Rinspeed Chopster: Chop-Gipfel

Vielleicht ist er der Gipfel der Extrovertiertheit: der Rinspeed Chopster, ein vom Schweizer Tuner Rinspeed in Kleinserie produzierter, 600 PS starker Porsche Cayenne mit deutlich reduzierter Dachhöhe und einem luxuriösen Renntourenwagen-Interieur.

Nur selten lässt sich ein echter Zürcher auf der Straße den Kopf verdrehen. Von wahlschweizerischen Prominenten wie Tina Turner oder Nick Heidfeld jedenfalls nicht; sie scheinen ebenso selbstverständlich von der Straße verschluckt zu werden wie Nobelkarossen und Supersportwagen. Erst der Rinspeed Chopster reißt die Bewohner aus ihrer beschaulichen Ignoranz.

Massig, mächtig und gedrungen bricht der Metropolen-Streetfighter durchs städtische Unterholz, rauscht durch Alleen, walzt über Prachtstraßen, rekelt sich muskelbepackt vor den teuersten Auslagen. Ein Protz, den nicht einmal das weltmännische Auge zuordnen kann, der allerdings mit seiner unübersehbaren Präsenz sofort signalisiert, wie exorbitant teuer, exklusiv und abgehoben er ist. Fast nur noch seine vorderen Scheinwerfer verraten von seinem Leben vor der Metamorphose, als er ein Porsche Cayenne Turbo war.

Frank Rinderknecht, der eidgenössische Querdenker und Macher von Rinspeed, hat Porsches Idee konsequent zu Ende gedacht: die eines statusbewussten Sportwagens im Offroad-Look. Ein Muscle-SUV, das garantiert niemals mit niederen Tätigkeiten im Gelände belästigt wird.

Gemeinsam mit Zulieferer Edag unterzog Rinspeed den Cayenne einem karosseriechirurgischen Kraftakt, nahm ihm seine Hochbeinigkeit, schenkte ihm eine Art 911-Taille, liftete seine Glubschaugen, setzte den Aufbau um rund vier Zentimeter tiefer – und das Dach um sieben. Dafür wurden sämtliche Dachsäulen gekappt, die Statik neu berechnet und andere Fensterscheiben geformt. Im amerikanischen Auto-Kulturkreis spricht man dabei von choppen (hacken), woraus sich der Name des Boliden herleitet: Chopster als Mix aus choppen und der bei Porsche gebräuchlichen „ster“-Endung.

Insgesamt 120 Teile karossieren den Cayenne um. Sie sind bei den ersten beiden Kleinserienautos noch aus GfK-Composite; spätere Exemplare werden jedoch Blech-Kotflügel erhalten sowie Front- und Heckschürzen aus PU-Rim, einem nachgiebigen Kunststoff. Es entsteht ein Koloss, der seinem Eigentümer Superstar-Charakter verleiht – selbst blasse Typen werden damit die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Der Chopster fällt auf

Wer sich für dieses Ereignis entscheidet, fällt auf wie ein Gangsta-Rapper in einer Dorfkirche: kaum ein Auto, das Geltungs-Bedürfnisse stärker befriedigt, finanzieller Potenz drastischer Ausdruck verleiht,den Blick der Massen magnetischer dirigiert. Dieser Ego-Schub sollte dem Superreichen mindestens 325.000 Euro wert sein – rund 100.000 Euro mehr als ein voll ausgestatteter Cayenne Turbo. Stummes Missfallen erntet der extrovertierte Luxus-Leib selten; meist wird das Interesse unverblümt vorgetragen. Ungläubiges Kopfschütteln, ratlose Denkerposen, hilfesuchende Blicke aufs Emblem.

Das nicht gerade kalorienarme Design mit dem Bentley-Hüftknick, den überbordenden Kotflügeln oder den lächelnden Frontkiemen liefert jenen Charakter, den das Original vermissen lässt. Dazu die samtig-matte Lackierung, die ungenierte Hände magisch anzieht. Sie streicheln die wie von einem Gebirgsbach weich geschliffenen Rundungen. Neugierige Blicke durch die abgedunkelten Scheiben sprechen Bände: Ob da wohl ein Moskauer Mafioso reist, ein Ölprinz oder gar ein Hollywood-Star?

Wer dem Chopster auf die Pelle rückt, entdeckt einen Innenraum-Mix aus luxuriös-urbanem Ambiente und Renntourenwagen: Eine barartige Mittelkonsole aus Carbon schwebt über dem Getriebetunnel. Sie beherbergt eine Multimedia-Anlage. Kohlefaser sowie Wildleder ummanteln das Lenkrad mit diversen Griffmulden. Statt einer Rücksitzbank empfangen zwei anschmiegsame Sportschalen die Fond-Passagiere. Der ausgebeulte Dachhimmel im Fond erinnert an die Rennversion des Ford GT 40 – nur dass man das Race-Feeling im Chopster wie im zweiten Stock empfindet. Denn obwohl die Karosserie tiefer sitzt und die Schalensitze knapp über dem Fahrzeugboden kauern, nimmt man noch immer vanartig hoch Platz. Die Decke fällt über 185 Zentimeter großen Fahrgästen buchstäblich auf den Kopf – Nachteil des Flachdachs.

Nichts zeugt von einem Geländewagen

Nichts zeugt jedoch von einem Geländewagen – schon gar nicht der Motor. Zwar war der Autor noch mit den alles andere als kärglichen 450 PS des Serien-Triebwerks unterwegs, doch erst der Rinspeed-Kunde wird mit 600 PS und 790 Nm Furchen in den Asphalt fräsen können. Dem 4,5-Liter-Biturbo-V8 eine solche Leistung abzutrotzen, setzt umfangreiche Arbeiten an Turboladern, Ladeluftkühlern und Auspuffanlage voraus. Letztere ist bereits modifiziert.

Schon bei Stadttempo bollert sie in bester amerikanischer Big-Block-Manier, Vollgas löst ein wahres Soundbeben aus. Ein Poltern, ein Schreddern, ein Schnarren. Da wird jeder Zwischenspurt zum Erlebnis – und der Frust vor der roten Welle zur Lust. So unangestrengt leichtfüßig sich der Koloss in Lücken katapultiert, so ungelenk dreht er aus der Hüfte. Ein Grobdynamiker, der in die Kurve gezwungen werden will – auch wenn die Reifen letztendlich ihre Lamellen tapfer in den Asphalt krallen. Schnellfahren erinnert an Truck-Grand Prix, da hat sich zum Cayenne wenig geändert.

Das erste von derzeit zwei verkauften Exemplaren wird in Kürze ein Russe durch das sibirische Nowosibirsk wuchten. Seinen Chopster haben ihm drei finanzstarke Freunde zum 50. Geburtstag geschenkt. Nur ein Wunsch blieb auch für Geld und gute Worte unerfüllt: der nach Winterrädern und Spikes – die gibt es im 23- Zoll-Kaliber noch nicht.

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Marcus Peters

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