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Skoda 860

Heilix Tschechle - das Gutsherrenauto

Skoda 860 Foto: Reinhard Schmid 17 Bilder

Der Typ 860 zählt zu den Kronjuwelen des Skoda-Werksmuseums: Als letzter Überlebender seiner Art berichtet er aus den frühen Glamour-Tagen der tschechischen Marke. Das Auto hat in fast unberührtem Originalzustand überlebt.

16.10.2009 Christian Steiger Powered by

Die Rufmörder sind auch schon museumsreif, aber noch immer bei bester Gesundheit, jedenfalls hier in Mladá Boleslav, eine gute Stunde von Prag entfernt. Respektlos röhren sie auf der linken Spur der Ausfallstraße an ihm vorbei.

Der Skoda 860 ist ein Prachtwagen vom Schlag eines Rolls-Royce
 
Der Kühler des Skoda 860 zeigt in Richtung der Stadtgrenze: Er hat das stählerne Tor des Werksmuseums hinter sich gelassen und die langen Schatten der Plattenbauten nebenan. Jetzt demütigen ihn mit jedem Meter seine proletarischen Kollegen aus den 60er und 70er Jahren, die kleinen Heckschleudern vom Stamme MB 1000, 105 und 120. Sie lassen das Publikum vergessen, dass in den Skoda-Schauräumen auch einmal ein gutsherrschaftliches Automobil wie er stand.
 
Der 860er nimmt sein Schicksal wie ein Auto, das bei der Silvretta Classic ganz am Beginn des Starterfelds fahren durfte, zwischen den Rolls-Royce. Dem Publikum fiel das nicht weiter auf, sie applaudierten und hielten ihn für einen der anderen. Seine Kühlerfigur half ihm dabei, ein geflügelter Pfeil, den seine Pfleger vom Werksmuseum etwas respektlos „Henne“ nennen. Die formale Nähe lässt sich schwer leugnen, aber auf den zweiten Blick ist auch eine gewisse Ähnlichkeit zur Ekstase der Emily nicht allzu weit entfernt.
 
Ein Skoda also. Und ein Prachtwagen. Einer, der Leder nur auf der vorderen Sitzbank trägt, im Fond aber schwellenden goldgelben Plüsch. Tierhaut war verschleißfest und witterungsresistent, also gut genug für Chauffeure. Und die standen den 49 Käufern eines Achtzylinder-Skoda vermutlich kostengünstig zur Verfügung, weil seine kurze Karriere genau in die Zeit des Börsenkrachs fiel.
 
Es gab ihn deshalb nur zwei Jahre lang, von 1929 bis 1931. Optimistisch ließen seine Erbauer damals sogar deutschsprachige Prospekte drucken und legten sie im Verkaufssalon ihrer Berliner Niederlassung aus. Womöglich hat sich sogar einer ihrer Großwagen auf den Boden des kriselnden Reichs verirrt: Immerhin verwahrt das Skoda-Archiv bis heute ein Datenblatt der Deutschen Auto Treuhand. Ansonsten war es jedoch nicht besonders schwer für ihn, in Vergessenheit zu geraten: Es hing wohl auch damit zusammen, dass es fast genau 60 Jahre dauern sollte, bis die Marke des geflügelten Pfeils mit dem Super B wieder so etwas wie einen Chauffeurswagen bereit hielt.
 
Land der Erfinder: High-Tech-Nation Tschechien
 
Dabei konnten sie von jeher auch anders, schon vor seiner Zeit. Um die Jahrhundertwende zählte Tschechien zu den High-Tech-Nationen der Welt. Die Wasserturbine, die Schiffsschraube und der Blitzableiter waren tschechische Erfindungen. Und in Jungbunzlau, der provinziellen Kleinstadt vor den Toren Prags, dauerte es in diesem Klima des Aufbruchs nur zwei Jahrzehnte, bis aus einem Kleinbetrieb zur Montage von Fahrrädern ein führender Hersteller von Automobilen und Motorrädern geworden war.
 
Zur Zweirad-Produktion waren der Buchhändler Václav Klement und der Maschinenschlosser Václav Laurin 1896 aus purem Trotz gekommen: Klement hatte eine handschriftliche Ersatzteilbestellung an die Fahrrad-Manufaktur Seidel & Naumann in Dresden geschickt – in Tschechisch. Die Antwort des Direktors Förster kam in gestochen scharfer Tintenschrift: „Wenn Sie von uns Antwort haben wollen, verlangen wir Ihre Mitteilungen in einer uns verständlichen Sprache.“
 
Fast genau 30 Jahre später hatte das Unternehmen die Begehrlichkeiten des Pilsner Rüstungsmultis Skoda geweckt – und gemeinsam servierten sie den Gesellschaftsspitzen der jungen tschechischen Republik einen Lizenzbau des Hispano Suiza H6b – mit Sechszylinder-Königswellen-Motor, 100 PS Leistung und einer Höchstgeschwindigkeit von 140 km/h. Die Karosserien des Werks, aber auch von tschechischen Couturiers wie Brozik oder Petera standen dem exaltierten Chic von Anbietern wie Saoutchik oder Kellner nicht nach – allerdings blieb der Abnehmerkreis auf 100 Exemplare begrenzt. Erster Käufer war der tschechische Staatspräsident Tomas G. Masaryk.
 
Zwei Jahre Bauzeit für den Skoda 860
 
Der 41. gebaute Skoda 860 soll einst für den tschechischen Verteidigungsminister entstanden sein, und die Kommissionsbücher berichten, dass sich das Werk mit seinem Werden fast genau zwei Jahre Zeit ließ. Am 4. März 1931 war das Chassis vollendet, am 8. März 1932 hatten die Blechner ihre Arbeit abgeschlossen. Die Auslieferung datiert vom März 1933.
 
Bis heute verrät eine Begegnung mit dem High-Tschech-Produkt von damals, dass sich die Entdeckung der Langsamkeit gelohnt hat. Weder Motor noch Karosserie sind je zerlegt worden, berichtet Eva Ticova, Chefin der Skoda-Museumswerkstatt. Nur die originale Jaeger-Temperaturanzeige ist dem 860 abhanden gekommen, der Vorbesitzer brauchte sie in den 70er Jahren für seinen Bugatti. „Nur deshalb“, sagt Eva Ticova, „hat er ihn gekauft.“
 
Er erwarb ein tschechisches Luxus-Automobil, das fließend französisch sprach. Neben den fein ziselierten Jaeger-Uhren auf ihrem ovalen Metall-Tableau ist ein Neigungsmesser nach französischem Patent („Breveté“) an Bord, und die ausstellbare Frontscheibe war von Duivier aus Paris nach Böhmen gereist. Bosch und Scintilla lieferten die Elektrik, Zenith den Vergaser. Der 3,9-Liter-Reihenachtzylinder hingegen ist ein Grauguss-Klotz aus Heimatproduktion, immerhin aber schon mit Aluminiumkolben und Dural-Pleuelstangen – er verfällt nach wenigen Anlasserumdrehungen in stoisch grummelnden Leerlauf.
 
Es erfordert ein buchstäblich aufrechtes Naturell, ihn weiterhin bei Laune zu halten. Die Sitzposition hinter dem riesigen Bakelit-Lenkrad mit stolzem Skoda-Emblem ist mehr ein steiles Hocken mit extrem angewinkelten Beinen, das besser zum zierlichen Wuchs der Skoda-Chefrestauratorin passt als der erbitterte Widerstand des Kupplungspedals und das muskelmännliche Reißen, das seine Lenkung schon bei gemäßigten Rangiervorgängen erzwingt. Zugänglich zeigen sich nur die gut dosierbaren Bremsen, denen ein Dewandre-Unterdruck-Bremskraftverstärker zu Willen ist, falls einer der kleinen Rufmörder wieder zu dicht vor dem monumentalen Kühler des 860 einschert.
 
Auf den schmalen Landstraßen vor Mladá Boleslav, bei Reisetempo 80, ist er dagegen so allein wie einst an der Spitze des Skoda-Programms. Er darf jeder Spurrille hinterhertänzeln, von der Silvretta Classic träumen und der Fassungslosigkeit jener Zuschauer, die in der Gischt des Regentags erst seine Kühlerfigur sahen und dann die emaillierte Kühlerplakette mit den fünf Buchstaben, die heute keiner für möglich hält: Skoda.

Technische Daten
Skoda 860
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe5425 x 1750 x 1880 mm
Hubraum / Motor3880 cm³ / 8-Zylinder
Höchstgeschwindigkeit110 km/h
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