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NSU Ro 80 im Fahrbericht

Optische und technische Sensation

NSU Ro 80, Seitenansicht Foto: Archiv 9 Bilder

Klaus Westrup erinnert sich an den NSU Ro 80 und seinen Wankelmotor – und erklärt, wie die leider so erfolglose Limousine zu ihrem Namen kam.

07.06.2013 Klaus Westrup Powered by

Die Namensfindung für die neue große NSU-Limousine ist nicht allzu schwierig. Das zunächst bevorzugte Rotary, anspielend auf die beiden unter der flachen Motorhaube taumelnden Kreiskolben, scheidet allerdings aus – die Rotarierer könnten sich angesprochen fühlen. Mit der ersten Silbe, dem kurzen, prägnanten Ro, ist man auf der sicheren Seite, die angehängte Zahl 80 bedeutet nicht mehr als ein Relikt aus einem allerersten Lastenheft, in dem das neue Auto mit 80 PS, 800 Kilogramm Gewicht und 8.000 Mark Verkaufspreis eingegrenzt wird – das ergibt zusammen, na klar: Ro 80.

Fast 50 % Leistung und mehr als 50 % Gewicht mehr als gefordert

Doch nichts von den Vorgaben des Lastenheftes geht in Erfüllung. Der Wankelmotor mit zwei Mal 500 Kubikzentimetern Kammervolumen leistet 115 PS, das Gewicht beträgt 1.250 kg und der Preis 14.150 Mark. Von seinem gesamten Format her ist der Ro 80 ein neuer Konkurrent in der oberen Mittelklasse, wo man es schon länger mit einem Mercedes 280 SE oder einem BMW 2500 zu tun hat. Sie alle wirken neben ihm optisch seltsam antiquiert, damals, im Revoluzzer-Jahr 1968.

Denn was NSU-Stylist Claus Luthe nach den eckigen Prinzen mit dem Ro 80 auf die Räder gestellt hat, erscheint wie eine Revolution. Die Linie ist keilförmig geraten, mit einer extrem flachen Motorhaube und einer ansteigenden Heckpartie. Noch ahnt niemand, dass diese kühne und ungewohnte Silhouette in den nächsten Jahren das gesamte Automobil-Styling beeinflussen wird.

NSU Ro 80 sollte das Ende des „Schüttelhubers“ markieren

Unter der Motorhaube des NSU Ro 80 steckt die zweite Sensation, die – wie man jetzt weiß – den Sprung in die Zukunft und Verbreitung nicht schaffen wird. Vier Jahre nach dem Debüt des ersten Serienautos mit dem rotierenden Kolben des Felix Wankel, dem NSU Wankel Spider, steht nun ein erwachsen gewordener Motor zur Verfügung. Das schwer erziehbare Kind, das schon 1959 in einem Ur-Prinz erste Laufversuche unternommen hat, scheint endlich serienreif zu sein.

Bei NSU zeigen nicht alle Techniker die gleiche Begeisterung für die Abschaffung des „Schüttelhubers“ (Felix Wankel über den Kolbenmotor), auch wenn sie sich nicht so grob äußern wie der österreichische Motoren-Guru Fritz Indra, der einst lapidar meinte, der Wankel verbrenne überall, „wo er net soll“. Ewald Praxl, Chefkonstrukteur bei NSU, hat schon einen Plan B in der Schublade, ohne kreisende Kolben – einen kleinen V8, zusammengesetzt aus zwei Vierzylinder-Blöcken.

V8-Motor als Alternative

Akustisch wäre der V8 mit Sicherheit im Vorteil gewesen. Aus dem Endrohr des NSU Ro 80 entweichen seltsame Töne, die an die in Vergessenheit geratenen Zweitakter erinnern. Und die Abgase müffeln ein bisschen in diese nostalgische Richtung – das per Dosierpumpe verabreichte Öl zur Schmierung der Dichtleisten stirbt einen konstruktionsbedingten Opfertod und verbrennt in den flachen Mulden des in der Trochoidenlaufbahn kreisenden Läufers.

Man weiß heute nicht mehr so recht, was beim NSU Ro 80 einst mehr Aufsehen erregte – das unkonventionelle Triebwerk oder die futuristische Form. Für manchen Käufer war es wohl beides – auch für den ehemaligen auto motor und sport-Redakteur und Erfinder der „Jetzt helfe ich mir selbst“-Buchreihe, Dieter Korp, den Chefredakteur der Schweizer „Automobil Revue“, Robert Braunschweig, den silbergrauhaarigen Filmstar Dieter Borsche oder den korpulenten Fernseh-Unterhalter Wim Thoelke.

Man kann sich sehen lassen mit diesem eleganten Automobil, das nicht zuletzt seiner avantgardistischen Form wegen 1968 zum Auto des Jahres gewählt wird. Für auto motor und sport ist mehr die mechanische Zuverlässigkeit ein Thema. In diesem Punkt ist der NSU Ro 80 ein unbeschriebenes Blatt, Skepsis erscheint durchaus angebracht. Über eine Distanz von 50.000 Kilometern gehen die Dauertests damals, und ein silbergrauer Ro 80 hat die nun vor sich.

Hält der Motor?

Reinhard Seiffert beginnt die Abschluss-Story, die im Sommer 1969 erscheint, mit bangen Fragen. Kann man sich dem NSU Ro 80 anvertrauen, auch auf langen Reisen? Kommt man mit ihm nach Sizilien, nach Spanien, nach Schweden – also in Länder, in denen NSU-Werkstätten nicht gerade dicht gesät sind? Es sieht zunächst nicht so aus. Schon nach 4.000 Kilometern erreicht der Ro mit stotterndem Motor gerade noch den Heimathafen, lässt sich nicht wieder starten. Ein eilends herbeigerufener NSU-Reparatur-Trupp wechselt die Kerzen und diagnostiziert einen Riss im Verteilerfinger.

Es bleibt der einzige ernsthafte Defekt über die gesamte Laufzeit. Der Motor des NSU Ro 80 hält durch, samt der zu Anfang verschleißanfälligen Dichtleisten. Die dreigängige Halb-Automatik, die über einen Mittelschalthebel betätigt wird, macht ebenfalls keinen Ärger. Ein ursprünglich vorgesehenes Fünfganggetriebe verträgt sich nicht mit den Eigenheiten des Wankel-Triebwerks, das bei starrer Verbindung zum sogenannten Schieberuckeln neigt.

Gute Fahreigenschaften, aber hoher Verbrauch

Ansonsten notiert das Fahrtenbuch kleine Misslichkeiten, die weder mit dem Motor noch der Karosserie zu tun haben. Die Tachowelle ist defekt, die Lichthupe fällt aus, ebenso der Zigarettenanzünder. Die überwiegend auf Langstrecken gesammelten Kilometer bekommen dem Wankelmotor, der den NSU Ro 80 genau 181 km/h schnell macht und ihn in 13,5 Sekunden auf Tempo 100 beschleunigen lässt. Seine Fahreigenschaften sind über alle Zweifel erhaben, auf glatter Fahrbahn erweist er sich als wahres Anfahrwunder. Der Verbrauch ist hoch, auch für einstige Maßstäbe. 16 Liter pro 100 Kilometer im Mittel – es darf Normalbenzin sein.

1977 kommt das Ende für den NSU Ro 80, nach genau 37.374 Exemplaren. Sein Triebwerk sollte den Motorenbau revolutionieren, doch es kommt anders. Audi, seit 1969 mit NSU zur Audi NSU Auto Union AG verschmolzen, versucht noch, seinen neuen Audi 200 mit einem vergrößerten Ro 80-Triebwerk serienfit zu machen, aber ein aufgeladener Fünfzylinder obsiegt 1979. Die altmodische, aber immer weiter verfeinerte Kolbenmaschine hat noch Potenzial.

Den kreisenden Kolben bleibt eine Statistenrolle. Im zukünftigen, elektrogetriebenen Audi A1 e.tron übernimmt ein Wankelmotor die Rolle des Reichweiten-Verlängerers. Die Maschine des Felix Wankel ist zum Handlanger geworden.

Technische Daten
NSU Ro 80
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4780 x 1760 x 1410 mm
Höchstgeschwindigkeit180 km/h
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