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Ruf R Spyder

Abenteuer Wildnis

Foto: Rossen Gargolov 18 Bilder

Kein Verdeck, Stummel-Frontscheibe, 355 PS und 911er-Punch: Der Ruf R Spyder ist ein Sturmsauger, Lustobjekt, Traumwagen, ein Carrera GT im Miniformat und ein Spyder, den sogar James Dean akzeptiert hätte.

13.10.2005

Ein stabiles Hochdruckgebiet. Glückliche Fügung. Perfektes Timing. Volltreffer. Gerade jetzt ist der Ruf R Spyder fahrfertig. Jetzt, da sich die Jahreszeiten entschieden haben, doch nicht vom Frühjahr direkt in den Herbst zu wechseln. Sommer, zumindest für ein paar Tage. Der R Spyder braucht ihn: Er hat kein Verdeck, ist nur in der regenfreien Zeit lebensfähig. Kein Hardtop, kein Stofffetzen, kein Abdeckhäubchen - einfach oben ohne. Entblößt, so wie ihn Alois Ruf und Alfredo Stola schufen.

An einem dieser seltenen wohltemperierten Tage gibt es kaum einen größeren Verführer. Im R Spyder startet der Sommer von der Pole-Position, mit Vollgas, unaufhaltsam. Kein Dach, wenig Frontscheibe, nur der Schutzfaktor zehn stellt sich der Sonne entgegen. Die Luft flirrt, man lässt sich elektrisieren. 100 Prozent Hingabe an den Cabrio-Genuss.

Der R Spyder saugt die Sonnenstrahlen auf, intensiviert ihre Wärme. Sie flutet das Herz und macht Büro-Hektiker kurzzeitig zu ausgeglichenen Menschen, in Beschlag genommen von einer Leichtigkeit ohne Raum- und Zeitgefühl. Was auf den ersten Blick wie ein getunter Boxster aussieht, ist eine Gnade in diesem Bonsai-Sommer, der niemals mit dem Koppelwort "Jahrhundert“ in Verbindung gebracht werden wird. Der Ruf ist mehr als ein offener Porsche - ein Spyder, den sogar James Dean akzeptiert hätte.

Vor dem Gewinn an Cabrio-Lust steht ein Verlust.

Alois Ruf, der bayerische Porsche-Transformator, beraubt mit Alfredo Stola vom italienischen Karossier Studiotorino den Boxster um einiges mehr als das Verdeck: Die Frontscheibe verliert eine Handbreit an Höhe, die Seitenscheiben die Hälfte ihrer Existenz, der hintere Kofferraumdeckel seine dritte Bremsleuchte, die Überrollbügel ihren Windschutz. Bis auf den linken Front-Kotflügel bleibt bei dem Umbau kein Blechteil unangetastet, sogar die äußeren Türgriffe fallen weg - man muss zum Öffnen die inneren betätigen.

Gestreckt taucht der R Spyder unter flüchtigen Blicken weg, der Betrachter muss sich eine Etage tiefer justieren. Die Front: radikal-schaufelnde Aggressivität. Der Rücken: flächige Spannung. Die Kotflügel: schwellender Sex. Geradezu aufreizend lockt die zu den Rücklichtern pfeilende, dunkel abgesetzte Dreiecks-Lackierung à la Porsche 550 Renn-Spyder. Diese Exaltiertheit macht den knallorangefarbenen R Spyder zu einem Carrera GT im Miniformat.

Die belederten Carbonschalen von Toora im GT3-Stil umschließen den Körper bis hoch zum Kopf, halten den Nacken auch ohne Windschott zugluftfrei. Unauffällig, stilistisch unverfänglich und ohne Warmduscher-Verdacht. Die Sitze sind tief und nach hinten gekippt eingebaut, zwingen XL-Fahrer in den Rundrücken. Sie fühlen sich im R Spyder wie Thomas Magnum: Ihr Schopf ragt über den Scheibenrahmen hinaus wie der des TV-Detektivs im Ferrari 308 GTS. Doch Magnum schien dabei nie unglücklich. Auch der R Spyder-Fahrer hat dazu keinen Grund. Mehr Luft und Licht durch niedrigere Scheiben, kaum Verwirbelung, kein Saugglocken-Effekt bei Tempo-Exzessen - Respekt für die gelungene aerodynamische Ausführung.

Dennoch lässt sich der R Spyder voll auf seine Umwelt ein statt sich zu distanzieren wie eine gekapselte Luxuslimousine. Einziges Hilfsmittel zur Beeinflussung des Ruf-internen Mikroklimas ist die Heizung, die auf höchster Stufe selbst einem kalten August Sommernachtsfantasien entlockt. Ein Roadster bis ins britische Extrem. Ohne Dach, ohne Alltagsnutzen, ohne Vernunft. Dafür mit dem Versprechen zu ungewohntem Tatendrang. Das Weniger an Scheiben- Barrikade wird zum Mehr - mehr Tuchfühlung zur Natur: dem Ruf der Sonne folgen, den warmen Windschwall über den Scheitel streichen lassen, sich durch Heu-Aroma und Landluft wühlen und in der Abendmilde baden. Bald stellt sich die Frage: Geben die feuchten Augen Zeugnis über Windstärke oder Fahrfreude?

Oder veranlasst sie ganz einfach der Niederschlag eines Sommerregens? Schließlich ist der Ruf stets wetterfühlig, an guten wie an schlechten Tagen. Doch Schauer machen den Spyder nicht zwangsläufig zum Whirlpool. Die elektrisch ausfahrbaren Seitenscheiben-Stümpfe vollenden den bogenförmigen Schwung der Türen und stellen sich Wetterlaunen effektiv in den Weg - ab Landstraßentempo sogar dem Regen als natürlichem Feind des verdecklosen R Spyder.

Ergreifendstes Revier sind Waldgebiete.

Die Bäume schmettern ein mehrstimmiges Auspuff-Echo zurück. Wildkatzen- Fauchen durch einen Verstärker gejagt, ähnlich einem durchbeschleunigten Porsche Turbo. Doch der Ruf- Motor ist ein Sauger: der 3,8-Liter aus dem Carrera S. Damit könnte der R Spyder den Traum vieler Boxster-Fahrer erfüllen - Mittelmotor-Behändigkeit gepaart mit dem 911-Punch. Geschaltet wird klassisch aus dem Handgelenk - der Spaß des selbstbestimmten Gangwechsels als Herausforderung der perfekten Abfolge: die butterweiche Synchronisation aus Kupplungs-Step und Rechte-Hand-Zug. Durchreißen ohne den Widerstand rastender Zahnräder. Die Schaltzeiten motorradkurz, vernachlässigbar. Nicht einmal der Beifahrerkopf wippt. Wer verlangt bei einem derart modifizierten Getriebe noch nach einer sequenziellen Paddel-Variante?

Harmonisch, ruckfrei und kraftvoll. Da steht die Sechsgang-Box stellvertretend für den R Spyder. Auch beim Fahrwerk müssen die Ruf-Männer gezaubert haben: Es ist wenig übrig geblieben vom auf der Kippe balancierenden Mittelmotor-Charakter des Boxster. Nichts ist davon zu spüren, dass der 911-Heckmotor 180 Grad um sich selbst verdreht eingebaut ist, man den 3,8-Liter sozusagen rückwärts bewegt. Die Abstimmung setzt den Piloten nie unter Druck, gewährt ihm die Freiheit, eine unübliche Kurvenlinie zu wählen. Vertrauensselig früh wendet sich der Fulda Carat Exelero an den Fahrer, wenn der Grip weicht, lässt ihm Raum für Lenkungskorrekturen oder angedeutete Drifts.

Körper und Geist im schwärmerischen Einklang. Bis man erst Alois Ruf kontaktiert hat, um die Konditionen zu erfragen. Dann gerät die Harmonie ins Stocken. Vom R Spyder (355 PS) sowie dem RK Spyder mit 420 Kompressor-PS sollen maximal 49 Stück verkauft werden. Viel mehr werden es wohl auch nicht werden bei Preisen ab 185.600 Euro. Es gilt das ungeschriebene Gesetz der Luxus-Konsumwelt: Irgendwann wird das Mehr an Output nur durch einen unverhältnismäßig hohen Input erzielt. Im Falle des Ruf R Spyder muss man sich den dachfreien Klimaforscher also drei gut ausgestattete Porsche Boxster kosten lassen. Glücklich, wer sich diesen Sommer-Verstärker leisten kann.

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