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Opel Rekord Sprint und Ford 17M RS

Deutsche Muscle-Stars

Opel Rekord Sprint, Ford 17M RS, Frontansicht Foto: Arturo Rivas 27 Bilder

Zeitgleich mit der US-Verwandtschaft gab es auch bei uns die großen Familien-Ford und -Opel als aggressive Sport-Modelle. Hier tritt ein Ford 17M RS gegen den Opel Rekord Sprint an. Kann sich die V6-Power gegen zwei Weber-Vergaser durchsetzen?

23.09.2013 Franz-Peter Hudek Powered by

Natürlich ist die Bewertung von Autos auch immer eine Frage des persönlichen Geschmacks. Den beeinflussen oft die eigenen, positiven Erfahrungen mit einer bestimmten Marke. Und ich stamme - sorry liebe Opel-Fans - aus einer fünfköpfigen Ford-Familie, die mit der blauen Pflaume über ein halbes Jahrhundert lang unterwegs war.

Ford 17M RS  - ein Traum wird wahr

Meine live und zum Großteil hinter dem Lenkrad erlebten Ford-Modelle erstreckten sich über 15M "Weltkugel", 17M P2 "Barocktaunus", diversen 12M, Fiesta Mk I, Escort Mk II bis zu einem mächtigen Consul GT 3000 und zwei Sierra 2.0.

Ende der Sechziger waren deshalb die im Racing-Look aufgewerteten Ford RS-Modelle die absoluten Traum-Autos. Meinem Vater erschienen sie jedoch optisch zu schrill und meiner Mutter zu unsicher. Man fuhr als großes Familienauto (zeitweise) lieber Mercedes Heckflosse. Mit Radkappen, Lenkrad-Schaltung und ohne Drehzahlmesser. Wie unsportlich!

Aber jetzt, nach 45 Jahren, ist es so weit: Ein silberner Ford 17M RS steht zur Probefahrt bereit. Daneben parkt sein direkter Konkurrent von Opel, ein Rekord Sprint Coupé. Beide besitzen die typischen, von sportlichen Camaro und Mustang übernommenen Styling-Elemente, die in den Prospekten gern mit dem Begriff "Rallye" angepriesen wurden - schwarze Seitenstreifen und Heckblenden, Halogen-Zusatzscheinwerfer vor (Opel) oder im (Ford) modifizierten Kühlergrill sowie Stahl-Sportfelgen ohne Radkappen.

Optisch heiß, leistungsmäßig eine kalte Dusche

Doch ein Blick auf die Motordaten genügt - und meine heiße Ford-Leidenschaft erhält eine empfindliche Kaltdusche: im Ford 17M RS ein Zweiliter-V6 mit 90 PS, im Rekord Sprint ein 1,9-Liter-Vierzylinder mit stolzen 106 PS. Opel glänzte mit klassischem Tuning wie erhöhter Verdichtung und zwei Weber-Vergasern. Die Kölner lieferten dagegen den 17M RS mit einem unmodifizierten V6 aus, den man auch für seinen normalen 17M (1,5-Liter-V4, 60 PS) gegen 464 Mark Aufpreis bestellen konnte.

Wer mit dem Opel Rekord Sprint gleichziehen wollte, der musste für seinen Ford 17M RS den 2,3-Liter-V6 mit 108 PS als Extra (404 Mark) bestellen. Oder gleich den optisch fast identischen 20M RS kaufen, der den 2,3-Liter-V6 als Standard-Motorisierung besaß, jedoch 872 Mark teurer war. Einfach Wahnsinn, diese Auswahl. Und mit dem 2300S-V6 mit 125 PS (nur 20M RS), der 1970 vom gleich starken 2,6-Liter abgelöst wurde, gab es für den 20M RS noch mehr Power. Aber: Auch jeder normale Ford 20M konnte mit dem starken 2,6-Liter geordert werden und dem sportlichen RS wie ein Schatten folgen.

Da halfen auch die Rallye-Streifen nichts, die Ford übrigens nur im Verbund mit roter und silberner Lackierung an die Flanken klebte. Ein Opel Rekord Sprint war dagegen unter den Vierzylinder-Rekord wirklich der Schnellste und musste nur die Commodore GS und GS/E mit ihren starken Sechszylindern (130 und 150 PS) fürchten.

Cockpit des Ford 17M RS ist Rallyefeeling pur

Doch genug der Zahlenspiele, wir wollen fahren und beginnen mit dem Ford 17M RS. Seine als Extra bestellbaren, hervorragenden Schalensitze mit hohen Seitenwangen beengen etwas den Einstieg. Dafür sitze ich gut eingebettet und tief unter dem Vinyl-Dach. Direkt im Blickfeld vor mir die beiden großen Instrumente, links der Tacho bis 200 km/h, rechts der Drehzahlmesser, der erst bei fantastischen 8.000/min endet. Sie werden von zwei kleineren Rundinstrumenten für Tankinhalt und Kühlwassertemperatur flankiert.

Am meisten begeistern im Ford 17M RS die Mittelkonsole mit drei übereinander angeordneten, zum Fahrer hin geneigten Zusatzinstrumenten (Zeituhr, Öldruck, Ampère) und der kurze Schalthebel im Kunstleder-Säckchen. Alles in Rallye-Schwarz, versteht sich. Passt bloß auf ihr Opel, wir kommen!

Na ja, geht so. Der Motor des 17M RS läuft bekanntermaßen ruhig und mit dem typischen, leicht verschlafenem Ford-V6-Nuscheln, das uns sagen will: Mach es sanft mit mir. Die RS-Bedienungsanleitung gesteht uns kurzfristig immerhin 5.600/min zu, um in 15 Sekunden (Werksangabe) vom Stand auf 100 km/h zu spurten. Der Motor erduldet den Kraftakt, ohne sich lautstark darüber zu beschweren, fühlt sich aber zwischen 2.000 und 4.000/min am wohlsten. Sportlich wirkt vor allem das exakt und mit kurzen Wegen bedienbare Vierganggetriebe. Das etwas härter abgestimmte Fahrwerk neigt in schnell gefahrenen Kurven noch immer zu zeittypischen Extrem-Schräglagen.

Opel Rekord Sprint mit einzigartiger Coupé-Karosserie

Bevor ich in den Opel Rekord Sprint wechsele, werfe ich einen bewundernden Blick auf dessen einzigartige Coupé-Karosserie mit Hüftschwung, Fastback und einem etwas zu lang geratenen Heck-Überhang. Immerhin hat Dodge nach dem Erscheinen des Rekord C Coupés im Jahr 1967 dessen Seitenlinie für den Charger übernommen.

Im Innenraum des Opel Rekord Sprint gefällt mir das echte Dreispeichen-Holzlenkrad mit Mini-Pralltopf. Der kleine Drehzahlmesser, ein langer Serien-Schalthebel und die drei nebeneinander auf einer bastelartigen Mittelkonsole untergebrachten Zusatzinstrumente machen jedoch weniger Laune als im 17M RS. Andererseits ist die Sitzposition relativ hoch und bietet einen grandiosen Blick auf die silbern glänzende Motorhaube. Leider fehlen auch hier wie beim Ford der Sicherheit dienende Kopfstützen.

Opel Rekord Sprint hängt Ford 17M RS ab

Einmal in Fahrt, lässt der kräftige Opel Rekord Sprint alles Mäkeln über sein Interieur vergessen. Er nimmt beim Sprint dem Ford 17M RS ganze vier Sekunden ab und erreicht 100 km/h nach nur elf Sekunden. Auch auf der Autobahn düst der Rüsselsheimer mit maximal 175 km/h dem Ford (160 km/h) erbarmungslos davon. Selbst mit dem optionalen 108-PS-V6 ist der 17M RS noch immer um fünf km/h langsamer unterwegs (Werksangaben).

Doch wie der Vierzylinder des Opel Rekord Sprint das macht, mit spürbarem Spaß an hohen Drehzahlen bis 6.000/min und klangvollem Auspuff-Sound aus der modifizierten Sport-Anlage - das verschafft dem Namen "Sprint" alle Ehre und erinnert sogar an die Namensvettern von Alfa Romeo. Als nicht weit davon entfernt lässt sich auch dank schraubengefederter Hinterachse das Fahrverhalten charakterisieren: Sicher und souverän, obwohl der große Opel mit originalen, schmalen 165er-Reifen unterwegs ist.

So fiel die erste Begegnung mit meiner alten Ford-Jugendliebe etwas zwiespältig aus. Schuld daran waren der deutlich spritzigere Opel Rekord Sprint und die verwirrende Baukasten-Politik von Ford. Noch immer stellt sich die Frage (wenn man als Sammler überhaupt heute die Auswahl hat): Ford 17M RS 2.3 oder 20M RS? Und: Wie fahre ich einem 26M davon? Nur eines ist klar: Ohne Rallye-Streifen geht nix.

Dazed and Confused - einfach phantastisch

Franz-Peter Hudek, Motor Klassik-Redakteur, zieht sein Fazit zu Opel Rekord Sprint Coupé und Ford 17M RS: Diese beiden Bonsai-Musclecars mit ihrem herzerfrischend frechen bis naiven Sport-Dekor sind heute fast schon exotischer und seltener als ein Lamborghini Miura. Im Gegensatz zu ihren plüschigen, gern mit Automatik ausgestatteten und von Onkel Gottfried vorsichtig bewegten normalen Modell-Geschwistern wurden unsere beiden Sportskanonen häufig von engagierten Pseudo-Rennfahrern zu Schrott geritten.

Das macht die Survivors heute umso wertvoller. Außerdem demonstrieren gerade die großen, familientauglichen RS-, Sprint und GS-Modelle noch mehr den grenzenlosen Vollgas-, Sex- und Rock‘n Roll-Enthusiasmus jener Epoche als die preisgünstigeren und weniger kathedral auftretenden Hüpfer à la Capri, Manta, Escort und Kadett.

Wenn seinerzeit irgendwelche Autos "Dazed and confused" waren, dann Ford 17M RS und Opel Rekord Sprint, weil diese biederen Modelle bisher so viel von Sport verstanden wie Wencke Myrhe von Heavy Metal. Kurz: Sie sind einfach phantastisch.

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