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Plymouth Superbird im Fahrbericht

Vom Road Runner zum Aerowarrior

Plymouth Superbird, Heckansicht Foto: Arturo Rivas 23 Bilder

Der Plymouth Superbird wurde im Jahr 1970 für die Highspeed-Ovale Daytona und Talladega gebaut. Als Basis diente das Big-Block-Muscle-Car Plymouth Road Runner. Schrille Verkleidungen an Front und Heck machten machten ihn zum „Aerowarrior“.

16.12.2014 Franz-Peter Hudek Powered by

Too much, der Plymouth Superbird ist einfach too much. Diese angepappte Nase, dieser Heckflügel, der sich höher als das Dach über dem Kofferraumdeckel breitmacht. Und dann diese schmalen Reifen, die sich fast unter der 5,6 Meter langen Coupé- Karosserie verstecken. Ist das ein Filmauto? Oder das Auto eines wahnsinnigen Bastlers? Mensch, mach die Augen auf, da hinten steht's doch dran: Ganz groß „Plymouth“ und seitlich auf dem Heckflügel „Road Runner Superbird“. Kennst du den?

So oder so ähnlich denken und unterhalten sich die Typen mit ihren Bierflaschen in der Hand, die an der Kultkneipe „Palast der Republik“ das Defilee der Nachtschwärmer- Autos abnehmen. Auch auf der anderen Straßenseite, an den Tischen von „El Chico“, dem Mexikaner, provoziert unser vorbeigleitender Plymouth Superbird vor allem staunende und ratlose Gesichter. Kopfschüttelnd wenden sich die Gäste wieder ihren Burritos und Tacos zu, als wäre gerade ein entlaufener T. Rex vorbeigetrampelt.

AMG und Ferrari sind Standard, der Superbird ist schrill

Was man hier an einem warmen Sommer- Samstagabend entlang der Stuttgarter Theoder-Heuss-Straße mit ihren Restaurants und Bars eigentlich erwartet, sind grollende AMG-Mercedes und kreischende Ferrari. Dazwischen das Reifenpfeifen von getunten Golf und Dreier-BMW, vielleicht eine alte Corvette und den einen oder anderen modernen Mustang oder Camaro. Unser riesiger, ruhig dahinrollender Plymouth Superbird entspricht deshalb nicht so richtig dem Beuteschema der Schaulustigen. Und außerdem: einfach too much.

Als wir in der benachbarten Stephaniestraße vor der Gloria-Passage parken, nähern sich doch einige Interessierte mit ihren Handys, machen Fotos und stellen uns die entscheidende Frage: „Ist denn der überhaupt original?“ Und dann kommt meine Antwort – und ich kann vielleicht sogar die ganze Geschichte von diesem wohl verrücktesten US-amerikanischen Serien-Sportwagen aller Zeiten erzählen: „Klar doch, den konnte man so in Amerika kaufen. Plymouth hat 1.935 Stück von dem Superbird gebaut, um damit Autorennen zu fahren.“ Dann die Frage aller Fragen: „Hat der einen Big Block?“. Ich antworte: „Ja, den hat er auch, 7,2 Liter“. Und das reicht jetzt als Basis- Info zu unserem Plymouth Superbird. Ein Big Block ist immer super. „Geiles Auto“, meint deshalb der Bewunderer, reckt seinen Daumen hoch – und tschüss.

Dabei gäbe es viel Interessantes und Unglaubliches über diese „Aerowarriors“ zu berichten, wie der Plymouth Superbird und sein optisch fast identischer Vorgänger Dodge Charger Daytona in den USA respektvoll genannt werden. Dass zum Beispiel Charlie Glotzbach 1969 in einem rennmäßig vorbereiteten Dodge Daytona mit Hemi-V8 während einer Testfahrt sagenhafte 243 Meilen pro Stunde schaffte, das sind stramme 391 km/h! Nur in Le Mans fuhr man damals auf der Hunaudières-Geraden etwas schneller. Die Qualifikationsrunde auf dem Talladega-Speedway absolvierte Glotzbach in 199,466 Meilen pro Stunde – rund 320 km/h. Mit offenen Seitenscheiben übrigens, wie es das Reglement verlangte.

Wettrüsten mit Erzfeind Ford

Die beiden Chrysler-Langnasen Dodge Daytona und Plymouth Roadrunner sind das Ergebnis eines knallharten Wettrüstens mit dem Erzfeind Ford. Die oberste Sportbehörde NASCAR (National Association for Stock Car Auto Racing), die für Rennen mit getunten Serien-Autos (Stock Cars) noch heute zuständig ist, erlaubt gro.zügige Veränderungen an der Technik und Aerodynamik nur dann, wenn auch eine bestimmte Anzahl an frei käuflichen Straßenautos damit ausgestattet ist.

Ford und Chrysler haben das schon lange mit ihren Motoren so gemacht. Neu war jedoch, dass Ford 1969 mit den Modellen Talladega und Mercury Cyclone Spoiler II zwei aeordynamisch eher behutsam optimierte Varianten ihrer Standard-Coupés Torino/Fairlane auf den Markt brachte, die auf der Rennstrecke den Dodge und Plymouth überlegen gewesen wären. Bei Chrysler wurde man deshalb derart nervös, dass man gleich aufs Ganze ging und den Dodge Charger mit Spitznase und Heckflügel ausstattete. Es entstanden 550 Stück. Die späte Rennpremiere am 14. September 1969 in Talladega endete mit einem Sieg.

Ein Jahr später brachte Chrysler den fast identischen Plymouth Superbird an den Start, um die Dodge Daytona zu unterstützen. Und endlich hat es Bob Isaac geschafft, mit seinem Dodge den NASCAR-Titel zu holen und die seit sieben Jahren anhaltende Ford-Dominanz zu brechen.

Immerhin wird hier entlang der „Theo“, wie die Theodor-Heuss-Straße in der Szene genannt wird, unserem Aerowarrior mit angemessenem Respekt begegnet: Keines der anderen Promenadenautos fordert uns unterwegs und vor roten Ampeln zu irgendwelchen Leistungsvergleichen auf. Der Plymouth Superbird ist einfach zu abgehoben, zu überirdisch, too much.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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