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NSU 1200 C

Schön, dich zu sehen, Prinz Langnase

NSU 1200 C, Typ 77 Foto: Arturo Rivas 16 Bilder

25 Jahre kam Alf Cremers ohne einen NSU 1200 C aus. Die Erinnerung an sein erstes Auto war verblasst. Zu selten begegnet man dem großen Prinz auf Oldtimertreff en. Doch neulich in Neckarsulm passierte es - das Wiedersehen mit einem alten Freund.

06.08.2009 Alf Cremers Powered by

Ein seltsamer Traum spült ihn mir wieder ins Bewusstsein. Es gibt ihn also noch, ich wusste es nur nicht. Er steht in meiner Heimat in einer Scheune, seit 25 Jahren. Man bittet mich dringend, ihn jetzt abzuholen, sonst würde er verschrottet. Ich wache erschrocken auf und bin tief enttäuscht, dass es nur ein Traum war. Ich vermisse ihn plötzlich, meinen NSU 1200 C, mein erstes Auto.

Angetrieben vom Motor der Münch Mammut
 
Nie wieder habe ich nach einem 1200 C gesucht, nicht einmal bei mobile.de. Er war weg von meinem Radarschirm, zugedeckt von all den 123ern, den S-Klassen, den 7er-BMW und den vielen Taunus und Granada. Jetzt will ich ihn auf einmal wiedersehen, diesen komischen Vogel. Spüren, wie es ist, wenn man nach 25 Jahren wieder einsteigt in die schwierige Lebenswelt von damals: Die erste Liebe, tanken für zehn Mark, schaffe ich die Prüfung, bald muss ich zum Bund.
 
Norbert Scheuerle hilft mir dabei, er hat einen 1200 C - nicht in Koralle, aber in Riverblau. Er lässt mich fahren, einen sonnigen Nachmittag lang. Ich bin aufgeregt wie vor einem Klassentreffen. Cool war er nie, schon 1978, als Schüler der 13. Klasse, musste ich mich für mein Auto rechtfertigen. Bis heute hat sich das nicht geändert. Arme Hunde haben mich immer gelockt. Warum ich so ein merkwürdiges Auto führe, fragte man oft, als ich mich mit just 18 für den NSU entschied. 1.200 Mark hat er gekostet, 53.000 Kilometer hatte der Kleine auf dem Tacho. Innen war er ziemlich verlebt. Ich versuchte, es durch Lammfelle zu kaschieren.
 
Mädchen mochten den NSU nicht, sie stiegen lieber zu Käfer-, Ente- und R4-Fahrern ins Auto. Die waren lässig, guckten nicht nach dem Ölstand, wuschen ihre Karre nie, schoben aber dafür im richtigen Moment Led Zeppelin IV oder The Lamb Lies Down On Broadway in ihren Gelhard- Recorder. Ich fürchte, es lag nicht nur daran. Die spießige Corvair-Form kam damals einfach nicht an, da nützte auch der Motor von der Münch Mammut nichts.
 
Beinahe wäre ich PS-König in der Oberstufe geworden, hätte mir nicht so ein Schlabberhemd-Hippie mit der abgelegten großen Heckflosse seines Dr.-med.-Vaters die Schau gestohlen. Da stand es dann plötzlich 110 zu 55, also keine Chance. Alte Mercedes waren damals die großen Verführer. Wir, mein NSU 1200 C und ich, blieben oft allein. Waren Außenseiter, das hat uns zusammengeschweißt - auf Touren nach Bonn, Berlin, München und Amsterdam. Sechs Jahre und 62.000 Kilometer lang. Die Öltemperatur blieb stets normal. 

Reinsetzen und schon startet der eigenen 1200-C-Film

Dann hatte ich genug, vom Lärm des Motors, vom Rost am Boden meiner Badewanne, vom Wasser im Fußraum, von Fausthandschuhen im Winter und vom unbeholfenen Prinzen-Image. Das Wort Prinz für meinen 1200 C habe ich nie gemocht. Es klingt so debil wie Clown. Ich fand es diskriminierend für ein hübsches kleines Auto, das mit 13-Zoll-Rädern, mit einem E-Type-Radstand von 2,44 m, mit hängenden Pedalen, großem Kofferraum und Bandtacho unbedingt erwachsen werden wollte. Zwecklos, alle sagten Prinz, sogar meine Eltern.
 
Ich treffe Norbert Scheuerle und Ehefrau Elke am Audi-Forum in Neckarsulm, er ist Audi-Mitarbeiter, gelernter Elektroniker und für Schweißtechniken verantwortlich. Auch sein erstes Auto war ein 1200 C, iberischrot, vom Vater übernommen. Eigens neu lackiert und mit einigen sportlichen Details optimiert: "Man war halt jung damals", winkt Scheuerle mit dem Fotoalbum ab. "Die Pickel-Rückleuchten vom 1000er, Nebellampen vorne dran, den Pseudo-Grill an der Front kariert wie eine Starterflagge ausgemalt, die Haube hinten aufgestellt, dass musste eben sein."
 
Scheuerle legt sein Album weg. Jedes Detail an seinem Auto, einem 68er 1200 C, wird ausführlich besprochen. Entzückt betrachten wir den herrlichen, quer stehenden Vierzylinder im Heck mit den giebelförmigen Ventildeckeln oben auf dem zweigeteilten Zylinderkopf. Wie eine Rückblende läuft mein eigener NSU-1200-C-Film dabei im Kopf ab.
 
Die komischen Warzen am Kotflügel mit der seltsamen Parklicht-Klaviatur unter dem Tacho, die zitternde Tankuhr, der Tankdeckel mit Bowdenzug von innen (ging oft im Winter nicht auf), die drollige Scheibenwasch-Pumpe mit Gummibalg am Instrumentenbrett, der riesige Handschuhkastendeckel, der immer verzogen war. Der Feingewinde-Verschluss für den Öleinfüllstutzen, durch den früher im Sommer das Shell Rotella SAE 20 floss.

Ersatzteile gibt's mittlerweile, nur beim Blech wird's eng
 
Auch an den Chokehebel zwischen den Vordersitzen mit der gelben Kontrollleuchte im Tacho erinnere ich mich nur zu gut. Es ist wie ein Champagnerkorken, der sich löst, es sprudelt nur so aus mir raus. Elke Scheuerle hört geduldig zu, eigentlich ist es ihr Auto, sie zog es einem Ro 80 vor. Norbert erklärt, wie er zu dem Auto kam, und was er alles gemacht hat.
 
"Ich wollte ihn erst schlachten", schockiert er erstmal seine Zuhörer - "ihn, den Riverblauen, als Basis für die Restaurierung eines Thurner RS. Doch dann brachte ich es nicht übers Herz. Er war einfach zu gut, ich musste kaum was schweißen, bis auf die Schwellerenden vorn und hinten. Den Motor habe ich überholt, neu abgedichtet, den Ölkühler vom TT eingebaut, Fahrwerk und Bremsen gemacht."
 
"Wie sieht es mit den Ersatzteilen aus?" höre ich mich beiläufig fragen, im Geiste schon nach einen Kaufobjekt schielend. "Die Situation für den 1200er ist inzwischen viel besser geworden", erklärt der liebenswerte Herr Scheuerle in seiner ruhigen, gelassenen Art. "Technikteile kriegt man fast alle dank der rührigen TT-Szene, die meisten Reparaturbleche muss man allerdings anfertigen."
 
Und der Marktpreis für gute Exemplare? "Bis zu 6.000 Euro inzwischen, aber es gibt quasi nur Restaurierungsobjekte. Die Heckmotor-NSU-Szene hat den armen Hund entdeckt. Er muss nicht mehr als Schlachtvieh für TT und TTS sterben."
 
Wir gehen auf die Piste, in die Weinberge um Bad Wimpfen, wo gewundene Sträßchen im üppigen Sommergrün auf Motorradfahrer lauern. Zuerst fährt Norbert - zügig, aber gefühlvoll. Erklärt mir ein paar Handgriffe, bittet höflich, die Gänge nicht durchzureißen, die Synchronisation des zweiten Gangs sei nicht mehr die beste. "Ich weiß", sage ich nickend, "das war bei meinem auch so."

Die Lenkung ist ein Traum an Direktheit und Leichtgängigkeit
 
Das flache Lenkrad ist ungewohnt, fast wie beim Mini. Ich drehe den Zündschlüssel rum, der Anlasser orgelt. "Ach ja, die Dampfblasen", murmele ich, pumpe instinktiv ein paar Mal vorsichtig mit dem Gaspedal, wie ich es wohl früher immer gemacht habe - spontan fällt mir ein lautes Rasseln in den Rücken. Der Motor will Drehzahl, er scharrt akustisch ständig mit den Hufen, treibt den Fahrer an.
 
Dabei kann man ihn, den Hochleistungsmotor mit der Bauerncharakteristik, auch schaltfaul fahren. Schon bei 2.500 Touren liegt das höchste Drehmoment an. Munter zieht er vor einer Traktorschlange aus 50 km/h im Vierten davon. Herrlich, es ist, als ob ich auf einem Kleinkraftrad unterwegs wäre, oder wie Schaukeln auf einer Wiese - so ursprünglich, so leichtfüßig, so unbelastet von allem.
 
Mit jedem Kilometer werde ich mutiger, zirkle den kleinen Nasenbär schnell um enge Kurven, willig lässt er es mit sich geschehen. Er benimmt sich gutmütig, wenn er nicht zu sehr gereizt wird. Die Lenkung ist ein Traum an Direktheit und Leichtgängigkeit, die Übersicht nach allen Seiten großartig. Es wird warm, ich öffne das Dreiecksfenster mit dem Rändelrad.
 
Die Schaltwege sind zwar lang, aber doch recht präzise. Man spürt, dass das Getriebe beim Runterschalten eine Portion Zwischengas mag. Ein Drehzahlmesser wäre nicht schlecht, für den noch innigeren Dialog zwischen Mensch und Maschine. Langsam kriege ich eine Gänsehaut, ein sentimentaler Schauer über die verflossenen Jahre durchdringt mich.
 
Habe ich ihn wirklich vermisst, den 1200 C? Eigentlich nicht, wenn ich ehrlich bin. Zu sehr war ich mit dem Aufstieg beschäftigt. Audi, BMW, Mercedes - ein Reihen-Sechszylinder sollte es mindestens sein, besser noch eine V8-Maschine. Mach's gut, mein Großer.

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