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Opel Vectra und Ford Sierra

Zwei Familienautos im Fahrbericht

Opel Vectra 2.0i, Ford Sierra 2.0i, Besitzer Foto: Arturo Rivas 31 Bilder

Ford oder Opel – Ende der 80er in vielen Familien noch eine echte Glaubensfrage. Dazu oft eine, die sich vererbt. Zwei Mittzwanziger blicken zurück auf die Familienautos ihrer Kindheit: Sierra und Vectra.

25.04.2014 Michael Eiden Powered by

Einverstanden, so richtig hip sind die beiden Mittelklasse-Limousinen nicht. Ehrlich gesagt, sie sind es auch nie gewesen. An Ford Sierra und Opel Vectra haftete immer ein wenig das Image des spießigen Altherrenautos. Doch wenn wir uns zurückerinnern, haben viele heutige Mittzwanziger auf deren Rückbänken eine Menge Zeit verbracht: Gut gesichert im Kindersitz, meisterten wir dort unsere erste Urlaubsfahrt an den Bodensee.

Ohne Probleme transportierten die Autos riesige Netze mit Fußbällen zum Nachwuchsturnier am Wochenende. Einige Mutige machten auf Feldwegen sogar ihre ersten Autolenk-Erfahrungen – auf dem Schoß von Papa. In den 80er-Jahren galten Kombis oft noch als Handwerkerauto – zum Transport von Kind und Kegel parkte vor vielen Einfamilienhäusern eine Limousine. Schließlich schluckten auch sie jede Menge Gepäck.

Opel Vectra erstmals mit Allradantrieb

Doch ob ein Ford oder ein Opel gekauft wurde, das war eine Glaubensfrage. Und die wurde meist an die Kinder vererbt. An der Alten Spinnerei in Kolbermoor bei Rosenheim treffe ich mich mit Franziska zu einem Wiedersehen mit den Familienautos unserer Kindheit: Sierra und Vectra. Franziska wurde in einem Ford-Haushalt groß, fährt heute Fiesta. Vor meinem Elternhaus parkten Modelle aus Rüsselsheim, mein erstes Auto war folgerichtig ein Corsa. Während unsere Eltern lobende Worte für Ford Taunus oder Opel Rekord aus ihrer Kindheit finden, blieb unser Verhältnis zu Vectra und Sierra bislang eher neutral. Wir geben ihnen heute eine zweite Chance. Dabei finden wir heraus, dass sich hinter den schlicht gestalteten Karosserien teils aufwendig konstruierte Antriebstechnik versteckt. Dass 120 PS in einem Ein-Tonnen-Auto durchaus sportliche Ambitionen wecken. Und dass Image nicht alles ist.

Mangelnden Mut kann man Opel bei der Präsentation des Vectra im Herbst 1988 nicht vorwerfen. Mit neuem Namen und einer aerodynamischen Form mit Anleihen an den Omega A trat er der starken Konkurrenz entgegen. Erstmalig gab es einen Allradantrieb mit Visco-Kupplung als Sonderausstattung. Zudem warb Opel in Verkaufsprospekten damit, dass der Vectra ein Auto sei, "das im Computer zur Welt kam" – also mit modernster IT-Technik geplant wurde. Starke Argumente, die neue Kunden in die Autohäuser locken sollten. Mit Erfolg: Obwohl nur als Stufen- und Fließheck angeboten, fertigte Opel bereits im ersten Modelljahr insgesamt 364.000 Vectra-Exemplare. Im April 1991 überschritt die Produktion bereits die Millionenmarke. Der Vectra war beliebt – wegen des großen Raumangebots, aber auch wegen seiner breiten Motorenpalette. Denn in der Preisliste standen nicht nur Brot-und-Butter-Motorisierungen wie der 1,6-Liter mit 75 PS. Im Frühjahr 1993 debütierte im Vectra ein 170 PS starker 2,5-Liter-V6-Motor. Im Herbst folgte schließlich der Vierzylinder-Turbo mit 204 PS als Topmodell. Endgeschwindigkeit: immerhin 240 km/h.

Doch Ford war gegen den Newcomer gut gerüstet. Schon ein Jahr zuvor, im September 1987, präsentierten die Kölner die zweite Generation des Sierra – nun erstmals auch mit Stufenheck. Endlich, mögen einige, vermutlich ältere Ford-Fahrer gedacht haben. Denn die erste Sierra-Generation ab 1982 hatte es nur als – für damalige Verhältnisse – recht avantgardistisch geformtes Fließheck gegeben. Für konservative Taunus-Fahrer wohl keine adäquate Nachfolgelösung, ebenso wenig wie das Kombimodell Turnier. Mit breiteren Front- und Heckleuchten, in den Kotflügel hineingezogenen Blinkern, neu gestaltetem Kühlergrill und größeren Glasflächen trug das gefällige Stufenmodell der bürgerlichen Nachfrage Rechnung. Als krawallige Imageträger dienten schließlich noch die PS-starken XR4i- und Cosworth-Versionen.

Zum Youngtimer-Testduell rund um das bayerische Städtchen Kolbermoor treten jedoch zwei bürgerliche Varianten gegeneinander an. Franziska steuert – gemäß der Familientradition – einen blauen Sierra, Baujahr 1991. Die Metallic-Farbe steht der Limousine. Sie harmoniert perfekt mit den seit 1990 schwarz getönten Heckleuchten. Das Kürzel CLX am Heck identifiziert die Basisausstattung des Sierra. Servolenkung, Drehzahlmesser und Zentralverriegelung sind mit an Bord. Weiteren Luxus sucht man im verschachtelten Armaturenbrett allerdings vergebens. Auf den Sitzen lässt es sich bequem aushalten. Doch das Velourspolster und die Türverkleidungen hinterlassen einen wenig wertigen Eindruck. Ein Lichtblick im Innenraum: Der Erstbesitzer des Testmodells orderte ein Glasschiebedach.

Heckantrieb im Sierra

Seine besonderen Qualitäten versteckt der Sierra gekonnt unter der Motorhaube. Denn dort werkelt ein aufwendig konstruierter Zweiliter-Benziner mit zwei obenliegenden Nockenwellen und einer Leistung von 120 PS. Jeweils eine Nockenwelle kümmert sich dabei über hydraulische Stößel um das Öffnen und Schließen der Einlass- und Auslassventile, angetrieben werden die Nockenwellen von einer wartungsarmen Steuerkette. Dazu gleiten im Graugussblock des Pinto-Motors gewichtsoptimierte Kolben an Langpleueln. Die technischen Daten versprechen nicht zu viel: Die Zweiliter-Maschine bereitet Freude. Sie dreht lebhaft hoch, ohne dabei zu dröhnen. Auch bei mittleren Drehzahlen sorgt ein Tritt aufs Gaspedal noch für durchzugsstarkes Beschleunigen. Dank Hinterradantrieb spürt der Fahrer keine Antriebseinflüsse in der Lenkung. Das Fünfganggetriebe lässt sich exakt bedienen – wenn auch über lange Schaltwege. Somit wedelt das Auto flink durch die Kurven bayerischer Landstraßen.

Bis unser blauer Sierra seine Spritzigkeit entfalten konnte, musste er sich jedoch erst einmal freihusten. Mehrere Monate stand er unter freiem Himmel im Autopark am Nordring in München und wartete mit fast platten Reifen auf seinen dritten Besitzer. Seine rostfreie Karosserie und sein geringer Kilometerstand von 105.000 allein scheinen bisher noch keinen Youngtimer-Fan gefesselt zu haben. Erst nach einem Stopp an Zapfsäule und Luftdruckstation und ersten Kilometern auf den Ausfallstraßen Münchens läuft der Sierra problemlos. Ein großer Service und ein Satz neuer Reifen – dann sollte der Wagen die fällige TÜV-Untersuchung überstehen. Faire 1.490 Euro ruft der Händler für den Sierra auf.

Im Gegensatz zum Ford fährt der Vectra in gehobener CD-Ausstattung an der Alten Spinnerei in Kolbermoor vor. Vom ABS über elektrische Fensterheber, Kassettenradio mit elektrischer Antenne bis hin zu vier Kopfstützen sind zahlreiche Komfort-Extras verbaut. Schon wenn man auf den grauen Velourspolstern Platz nimmt, fällt es auf: Dieser Opel befindet sich nahezu im Jahreswagenzustand. Egal ob Lenkrad, Schaltknauf oder Fußmatten, alles wirkt kaum abgegriffen. Kein Wunder, der scheckheftgepflegte Vectra, der in der Gebrauchtwagen-Fundgrube in Kolbermoor für 3.900 Euro zum Verkauf steht, stammt aus Rentnerhand und wurde erst 33.000 km weit bewegt. Mit Erstzulassung im Januar 1989 zählt er zudem zu den ersten Vectra-Exemplaren nach der Markteinführung.

Opel Vectra mit cW-Wert von 0,29

Die beiden Vorderräder der Opel-Mittelklasse treibt ebenfalls ein Zweiliter-Motor mit Zweiventiltechnik an – ein alter Bekannter aus Kadett, Omega und Calibra. Das Aggregat leistet 115 PS und muss mit nur einer obenliegenden Nockenwelle auskommen. Die Fahrleistungen von Sierra und Vectra unterscheiden sich aber kaum – beide beschleunigen in etwas unter elf Sekunden auf 100 Kilometer pro Stunde und laufen auf der Autobahn knappe 200 km/h. Begünstigt werden die Werte durch die windschlüpfigen Karosserien der beiden Limousinen. Der Sierra erreicht einen cw-Wert von 0,33. Der Opel übertrifft ihn mit 0,29 sogar noch einmal. Zwar dreht der Vectra-Motor willig hoch und gibt seine Leistung gleichmäßig über das Drehzahlband ab, doch sein Fünfganggetriebe lässt sich nicht immer präzise schalten. Es hakelt oft. Kurven durchfährt der Opel leicht untersteuernd. Die Lenkung hinterlässt dabei einen etwas zu leichtgängigen Eindruck. Wer ein aktuelles Kompakt- oder Mittelklasse-Auto fährt, merkt am Steuer der beiden 90er-Limousinen, wie flott man mit den rund 25 Jahre alten "nur" 120-PS-Wagen unterwegs sein kann. Sie wiegen eben nur rund eine Tonne, also etwa 500 Kilogramm weniger als ein aktuelles Modell.

Nach einigen Testkilometern sind Franziska und ich uns einig: Hinter dem Steuer von Sierra und Vectra machen die beiden Autos deutlich mehr Spaß als früher im Kindersitz auf der Rückbank. Unsere Herzen haben sie noch nicht ganz erobert, dafür wirken beide immer noch zu nüchtern und bieder. Doch sie haben unseren Respekt gewonnen. Wir können den Modellen Mut machen. Auch Granada und Rekord galten lange als bieder – heute sind sie Klassiker. Was die Glaubensfrage anbetrifft: Als "geborener" Opelaner würde ich schon mal eine Spritztour im heckangetriebenen DOHC-Sierra wagen. Ja, wirklich.

Fazit

Die braven Limousinen überzeugen mit inneren Werten. Sierra und Vectra bieten viel Platz und mit Motoren um 120 PS ansprechende Fahrleistungen. Heckantrieb und die knackige Schaltung sprechen für den Ford.

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