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Sardinien - Stuttgart im Fiat Panda 45

Foto: HPS, Beate Jeske 16 Bilder

Von zweien, die auszogen, einen Fiat Panda der ersten Serie zu finden, zu retten und im ewigen Straßenbild der Kunst zu verankern.

30.10.2008 Malte Jürgens Powered by

Die Erkenntnis wird im Tunnel ohne Vorwarnung komprimiert, erreicht den oberen Totpunkt und zündet: Da stimmt doch was nicht. Der Panda, der uns seit 14 Stunden gehört, besitzt keine Warnblinkanlage. Trotzdem flimmern plötzlich alle vier Blinker. Noch weist die Tunnelbeleuchtung den Weg, aber hinter dem gemütlichen Durchbruch herrscht wieder dunkelgraue Nacht, und aus der klatscht Regen herunter wie ein Wasserfall, seit Stunden schon. Natürlich ist Sekunden später auch für den Scheibenwischer Schicht, alle Glühlampen sind bei später gemessenen 34 statt 12 Volt Spannung hochgegangen.

Nur der Motor läuft noch. Als der Fels uns gegen fünf Uhr früh aus der engen Röhre wieder in eine trübe Dämmerung spuckt, verliert die lichtlose Fuhre zunächst die Orientierung. Der Professor auf dem Nebensitz schreckt aus dem Halbschlaf und wähnt sich unvermittelt auf dem Highway to hell: „Stoooopp!“ Der Panda versteht. Prompt setzt auch noch der Motor aus. Die Standspur ist nur wenig breiter als die 146 Zentimeter des kleinen Fiat. Rechts hinter der Leitplanke geht es schätzungsweise 100 Meter im freien Fall in die Tiefe, Aufschlag dann auf der Landstraße nach Sterzing; links rauschen diese 40-Tonner bergauf, mächtig wie rollende Wolkenkratzer, und pusten dabei eine Druckwelle vor sich her, die den Panda jedes Mal umkippen will.

Eine Art Jack Ass für Akademiker

Hatte ich schon erzählt, dass es in Strömen gießt? „Okay“, sage ich zum Professor und versuche, die Nerven zu behalten, „okay, jetzt ist es also Zeit für den Notfallkoffer und die Warnwesten. Wo sind sie?“ Fragen erzeugen manchmal Gegenfragen: „Welchen Notfallkoffer? Welche Warnwesten? Hast du nichts dabei, eigentlich solltest du doch was dabei haben.“ Kurzes Überlegen, mit welcher List der Beifahrer wohl zum Sprung über die Leitplanke zu veranlassen sei. Irgendwie, sagt der wieder zu sich gekommene Professor, erinnere ihn diese surreale Situation an eine Art Jack Ass für Akademiker. Ich nicke.

Aber der Professor hat mit dem Schlamassel schließlich angefangen, damals 2006 in Rovereto, bei der Ausstellung Mito Macchina. 70 wunderbare Automobile waren da zu sehen, darunter ein weißer Fiat Panda der ersten Serie, allerdings nur als Design-Klotz. Ein echtes, wahres Exemplar dieser Gattung war damals nicht aufzutreiben. Dann die Modefarbe Weiß, neue Auto-Ästhetik, und plötzlich die Idee: Wir brauchen einen weißen Panda der ersten Serie. 2007 wird Italien durchstreift, von den Alpen bis nach Sizilien: Weiße Panda der Serie I sind praktisch nicht mehr zu finden.

Im italienischen Auto-Magazin „Quattroruote“ erscheint eine Seite mit einer Mischung aus Story und Vermisstenanzeige. Ein Leser meldet sich: Er habe vor acht Jahren auf Sardinien einen weißen Panda Baujahr 1980 in einem Hühnerstall abgestellt, und falls der noch da sei, könne der Herr Professor das Auto gerne haben. Holen müsse er es aber selbst. Einen Panda auf Sardinien nach acht Jahren benzinloser Stille wieder zu exhumieren, Bremsen und Licht in Stand zu setzen und dann auf der Achse nach Stuttgart zu fahren, für solche Stunts lebt der Professor seit seinen frühen Lotus-Jahren.

Das Erkennungsmerkmal ist das Grillblech in der Front

An dieser Stelle passt ein sentimentaler Blick auf die Geburt des Panda als mittleres Kind zwischen Fiat 126 und 127. Ende der Siebziger Jahre entwirft Giorgetto Giugiaro in der Wärme seiner sardischen Sonmerresidenz ein kompaktes Schrägheck-Auto mit zwei Türen und einer Heckklappe – leicht, billig und sparsam, dabei aber extrem variabel im Gebrauch. Debüt Genfer Salon 1980. Wahlweise wird der Panda von dem Zweizylinder-Motörchen aus dem Fiat 126 mit 30 PS angetrieben oder vom drehfreudigen 98-Oktan-Vierzylinder mit 903 Kubikzentimetern, der 45 PS bei tapferen 5.600 Touren leistet.

Das Erkennungsmerkmal der Varianten ist das Grillblech in der Front: Sitzt der Kühllufteinlass beim In-die-Augen-schauen links und das Fiatschild rechts, heißt das 30 PS. Die stärkere Version trägt das Blech um 180 Grad gedreht. Der Vierzylinder hat mit den 700 Kilogramm Leergewicht nicht viel Mühe, und der Panda wird ein munterer, wirklich großer Wurf. In fast 24 Jahren Bauzeit, von 1980 bis 2003, entstehen bei Fiat nicht weniger als 4.491.349 Exemplare, zuletzt vermehrt in Form des von Steyr-Puch gebauten Allradmodells.

Die Fiat-Baureihe 141 wird ein Hammer, der mit 30 PS exakt 115 km/h auf den Asphalt nagelt, mit 45 dann schon 140. Überzeugend das funktional-schlichte Interieur: Es dominiert die Block-Bauweise mit Instrumenten-Block, optionalem Radio-Block und dem Aschenbecher, der als verschiebbarer Raucher-Block an der Vorderlippe des wagenbreiten Ablagetrogs hängt. Die Sitzausstattung der bis 1984 gebauten ersten Serie umfasst vorn zwei erstaunlich bequeme Rohrgestelle mit einem robusten Stoffbezug, der mit zwei Handgriffen abgezogen und in der Waschmaschine gereinigt werden kann, ebenso wie der Bezug des Ablagefachs und die hintere Sitzmatte mit ihrer total flexiblen Art von Liegestuhlbespannung.

Multifunktionaler Rücksitzes mit sieben Funktionen

Fiat nennt sieben Funktionen des multifunktionalen Rücksitzes – von Laderaumwand über Kindersitz bis hin zur Gepäckraumerweiterung. Am lustvollsten ist die Position fünf: Liegebett. Daran vergreift sich die ohnehin freche Werbung am liebsten. Ein Knirps lugt in einen roten Panda und fragt das in der tollen Kiste offensichtlich flachgelegte Pärchen: „Was macht ihr da?“ Die Panda-Werbung verdient überhaupt höchstes Lob. Kreativer Kopf hinter der bei Leo Burnett erdachten Kampagne war unter anderem Klaus Erich Küster, Texter der ersten Stunde. Er kam auf den Slogan „Die tolle Kiste“, womit ein mehr als zehn Jahre währendes Trommelfeuer begann, dessen Geist, Witz und Nachhaltigkeit beispielhaft ist.

Heute, da der 141 nicht mehr gebaut wird, wirbt Küster für Porsche. Die alte Panda-Idee ist dabei wieder brandaktuell, durch die weltweiten Rufe nach einer neuen, möglichst CO2-neutralen automobilen Einfachheit.

Manchmal allerdings kann auch das Einfache kompliziert sein. Der Panda, den es aus Olbia abzuholen gilt, sieht in der Tat bedauernswert aus. Durchrostungen an den Türen, an Front- und am Heckscheibenrahmen und im Dach demonstrieren plastisch, warum es nur noch so wenige Exemplare der ersten Serie gibt. Fiat gewährte einst Garantie nur für Blechlöcher „von innen nach außen“. Anders herum musste der Kunde selbst dicht halten.

Der Vierzylinder ruht unter einer dicken Patina aus Rost und Öl. Zu starten ist er mit einem kleinen Plastikknopf, dessen beide Stege im Ring exakt in die Nuten jener Konstruktion passen, die mal ein Zündschloss war. Doch er läuft. Eine Stunde vor Mitternacht übergibt die Fähre in Livorno den Panda samt Heimweghelfer an das Festland. Man sitzt nicht schlecht, genug Platz für zwei, der 0,9-Liter schnurrt lustig davon, die Getriebestufen passen verblüffend harmonisch zur Charakteristik des Motors. Mit dem Regen gedeihen auf der Autobahn auch die Zündaussetzer. In Carrara ist Schluss. Ohne Blick auf die Marmorbrüche wischen wir den Verteiler trocken. Vorsichtshalber nehmen wir jetzt die Landstraße.

Bei Verona, lange nach Mitternacht, ist Fahrerwechsel. Der Professor nickt auf der Plastiktüte des Beifahrersitzes sofort ein. Auf diesen Tüten sitzen wir seit der Abfahrt in Olbia. Dort wollten sie uns den Panda außen gesäubert übergeben, aber der Dampfstrahler ist stärker als die porös-blättrige Haut über den Durchrostungen, und so wird der Schaumstoffkern der Sitze ordentlich eingetunkt. Man sieht nichts, aber im Sitzen merkt man's. Es geht noch bis kurz hinter Bozen. Dann tritt der Ernstfall ein, womit sich diese Geschichte wieder ihrem Anfang nähert und beendet werden könnte. Wird sie aber nicht.

5,7 Liter Super Plus auf 100 Kilometer

Der Abschleppdienst ist einen Handy-Anruf später tatsächlich zur Stelle, winscht den Panda mit dem Professor und seinem Chauffeur an Bord auf die Ladefläche („Bleiben Sie um Himmels willen im Auto, Sie tragen keine Warnwesten, die Polizia ist da sehr streng!“) – und kaum eine Stunde später befinden sich Don Quichote und Sacho Panda auf dem Bahnhof von Bozen. Eine Woche später sind wir zurück. Eine andere Lichtmaschine vom Schrott tut Dienst wie die zehn neuen Glühlampen, fröhlich schnurrt der Fiat über den Brenner. Sein Verbrauch deckt sich mit den Werksangaben: 5,7 Liter Super Plus auf 100 Kilometer.

Die Panda-Reise mit Umwegen spricht sich herum bis in die Neue Sammlung der Pinakothek der Moderne. Professor Florian Hufnagel steht diesem weltgrößten Design-Museum vor und entwickelt eine Idee: Das kühne Projekt wird mit einer Ausstellung geadelt. Noch vor dem endgültigen Titel steht der Termin dafür bereits fest: Am 16. Oktober ist Vernissage, in der Münchner Neuen Sammlung der Pinakothek der Moderne, an der Türkenstraße 15. Unserem tapferen Panda wird damit nicht etwa ein Bärendienst erwiesen: Museumsreif ist er allemal.

Technische Daten
Fiat Panda 1000 L
Grundpreis6.642 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe3408 x 1494 x 1420 mm
KofferraumvolumenVDA270 bis 630 L
Hubraum / Motor999 cm³ / 4-Zylinder
Leistung33 kW / 45 PS (74 Nm)
Höchstgeschwindigkeit140 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h16,0 s
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