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Pininfarina Rossa auf Ferrari-Basis

Der Pininfarina Rossa ist ein Einzelstück auf Basis des Ferrari 550 Maranello. Über die niedrige Frontscheibe weht nicht nur vehement der Fahrtwind, sondern auch eine gehörige Portion Nostalgie.

26.10.2001

Was für ein Einzelschicksal: Der Pininfarina Rossa ist ein Einzelstück auf Basis des Ferrari 550 Maranello. Über die niedrige Frontscheibe weht nicht nur vehement der Fahrtwind, sondern auch eine gehörige Portion Nostalgie: Das Rossa-Konzept lehnt sich an die Rennwagen der fünfziger Jahre an. Damals war der Ferrari Testa Rossa der siegreiche rote Häuptling in der Langstrecken-Weltmeisterschaft.

Wird in Turin eine Neu-Inszenierung von Pininfarina und Ferrari aufgeführt, übertrifft dies sogar Premieren im Salzburger Großen Festspielhaus und auf Bayreuths Grünem Hügel. Denn im Orchestergraben mit dem Fassungsvermögen eines Motorraums spielt ein Ferrari-V12-Motor auf, und das Bühnenbild schwelgt im Rausch der Farbe Blutrot, im Fachjargon rosso corsa genannt.

Seit Battista Pininfarina und Enzo Ferrari 1951 auf neutralem Boden zwischen Turin und Maranello, in Tortona, ihre Zusammenarbeit vereinbarten, werden neue Ferrari-Modelle mit dem Pininfarina-Zeichen an den Flanken nur noch von einem übertroffen: den Einzelstücken auf Ferrari-Basis.

Die Liste begann 1953 mit einem Ferrari 342 America Cabriolet für den belgischen König Leopold. Die nächste Einzelanfertigung, ein Ferrari 375 MM, den Regisseur Roberto Rossellini 1954 Ingrid Bergmann verehrte, erhob ein Kunst-Stück zur Kult-Reihe.

Spätestens 1989 war daraus ein Mythos entstanden, der gleichnamige Pininfarina-Prototyp. Der zweisitzige Mittelmotor-Barchetta stilisierte damals die Idee zum 1995 realisierten F 50.

Nun also Rossa, der Rote - ein Zweisitzer mit den Antriebs-Aggregaten des 550 Maranello und den Strömungsverhältnissen eines Sturmtiefs über der Biskaya. War beim Mythos die riesige, flache Windschutzscheibe noch so bis vor den Scheitel gezogen, dass Unterdruckturbulenzen gerade den Hinterkopf kitzelten, so reicht die kurze, steile Rossa-Scheibe bis zur Nase.

Der Fahrtwind weht den Insassen derart den Skalp ins Genick, dass sich der Name Rossa auch Farbenblinden erklärt: eine Rothaut auf dem Kriegspfad gegen den Stamm der Warmduscher in den Luxus-Roadstern mit Windschott. Der Rossa ist eine Empfehlung an die Figaros, die Haare seiner Piloten wieder wie in den fünfziger Jahren zu schneiden: kurz und nach hinten, wie bei der Schar der Werksrennfahrer von Dan Gurney über Luigi Musso bis Phil Hill, die 1958 mit dem Testa Rossa-Rennwagen die Langstrecken-WM bestritten.

Aus der progressiven Perspektive der siebziger und achtziger Jahre gesehen, ist der Rossa ein Salto rückwärts, ein Frontmotor-Barchetta ohne Verdeck und ohne Kofferraum.

Doch was ist im Jahr 2000 überhaupt noch zu erfinden an so genannten Konzept-Studien? Die Themen sind erschöpft und ausgereizt, weil doch jede fahrbare Form zigmal erfunden worden ist - vom Flachmann bis zum Freizeitwürfel - und das Gros der Serienautomobile trotzdem noch auf Raum- und Proportionskonzepten beruht, die seit den fünfziger Jahren gelten.

Pininfarina hatte nach dem Mythos in den letzten Jahren politisch korrekte Pflichtübungen entworfen: die Betroffenheits-Studien zu den Alibi-Themen alternative Antriebe (Ethos 1 bis 3) und Microcar (Metrocubo). Für den Turiner Automobilsalon und das 70-jährige Firmenjubiläum in diesem Sommer war endlich wieder ein Machtwort zu den Grundwerten fällig: je eine Überdosis Hubraum und Fahrtwind.

Der Rossa-Innenraum sieht aus, wie man sich ein Ferrari-Cockpit erträumt. Speziell dann, wenn man an einem heißen Sonntag Schumi beim GP über die Schulter schaut und dann auf dem Sofa einnickt, einen Bildband mit alten Ferrari im Schoß.

In der Hand ein Lenkrad, das mit abgeflachten Ober- und Unterteilen an aktuelle Formel 1-Steuerungen erinnert. Im unteren Blickfeld den doppelten Drehzahlmesser: einen Leuchtdiodenbalken im oberen, abgeflachten Teil des Lenkrads und dahinter eine verchromte Analoguhr mit einer Skala von null bis zehn, aber ohne roten Bereich.

Denn der wahre rote Machtbereich beginnt direkt hinter dem Instrumententräger. Ohne Klappen oder Hauben für Motor- und Kofferraum ist die Rossa-Karosserie wie ein hautenger roter Strumpf über Kühler, Räder, Motor und Tank gespannt. Die Kotflügel spannen sich unter dem Rot wie austrainierte Muskeln. Sicken und Linien erinnern an geschwollene Adern.

An einer delikaten Stelle ist das Rot mitten im Rossa aufgeplatzt und gibt zwei verchromte Deckel und eine kohlefaserverstärkte Abdeckung frei, die jeweils die darunter befindlichen Zylinderbänke und den Einspritzteil im Winkel des V stilisieren. Pininfarina möchte dies als Zitat verstanden wissen. Früher stießen bei Formel 1- und Rennsportwagen mit Frontmotor die Ansaugstutzen der Vergaser durch die Motorhaube, heute lassen sich nur noch Attrappen über den Einspritzsystemen freilegen. Immerhin nutzt der Rossa diesen Effekt im historischen Sinn für eine niedrigere Front. Die Chrom- und Kohlefaserdeckel wirken wie Tomaten-Ketchup auf getrüffelten Spaghetti: amerikanisch.

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