wenn nochmal einer versucht, ihm eine Blume ans Armaturenbrett zu pflanzen, dann klopft er ihm mit dem Ganghebel auf die Pfoten.

14 Jahre nach der rundgelutschten Wiederauferstehung des VW Käfer möchte Beetle Nummer II mit einer neuen Zielgruppe flirten: Männer. Nein, nicht so im Sinne von "Gay car of the year" (da war der Vorgänger oft auf dem Podest). Der Durchschnittsmann soll sich endlich für ihn interessieren.

Markant und eckig statt schnuckelig und süß

Dafür duckt sich der VW Beetle sportlich tiefer, gibt seinen runden Heckleuchten den Laufpass, holt sich dafür eckige und stellt sich auf besonders große Räder. So weit, so nett, pardon, cool. Ob diese Operation den gewünschten Erfolg bringt, muss sich erst zeigen.

Bekanntlich sind die alten Käfer ja alles andere als kantig oder flach – und werden trotzdem hauptsächlich von Männern geliebt und gepflegt. So stiehlt dem neuen VW Beetle bei seiner ersten Ausfahrt in Stuttgart ein herrlich restaurierter Sportkäfer mit kultigen Herbie-Aufklebern und hektisch schnatterndem 1.200er-Boxer ein wenig die Schau. "Gott, ist der süß", freut sich ein bärtiger Passant über den 1961er VW. Finden wir auch.

Genau das will der neue VW Beetle ja nicht mehr sein. Schon gar nicht in seiner sportlichsten Ausführung mit aerodynamischem Vesperbrett am Heck, 19-Zoll-Pneus und rassigem GTI-Triebwerk unter der Haube. Der neue VW Beetle springt nämlich geradewegs von der Golf IV-Plattform mit Verbundlenker-Hinterachse auf die VI-Variante mit Multilenker und den neuen TSI-Motoren von 1,4 bis zwei Litern. Und Motorblock-Version EA888 macht auf modernistischen Startknopf-Druck akustisch mächtig Terz.

Ungewohnt männliches Grummeln vom VW Beetle

Tief und – sagen wir das erlösende M-Wörtchen – männlich grummelt der Zweiliter-Vierzylinder im VW Beetle aus den doppelflutigen Endrohren. Die übrigens wie Ofenrohre neben dem qualmenden Strohhälmchen des Opas aussehen.

Gas frei, und der Beetle schießt beherzt von dannen wie ein junger Hund mit Blick auf die Wurst. Die fehlenden zehn Respekts-PS zu den 210 des GTI fallen kaum auf. Bei jedem Schaltvorgang des Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebes (im Ölbad für mehr Drehmomentfestigkeit) entlädt sich der Gaswechsel in einem bassigen Ploppen, und es gibt keinen Zweifel daran, dass dieser Vortrieb Fans jeden Geschlechts die Mundwinkel äußerst vertikal verzieht.

Was auch nicht anders zu erwarten war. Nur weil VW eine Retrokarosse drüberstülpt, ändert das ja nichts an den bekannt ausgewogenen Golf-Fahreigenschaften. So wuselt der zukünftig im mexikanischen Puebla vom Band rollende VW Beetle mit satter Straßenlage um Kurven, verwöhnt mit seiner präzisen wie antriebseinflussarmen elektromechanischen Lenkung und nimmt ganz enge Kurven sogar noch etwas lockerer: Sein im Gegensatz zur Basis um fünf Zentimeter auf 2,53 Meter verkürzter Radstand hilft beim Rangieren in der Stadt.

GTI-Grundstraffheit im VW Beetle

Was der VW Beetle  jedoch in der Sportvariante ebenfalls erbt, ist auch die Grundstraffheit des GTI. Die wiederum wirkt etwas unpassend, denn bei allem Verständnis für seine Mannwerdung, den richtig harten Kerl nimmt ihm doch keiner ab.

Seis drum, es wird ihn ja auch in ziviler gedämpften Varianten geben. Nur auf die gefühlvollen adaptiven Dämpfer wie im Golf müssen die Käufer verzichten. "Voraussichtlich zu geringe Einbauquote" – und schon rechnen sie sich im stark skaleneffektgetriebenen VW-Konzern nicht. Da steckt der Wolfsburger Autogigant Entwicklungsbemühungen und -gelder lieber ins Interieur.

VW Bettle übersichtlicher als Mini Cooper S

Genau dieses ist dafür der gelungene Gegenentwurf zur hyperaktiven Spielwiese in dem als direkten Konkurrenten anvisierten Mini Cooper S. Die lackierte breite Front schafft Ruhe, die hervorragend ablesbaren Instrumente sorgen für stetigen Informationsfluss und die bekannten Bedienelemente für Klarheit.

Auch einfach mal die Klappe halten macht im VW Beetle-Innenraum Spaß, denn das obere Handschuhfach schwenkt als Reminiszenz ans Original nach oben aus. Was freilich dazu führt, dass kaum was reinpasst, aber dafür gibt es darunter noch ein nach unten klappendes zweites Fach. "Fender" liest der aufmerksame Beobachter in den Spiegeldreiecken. Was in Europa außerhalb von Gitarrero-Kreisen nur zu Schulterzucken führt, ist vielen Amerikanern ein starker Begriff: Fender-Gitarren sind legendär, deren Auto-Hifi-Anlagen aber bisher nicht existent.

VW Beetle beliebt in Amerika

Macht nix, Panasonic hat sich mit den Saitenheroen zusammengetan und steckt sein umfangreiches Soundsystem-Abstimmungs-Knowhow hinein. Für viele mag das zwar nur ein Randaspekt sein, aber den mit Abstand wichtigsten Zielmarkt des VW Beetle grenzt es klar ein: Amerika. Dort wurden auch schon vom Vorgänger fast die Hälfte der bisher 1,2 Millionen gebauten Exemplare abgesetzt. In Deutschland war es dagegen nur ein Zehntel davon.

Im Gegensatz zum ultra-pragmatischen Golf erlaubt sich der VW Beetle auch ganz offensiv Schwächen. Im Fond bietet sogar der Ur-Käfer etwas mehr Kopffreiheit, und die Sitzplatzzahl ist auf vier limitiert. "Da machen wir klar function follows form", geben die VW-Mannen ehrlich zu. Um gleich nachzuschieben, dass der Kofferraum jetzt um 100 Liter gewachsen sei. Freut uns.

Noch besser finden wir aber die gute Rundumsicht mit den breiten Seitenfenstern und der weit nach unten gezogenen Heckscheibe. Wo vorne und hinten aufhört, hat man dagegen schon beim Ur-Käfer nur erahnt. Von dem müssen wir uns jetzt verabschieden. Er rollt wieder ins Museum und darf sich dort ganz ungeniert freuen, wenn ihn einer süß findet.

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Alexander Bloch

Autor:

auto motor und sport, Heft 12 / 2011

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