Nissan Micra im Fahrbericht: Kleinwagen-Neuling mit Dreizylinder-Motoren

Nissan Micra

Der neue Nissan Micra im Fahrbericht: Mit Dreizylinder-Motoren und wenig Gewicht will der in Thailand produzierte Kleinwagen zu den sparsamsten seiner Klasse gehören.

Nicht nur für Urlauber, selbst für Autos kann Thailand zum Traumland werden: Dem neuen Nissan Micra etwa verhilft ein üppiges Regierungsprogramm zu paradiesischen Startbedingungen. Denn mit Extra-Subventionen fördert der thailändische Staat Hersteller, die im südostasiatischen Königreich Fahrzeuge nach europäischen Sicherheits- und Umweltstandards produzieren. Gleichzeitig bekommen Käufer des Nissan Micra einen Großteil der Umsatzsteuer erlassen. Die 10.000 Vorbestellungen für den kleinen Nissan gelten im Pickup-dominierten Markt als Sensation. Doch auch in Deutschland will der Neue an die Erfolge seiner drei Vorgänger anknüpfen.

Mit Neuerungen will der Nissan Micra überzeugen

Etwas flacher, dafür sechs Zentimeter länger und mit einem wuchtigen Kühlermaul versehen, macht der Kleinwagen Schluss mit dem kulleräugigen Kindchen-Schema des seit 2003 verkauften Modells. Dank gewachsenen Innenmaßen fühlen sich selbst großgewachsene Passagiere im Nissan Micra wärend unserer Fahrt für den Fahrbericht auf Anhieb wohl. Einen besonders hohen Aufwand trieben die Entwickler bei der Modernisierung des Antriebsstranges: So sollen neue, reibungsoptimierte Dreizylinder-Motoren des Nissan Micra für niedrige Verbräuche sorgen.

Das stärkere der beiden 1,2-Liter-Aggregate mit 98 PS verspricht dank Kompressoraufladung, Direkteinspritzung und Start-Stopp-System einen ECE-Verbrauch von nur vier Litern. Wegen der geringeren Energiedichte von Benzin liegt der Nissan Micra mit 95 Gramm CO2/km daher nur knapp hinter den 87 Gramm von VWs Obersparer Polo Blue Motion. Die bisher angebotene Dieselvariante hält Nissan daher im Micra für entbehrlich. Der 80-PS-Einstiegssauger kann sich mit 4,8 Liter Normverbrauch ebenfalls sehen lassen.

Neuer Nissan Micra kommt viel leichter daher

Auch am Karosseriespeck des Nissan Micra setzten die Ingenieure ihre Feilen an: Für zwei Kilogramm Gewichtsersparnis sorgt allein der Verzicht auf Dämmmaterial am Dach, das dank bogenförmigen Versteifungssicken jedoch nicht labiler und schwingungsanfälliger ausfallen soll als bisher. Modifizierte Vorderradaufhängungen bringen gleich neun Kilo, Auspuff und Tank steuern je deren drei bei, weswegen der Einstiegs-Micra mit 945 Kilogramm zu den Fliegengewichten seiner Klasse gehört.

Auf der ersten Testfahrt im Produktionsland Thailand im Rahmen von unserem Fahrbericht zum Nissan Micra überrascht es daher nicht, wie munter bereits der 80 PS-Basismotor loslegt. Schon eher verblüfft der vibrationsarme Lauf des 1,2-Liters, der sich dank schwingungstilgenden Ausgleichsgewichten an der Kurbelwelle nur über seinen kehligen Sound als Dreizylinder outet. Angesichts des wuseligen Temperaments, des geringen Wendekreises von nur neun Metern, der leichtgängigen Lenkung, schmaler Dachpfosten und der lauten Hupe lassen sich selbst chaotische Thai-Städte mit dem Nissan Micra problemlos durchqueren.

Viel Technik aber wenig Charme im neuen Nissan Micra

Mit weichen Dämpfern und hoher Bodenfreiheit schluckt die Nissan Micra-Federung zudem Schlaglöcher von der Tiefe einer Wasserbüffel-Tränke. Allerdings wankt der Testwagen bedenklich durch Kurven und reagiert mit zickigen Heckschwenks auf Lastwechsel. Die für Dezember angekündigte Deutschland-Version soll daher eine stark abweichende Fahrwerksabstimmung erhalten. Im Gegensatz zum Vorgänger des Nissan Micra werden zukünftig alle Varianten serienmäßig mit ESP ausgestattet. Für zusätzliche Attraktivität sorgen praktische Extras wie eine Parkplatz-Vermessung, die im Vorbeifahren ausreichend große Lücken im Zentraldisplay meldet, elektrisch anklappbare Außenspiegel, ein schlüsselloses Zugangssystem oder die Touchscreen- Navigation. Darüber hinaus lassen sich beide Motoren mit einem neu entwickelten CVT-Getriebe kombinieren.

Angesichts von so viel aufwendiger Technik gut zu wissen, dass das triste Interieur der Thai-Version bis zum Deutschland-Start durch Kunststoffe mit Softlack-Überzug aufgewertet wird. Mit üppigen Regierungsprogrammen ist hierzulande schließlich nicht mehr so schnell zu rechnen. Doch die Chancen stehen gut, dass es der neue Nissan Micra auch aus eigener Kraft schafft.

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Dirk Gulde

Autor:

auto motor und sport, Heft 11 / 2010

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