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Fahrt mit dem Rekordfahrzeug Radical SR8

Nordschleifen-Rundenzeit von 6:48 Minuten

Heftinhalt sport auto-Ausgabe 10/09 Zeitschrift Foto: sport auto 38 Bilder

Wie der Radical SR8 - so muss ein Sportwagen sein: Erst den Rundenrekord auf der Nürburgring-Nordschleife pulverisieren und dann von sport auto zum Eis essen nach Adenau gefahren werden. Der Radical SR8 macht's möglich.

02.12.2009 Markus Stier Powered by

Michael Vergers schüttelt den Kopf: "Ich dachte immer, das hier ist eine Rennstrecke, aber das stimmt ja gar nicht. Ich war mehr in der Luft als am Boden." Vier Jahre, nachdem der holländische Sportwagen-Profi mit einem Radical SR8 einen neuen Nordschleifenrekord aufgestellt hatte, erinnert er sich nur noch vage an die unzähligen Bodenwellen des Eifelkurses.

Radikale Mittelmotorrakete aus England
 
Mit ausgehängten Stabis und etwas steilerem Heckflügel geht er auf die zweite Aufwärmrunde. Bei seinem Untersatz ist der Name Programm. Die kleine Firma Radical aus dem ostenglischen Peterborough ist spezialisiert auf extrem leichte Gitterrohrrahmen-Renner, die eigentlich für Sportprototypen-Rennen gebaut werden. Doch legen die Firmengründer Phil Abbott und Mick Hyde großen Wert darauf, dass ihre Autos auch für die Straße zugelassen sind. Eine der Mittelmotorraketen rollt laut Deutschland-Importeur Christian Droop durch Tokio, eine durch Italien. Nur die deutsche Ordnungsmacht hatte bisher ihre Berührungsschwierigkeiten. Einige Radicals waren der Polizei zu radikal und wurden stillgelegt.
 
"Seit 31. März erfüllen wir die europaweiten Zulassungskriterien", sagt Droop. Zur Demonstration rollte das Rekord-Auto laut Firmenleitung auf Achse zur Nordschleife. Dort angekommen senken die Mechaniker für den Rennstreckenbetrieb das Fahrwerk um 20 Millimeter ab. Gegenüber 2005, als der Radical SR8 mit 6:56 Minuten bereits eine Fabelrunde hinlegte, präsentiert man sich technisch deutlich aufgerüstet.
 
Zwei Suzuki-Motorrad-Vierzylinder als Antrieb

 
Das Transaxle-Getriebe ist nun mit Wippenschaltung ausgestattet, Dämpfer und Reifen sind verbessert. Vor allem aber sorgt der Motor für deutlich mehr Schub. Der aus zwei Suzuki-Motorrad-Vierzylindern mit selbst entwickeltem Kurbelgehäuse zu einem V8 verheiratete Powertec leistet mit überarbeiteter Motorelektronik in einer von 2,6 auf 2,8 Liter aufgebohrten Version im Radical SR8 nun 460 statt 350 PS. Derart angeschoben knackt Vergers schon in seiner ersten ernsthaften Rekordrunde die alte Bestzeit um fünf Sekunden.
 
Kurz vor Streckenschließung an diesem sonnigen Augustabend entschließt man sich zu einem weiteren Versuch. Auf einen Reifenwechsel verzichtet Vergers großzügig. "Ist das die Art, wie hier sonst geschummelt wird? Das hier ist doch ein Serienauto", sagt er grinsend, schiebt den Kaugummi in die andere Backe und legt los. Bei 6:48,28 Minuten bleibt die Zeitmessung stehen. Mick Hyde ist erleichtert: "Jetzt brauche ich erst mal ein Bier."
 
Die Rennrakete beim Test der Straßentauglichkeit
 
Während Teamleitung und Mechaniker ihren Rekord feiern, rückt der Renner zum Ausflug aus. Im offenen Cockpit festgeschnallt, Kippschalter für Zündung und Benzinpumpe umgelegt, der doppelte Hayabusa-Motor per Knopfdruck angeworfen, im Blick die zwei Kunststoffradhäuser mit ihren Entlüftungsschlitzen fühlt sich alles in diesem Gerät nach extremem Rennauto an. Lediglich der Ausblick passt nicht. Die Döttinger Höhe liegt rechts hinter der Leitplanke, der Radical SR8 rollt davor auf der Landstraße und biegt links nach Breitscheid ab. Auch der Blinker wird per Kippschalter betätigt. Mal abgesehen von der bissigen Kupplung und der noch auf Rennstrecken-Niveau eingestellten Bodenfreiheit erweist sich die Rennrakete als erstaunlich straßentauglich.
 
Staunen ist auch der einzig passende Ausdruck für die Besatzung des Eiscafes Venezia in Adenau. Abgesehen von dem wichtigtuerischen Typen, der im Fahreranzug eine Waffel mit drei Kugeln Mokka, Karamell und Kokosnuss bestellt, hatten sie kurz zuvor eine weiß lackierte Erscheinung, die sich tief an den Asphalt geduckt zum Marktplatz schlich. Ein paar neugierige Ring-Pilger scharen sich schnell um Eis und Auto. Einer liegt schon mit der Wange auf der Straße und begutachtet den marginalen Abstand zwischen Bodenplatte und Pflastersteinen. "Wo hast du das Ding denn her?" fragt der andere, und das ist natürlich genau die Frage, auf die man als freier Radicaler gewartet hat. "Och, das Ding ist gerade einen neuen Rekord auf der Nordschleife gefahren, und jetzt machen wir einen kleinen Ausflug." "Du machst Spaß", sagt der eine. "Ich scherze nie", sagt der sich genüsslich mit fremden Federn schmückende Tester und lässt gemächlich die fünf bedeutungsvollen Silben "sechsachtundvierzig" über die Zunge rollen.
 
700-Kilo-Leichtgewicht mit 460 PS
 
Die Ring-Gäste und Adenauer werden tief beeindruckt zurückgelassen. Auf der Bundesstraße hinter Quiddelbach darf der Radical SR8 auch mal für ein paar Sekündchen zeigen, was er denn könnte, wenn die Straßenverkehrsordnung dies zuließe. Jenseits von 6.000 Touren marschiert das 700-Kilo-Leichtgewicht derart los, dass es nicht nur den Kopf nach hinten reißt, sondern durch den Luftzug auch den Helm nach oben. Leider ist gerade kein Trecker da, den man in geschätzten zwei Sekunden mit einer kurzen Zickzack-Bewegung überfallen könnte. Die Polizei hat uns nicht bemerkt, aber man müsste mal das Straßenverkehrsamt anrufen und bitten, am Nordschleifenausgang Wegweiser nach Le Mans aufzustellen. Ein Navi-System hat der Radical SR8 nämlich nicht.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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