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Der neue Nissan Micra im Fahrbericht

Schicker, dynamischer und mehr Platz für Europa

Nissan Micra Foto: Nissan 27 Bilder

Nissan verändert den Micra krass: Der Nachfolger des rundgelutschten Allerweltsauto-Langweilers wird nichts mehr mit dem aktuellen Modell zu tun haben. Optisch schnittig gezeichnet, bleibt auch beim Fahrverhalten nichts beim Alten. Die Japaner gehen auf Nummer sicher: Das Team, dass den in Europa sehr erfolgreichen Qashqai entwickelt hat, ist jetzt für den Micra zuständig. Wir durften die Ingenieure bei ihren Wintertests besuchen und verschieden weit ausgereifte Entwicklungsstufen des Micra ausprobieren. Außerdem haben wir ein halbes Jahr später, also jetzt, in Barcelona ein Vorserienmodell gefahren.

29.09.2016 Gregor Hebermehl

Nissan Micra Kältetests

Ivalo im Februar 2016, nördlich des Polarkreises im finnischen Teil Lapplands: 3.400 Einwohner, knapp 40 Kilometer bis zur russischen Grenze und nur 225 Kilometer bis Murmansk, einem Hauptstützpunkt der russischen Nordflotte. Am 4. Dezember scheint die Sonne in Ivalo für 30 Minuten. Dann geht sie unter und am 9. Januar wieder auf – für 50 Minuten. Temperaturen von minus 20 Grad und kälter tun weh – und sind hier keine Seltenheit. Bittere Kälte sowie verschneiten Untergrund brauchen die Testingenieure, um Autos fit für den Winter und für verschiedene Straßenverhältnisse zu machen.

Der Testtrack liegt direkt neben dem Flughafen von Ivalo, dem nördlichsten Finnlands. Auf dem Track: Eine Mule, also ein Versuchsträger, der in diesem Fall aus einem Nissan Note und einem alten Micra zusammengebaut wurde. Die Armaturen spendet ein Qashqai – aber das Fahrwerk, der Motor und das Getriebe sind schon für den neuen Micra bestimmt. Immerhin: Nissan bietet den neuen Micra auch mit Dieselmotor an. Auf die Frage, wie viel das Diesel-Triebwerk denn leisten würde, antwortet ein Nissan-Ingenieur, er wisse es nicht. Gut, soviel Geheimhaltung muss also noch sein.

Nissan MicraFoto: Nissan
Getarntes Vorserienmodell: Testfahrt in der Nähe von Barcelona.

Vor dem Mule dann ein echter neuer Micra. Der zwölfte von 80 Prototypen, die bisher rund um den Erdball auf Testfahrten unterwegs sind. Außen schwarz und sackförmig beklebt, ist er innen weitgehend ungetarnt. Die Kopffreiheit vorne reicht für die ganz großen Hüte, hinten passt sie noch für 1,90-Meter-Typen. Die Vordersitze lassen sich laut den Entwicklern in Längsrichtung weiter verstellen als bei jedem anderen Kleinwagen. Wir können nur feststellen, dass auch groß gewachsene Menschen in dem Wagen noch hintereinander sitzen können. Die Kniefreiheit reduziert sich dann zwar auf null, aber der Micra ist eben nun mal ein Kleinwagen.

In Sachen Instrumente haben die Entwickler zig Kunden befragt – deren größter Wunsch: maximale Klarheit. Also bekommt der Micra ein weiterentwickeltes Qashqai-System, bei welchem auch der deutsche Autobahn-Raser mit einem kurzen Blick die wichtigsten Infos erfassen kann.

Ab auf die komplett verschneite Teststrecke. Der Himmel ist bedeckt und wir können kaum sehen, wo der Track entlang führt – alles ist weiß. Im Mule klappert irgendetwas, die Instrumente vibrieren heftig. Die Lenkung ist weich, die Schaltung irgendwie okay und der Motor rackert arbeitsfreudig – schließlich wird mit diesem Mule besonders die Motorisierung getestet. Umstieg auf den Prototyp: Der Unterschied ist frappierend. Im Vor-Micra fehlt nicht nur der riesige Notaus-Schalter auf dem Armaturenbrett, hier drinnen klappert und vibriert nichts mehr. Das Lenkrad ist schön dick und bis auf ein kleines Spiel in der Mittellage wirkt die Lenkung bereits ausgereift. Beim Poltern über den vereisten Untergrund wirkt das Chassis steif. Die Schaltung hakelt in den unteren Gängen noch ein wenig. Die Test-Ingenieure sind extrem an unseren Eindrücken interessiert, um diese zu verifizieren und möglicher Weise Kritikpunkte weg zu entwickeln. Ausstattungsmerkmale wie die leuchtend blauen Test-Sicherheitsgurte oder die mit schwarzem Tape abgeklebten Fensterkurbeln werden wir in der Serie sowieso nicht wiederfinden.

Wir fahren noch ein paar vorsichtige Runden, schließlich hat der Micra Nummer 12 noch kein ESP und nur ein rudimentäres ABS. Die Ingenieure brauchen den Wagen noch und haben anscheinend große Lust, den Micra zu einem richtig guten Auto zu machen. Nach unserem Eindruck könnte diese Operation gelingen.

Nissan MicraFoto: Nissan
Kältererprobung im Februar in Finnland.

Nissan Micra Fahrbericht mit Vorserienfahrzeug

Name, Führerscheinnummer, Unterschrift – immer noch ein Formular müssen wir ausfüllen, um einen Nissan Micra fahren zu können. Nicht, dass uns die Japaner hier einen auf Spanisch verfassten Kaufvertrag unterjubeln. Im Ernst: Nissan geht bei den letzten Erprobungsfahrten des Micra in der Nähe von Barcelona auf Nummer sicher. Die beiden getarnten Prototypen, einer mit 0,9-Liter-Turbobenziner und einer mit 1,5-Liter-Diesel, darf eben nur fahren, wer sich versicherungstechnisch absichert.

Nissan ist sich seiner Sache anscheinend sicher – wir können nicht nur die beiden schwer getarnten Micras untereinander vergleichen, auch einen Renault Clio und einen von Nissan UK beigesteuerten rechtsgelenkten VW Polo haben die Japaner mit zur Testrunde gebracht. Für uns ist dies das erste Mal, dass ein Hersteller auch Fremdfabrikate von den angereisten Journalisten fahren lässt.

Nach unserer Tour im Clio steigen wir in den Micra mit 0,9-Liter-Dreizylinder-Benziner ein. Außen haben die Ingenieure einen absurden Hubbel unter die Tarnfolie geklebt, innen ist der Wagen richtig gut ausgestattet. Helle Lederoberflächen am Armaturenbrett, ein gut in der Hand liegendes Lenkrad, die für den Micra angepassten gut ablesbaren Instrumente aus dem Qashqai, ein Siebenzoll-Bildschirm am oberen Ende der Mittelkonsole und ein Farbdisplay in der Mitte der Instrumente, welches die Wirkungsweise der Assistenzsysteme, wie der serienmäßig angebotenen Dynamic Chassis Control und des Spurhalte-Assistenten anzeigt, charakterisieren den Micra. Die Anzeige an sich ist allerdings in der Basisausstattung nicht enthalten.

Viel Platz im kleinen Nissan Micra

In Sachen Sitzposition und Platz finden wir das wieder, was wir schon in den frühen Prototypen bei unseren Fahrten in Finnland erfahren haben: Sehr weit verstellbare Sitze in der ersten Reihe, wo auch für 1,90 Meter große Personen noch sehr viel Platz über dem Kopf bleibt, und eine zweite Reihe, in der ebenfalls Erwachsene sitzen können.

Die Testroute führt uns über feinen neuen und alten rissigen Asphalt, gewundene Bergstraßen, normale Landstraßen und ein Stück Autobahn. Die Ingenieure betonen, dass ihnen beim Entwickeln des Micra der europäische Fahrgeschmack am Herzen lag. Und tatsächlich lässt sich der Kleine mühelos dynamisch und komfortabel fahren. Das Handling ist für einen Wagen in dieser Klasse richtig gut. Die Lenkung arbeitet sehr präzise, setzt dem Lenker genau den richtigen Widerstand entgegen und bietet kaum Spiel in der Mittellage.

Nissan MicraFoto: Nissan
Redakteur Gregor Hebermehl hat mit seiner Größe von 1,88 Metern im neuen Micra viel Platz.

Neuer Nissan Micra mit gutem Fahrwerk

Zudem wankt der neue Micra in der schnell genommenen Biege kaum und er geht mit ungepflegt zerfetzten Straßen einen Tick komfortabler um, als es der VW Polo macht – und laut den Nissan-Ingenieuren ist der Polo Benchmark in dieser Klasse. Die manuelle Fünfgang-Schaltung des Micra wurde im Nissan-Entwicklungszentrum in Barcelona entwickelt – schließlich bevorzugt die japanische Mutter automatische Schaltungen, so dass die Kompetenz für Nissan-Handschaltungen in Spanien liegt. Die spanischen Ingenieure haben eine unaufgeregte Schaltung hinbekommen: Die Gänge lassen sich auf mittellangen Wegen zu 100 Prozent hakelfrei einlegen. Auch bei den Bremsen haben die Entwickler auf eine unauffällig-selbstverständliche Arbeitsweise geachtet: Ohne zu bissig oder zu labberig zu wirken, lässt sich die Geschwindigkeit des Micra sauber vernichten.

Fahrassistenz-Systeme sind auch für Kleinwagen da – das meint zumindest Nissan und packt jede Menge elektronische Helfer in den neuen Micra. Die oben erwähnte Dynamic Chassis Control sorgt per Bremseingriff für ein agileres Fahrverhalten: Bei Bedarf packen die Bremsen der kurveninneren Räder an Vorder- und Hinterachse wohldosiert zu, was ein dynamischeres Einlenken ermöglicht. Nissan sieht in diesem System zudem ein wesentliches Sicherheits-Feature und verbaut es deshalb serienmäßig. Beim bergigen Kurvenheizen spüren wir zwar das willige Einlenken, die Bremseingriffe sind aber so sanft, dass uns das Fahrverhalten extrem natürlich vorkommt. Nur über die bei höheren Ausstattungen vorhandene Anzeige zwischen den Rundinstrumenten klärt den Fahrer über die Bremseingriffe auf. Optional ist ein aktiver Spurhalte-Assistent zu haben. Dieser lenkt den Micra per Bremseingriff wieder in seine Spur zurück, wenn er Gefahr läuft, ohne zu blinken seitliche Fahrbahnmarkierungen zu überrollen. Hier das gleiche wie bei der Dynamic Chassis Control: Die Bremseingriffe erfolgen sanft und nicht bissig vorwurfsvoll. Als zusätzliche Warnung vibriert das Lenkrad kurz. Auch ein Totwinkel-Warner und ein Notbrems-Assistent sind für den neuen Micra zu haben.

Sowohl der 0,9-Liter-Turbobenziner als auch der 1,5-Liter-Diesel verrichten ihr Werk ausgesucht leise – ebenfalls eine Kompetenz des spanischen Nissan-Entwicklungs-Zentrums, wo man mit großem Aufwand an den Soundqualitäten des Micra gefeilt hat. Während der kleine Turbo für den kleinen Micra vollkommen okay ist, ermöglicht der Diesel mit seinem seidig kräftigen Anzug für dynamisches Fahren. Zudem lässt sich der Diesel sehr elastisch fahren.

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