Peugeot 203, Frontansicht, Baustelle 15 Bilder Zoom

Peugeot 203 im Fahrbericht: Und der Löwe ist immer vorn

Autos wie diesen Peugeot 203 von 1951 sucht man selten mit Absicht, meist laufen sie einem einfach so zu und bleiben eben da. Mit der Zeit wächst die Zuneigung, weil man mit Blick über die lange Haube und den Peugeot-Löwen vorne drauf so herrlich spazierengucken kann.

Der Oldtimer und sein Fahrer dürfen nicht für sich betrachtet werden. "Die beiden sind eine Einheit", sagt Freundin Isabelle gern und oft. Und: "Da achten die Leute drauf."

Peugeot 203 in frechem Mausgrau

Natürlich fahre ich meinen Peugeot für mich, für Isabelle natürlich auch. Was die Leute denken, kann mir ja egal sein. Oder doch nicht ganz? Also gut, zugegeben, ein klein wenig würde es mich ja doch umtreiben, wenn es hieße: "Wie kommt der abgerissene Typ zu so einem glamourösen Wagen?" Für unser Beispiel passt das Bild nicht. Der Typ ist nicht abgerissen, und der Wagen ist nicht glamourös.

Im Gegenteil - der Peugeot 203 in seinem frechen Mausgrau passt gut zu seinem Fahrer, die Maschine ist allenfalls noch einen Ton grauer als der Haarschopf des Menschen. Bisher jedenfalls. Und auch vom Alter her geben die beiden sich nicht viel. Der Peugeot liegt gerade mal drei Jahre vorn. Ein gezwirbelter Schnauzer oder eine Baskenmütze würden womöglich ins Klischee passen, aber nicht zu diesem Fahrer. Und was den Stil betrifft, bin ich zumindest unter diesem Gesichtspunkt froh, nicht steif und überkorrekt einen Adenauer-Mercedes 300 bewegen zu müssen. Oder top gestylt einen Maserati.

Ein Peugeot 203 also als erfüllter Oldtimer-Traum des Oldtimer-Freundes? Nein, so nun auch wieder nicht. Ein Fiat 500, Baujahr 1971, begründete den Fuhrpark 1981. Und er ist geblieben. Der Fiat Spider, Baujahr 1979, stieß 1993 hinzu und blieb. Und der Porsche 944 S - ja, ich zähle ihn zur Sammlung! - wurde 1986 gebaut und gehört seit 1996 zum Team.

Ein Geschäft unter Brüdern

Erst 2009 wurde aufgestockt. So unverhofft wie ungewollt. "Du kannst doch so einen schönen Wagen nicht verkaufen", sage ich zu meinem Bruder Claus, dem Verkäufe von Schätzen mitunter leicht von der Hand gehen. Unverständlicherweise. Die Hauptperson, der Peugeot 203, schaut traurig zu. Und dann geschieht, was gute Oldtimer-Freunde kennen, ein unsichtbares Band wächst zwischen Betrachter und Objekt. "Dann musst du den Peugeot eben kaufen", höre ich Claus sagen. Hier stehe ich und kann nicht anders. Und so stimme ich Claus‘ Lösungsvorschlag zu: "Okay, lieber Bruder, abgemacht".

Bis so ein Peugeot 203 tatsächlich fährt, sind Erklärungen notwendig. "Den rechten Knopf am Instrumentenbrett reindrücken, dann ist die Zündung eingeschaltet", bringt mir Fachmann Claus bei, durch dessen Hände schon vier 203 und mancher Vorkriegs-Peugeot gegangen sind. Kein Problem - und nun den Zündschlüssel drehen? Mitnichten, den gibt es gar nicht. Vielmehr muss ein anderer Knopf elend weit herausgezogen werden, bis der Seilzug den Anlasser zum Drehen bringt. Mehr geschieht nicht.

Lange Prozedur, bis der Vierzylinder läuft

"Moment", heißt es, "öffne die Motorhaube". Der dritte nahezu gleich aussehende Knopf ganz links ist der richtige, auch hier wird gezogen. Und dann genügt ein Griff zu einem kleinen, versteckten Hebel unter dem Vergaser. Auf und ab - so wird Sprit in den Gemischaufbereiter gepumpt. Und umgehend springt der übersichtliche Vierzylinder des Peugeot 203 bei der ersten Anlasserumdrehung an. Er schnurrt ruhig. "Das ist immer so", weiß Claus aus Erfahrung. Und: "Der kleine Hebel am Vergaser ist eine prima Sache, so wird Orgeln nach längerer Standzeit vermieden."

Autsch! - ein Splitter bohrt sich in den Handballen. Er stammt vom Holzlenkrad des Peugeot 203, das so ganz anders aussieht als in einem Alfa oder Maserati. Als "Obstzweigles-Lenkrad" wurde es schon wohlmeinend bezeichnet. Es blieb nicht der erste Splitter, der unter die Haut geht. Ich vergesse einfach zu oft, passende Handschuhe anzuziehen.

Das Lenkrad gehört zur Peugeot-203 A-Serie. Der 203 C von 1954 hatte ein Bakelit-Lenkrad, das Kombiinstrument wanderte von der Mitte des Anzeigenbretts nach links. Eine größere Heckscheibe kam hinzu. Ausstellfenster ersetzten die Klimaanlage. Wie bitte? "Klimaanlage" nennt Bruder Claus gern die Lüftungsklappe unter der Frontscheibe, die sich von innen öffnen und schließen lässt.

Eine stattliche viertürige Limousine

Okay, manch einer übertreibt beim Erzählen. Also anders herum: Eine lahme Ente ist der Peugeot 203 nicht. "Das Auto, Motor und Sport" schreibt gar im Januar 1953: "Die Beschleunigung von 0 auf 90 km/h in 23,5 Sekunden ist ein unerwartet guter Wert." Die Franzosen haben bei ihrer ersten Nachkriegskonstruktion an Kilos gespart - 920 sind es geworden. Damit lässt es sich reisen. Der Motor erreicht seine Höchstleistung bei 4.500/min. Bis 1952 leistet der Dreizehnhunderter 42 PS, danach deren 45.

Dass mein Peugeot 203 von einer überholten Maschine angetrieben wird, das weiß ich. Claus sie eingebaut, weil der Antriebsquelle noch in der Hand eines Vorbesitzers ein schlecht reparierter Frostschaden zum Verhängnis geworden war. Mein Glück, sonst hätte Claus den Wagen nicht gekauft. "Er lief mal in Luxemburg", weiß er. Und er wurde in den neunziger Jahren in Frankreich lackiert. Schweißen war nie notwendig.

Peugeot-Motor mit Leichtmetallkopf

Für seine Zeit war der Peugeot 203 modern. Dazu gehört die selbsttragende Karosserie, gefertigt aus solidem Blech. Und ohne große Hohlräume, was die Überlebenschancen auch ohne Hohlraumversiegelung deutlich erhöhte. Ein Motor mit Leichtmetallkopf und v-förmig hängenden Ventilen galt als Fortschritt wie auch die Einzelradaufhängung mit einer Querblattfeder unten und je einem Dreieckslenker oben an der Vorderachse. Die Konstrukteure bei Peugeot schauten bei diesem Wagen nach vorn, und nicht zurück in die Vorkriegszeit wie viele ihrer Kollegen anderer Hersteller.

Über Fahrkomfort brauche ich bei einem Franzosen nicht viele Worte zu verlieren. Die Grenzen der Straßenlage des Peugeot 203 werden nicht ausgelotet. Aber mein Peugeot fühlt sich wesentlich leichtfüssiger an als die Mercedes-170-Flotte meines Bruders. Ich kann nur mutmaßen, dass es mit dem Konkurrenten Citroën 11 CV etwas flotter voran geht als im Peugeot.

700.000 Peugeot 203wurden gebaut

In der Oldtimer-Freundes-Gunst steht der Peugeot 203 im Schatten des "Traction Avant", obwohl er das Straßenbild der fünfziger Jahre dank knapp 700.000 Exemplaren vor allem in Frankreich durchaus prägte. In Deutschland wurde der 203 im Saarland geschätzt und dort sogar von der Polizei eingesetzt. Weiter östlich lautet hierzulande die häufigste Frage an den Fahrer dieser grauen Maus: "Ist das nicht ein Buckel-Volvo?" Nein, ist er nicht.

Der Peugeot 203 wird gefahren, wenn gefahren wird. Also so gut wie keine Extra-Touren. Er kennt den Aldi-Parkplatz, aber nicht den Oldtimer-Korso. Bei engen Parklücken auch im Parkhaus hilft ein vorbildlich kleiner Wendekreis von nur 9,1 Meter. Und beim Beladen mit Sprudelflaschen ein stattlicher Kofferraum. Nein, keine Sorge, wenn es zur Landpartie über die Schwäbische Alb geht oder hinüber ins benachbarte Elsass, dann darf der Peugeot 203 mit. Ich kann nicht erklären, warum es ungemein beruhigend ist, über eine lange Wagenschnauze auf das Asphaltband zu schauen, das den Weg weist. Es ist auf jeden Fall ein gutes Gefühl, dem Peugeot-Löwen am Bug zu folgen.

Spazierengucken im französischen Klassiker

"Egal wie lange wir unterwegs sind, für mich ist die Fahrt im Peugeot 203 immer wie auf eine Reise gehen", höre ich von Isabelle. Das Tempo passt, denn Feld, Wald und Wiese sollen ja nicht vorbeifliegen. Die Bergpassagen bieten viel Zeit für Rundumblicke. Kein Wunder, angesichts der Motorleistung. "Spazierengucken", formuliert Isabelle, die Germanistin. Es zerrt kein Tempo an Mensch oder Maschine.

Auch die Jugend wagt den Einstieg durch die hinten angeschlagene Beifahrertür des Peugeot 203. Romans linke Hand greift mit Routine nach rechts oben. Nein, da ist kein Gurt. "Um Gottes Willen", entfährt es dem 17-Jährigen. "Sei unbesorgt", doziere ich, "mit Oldtimern gibt nur ganz wenige Unfälle." Roman entgegnet: "Kein Wunder, es gibt ja nur so wenige davon." Und leise meint er während der Fahrt: "Kannst du nicht das Schiebedach zumachen, dann fühle ich mich etwas sicherer."

Das große Schiebedach ziert fast jeden Peugeot 203. Den Himmel auszusperren, obwohl es nicht regnet, das kostet Überwindung. Roman wird ein offenes Dach zu schätzen wissen, irgendwann in seinem Autoleben. Aber nachdenklich, das wird er schon heute. Nämlich dann, als Passanten in der Stuttgarter Innenstadt dem Peugeot zulächeln - und den modernen Aston Martin auf der zweiten Spur kaum beachten. Auch Roman lächelt jetzt. Für einmal, wenigstens.

Der Peugeot bleibt!

Langweilig wird es bei keiner Fahrt. Auch ganz ohne Autoradio. Schließlich gibt es stets fahrerische Anforderungen zu bewältigen. Es gilt bei dem alten und strapazierten Getriebe darauf zu achten, dass es mit Zwischengas und Zwischenkuppeln gut hinhaut. Eine kleine Pause in der Mitte der Schaltwechsel hilft dabei ungemein. Ein neues, komfortabler schaltbares Getriebe erhält der Peugeot 203 C nach 1954.

Der Scheibenwischermotor des Peugeot 203 ist nicht immer bereit zu arbeiten. Auch wenn ich einen kleinen - herrje, einen weiteren - Knopf unter dem Instrumentenbrett ziehe, lässt er sich oft einige Sekunden Zeit, bevor sich die Miniwischerblätter in Bewegung setzen. Warum diese Pause? Keine Ahnung.

Neulich Nacht war der Peugeot 203 der ideale Partner für eine Fahrt durch Stuttgarts Innenstadt. Auf der Höhe Hauptbahnhof frage ich Isabelle: "Was meinst du?" Sie versteht die Frage sofort: "Er bleibt!" War ja klar, wo doch der Wagen und das Paar so gut zusammenpassen. Auch wenn das in der Dunkelheit keiner sieht.

Foto

Frank M. Orel

Datum

30. Oktober 2012
Dieser Artikel stammt aus Heft Motor Klassik 05/2012.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.
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