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Skoda Felicia Cabrio

Die Isabella aus dem Osten

Skoda Felicia Cabrio Foto: Barthelmess, Lena 20 Bilder

Sie wird geliebt und verhätschelt, nicht nur weil sie offen ist. Die Felicia gilt östlich der Elbe als Schönheitskönigin der Fünfziger, Star des böhmischen Heimatfilms und Symbol der heilen Skoda-Welt vor der Heckmotor-Ära. 

28.04.2009 Alf Cremers Powered by

Sie hat den Charme einer Borgward Isabella, den Kampfgeist und die Ausdauer eines Volvo Amazon. Kurz gesagt, mit ihr kann man Pferde stehlen, wie diese Fotos beweisen. Rendezvous mit Felicia, ja mehr noch, ein Wintermärchen im Cabriolet bei Bad Kleinkirchheim, im Nationalpark Nockberge in Kärnten. Schließlich gilt die vom Charakter her burschikose, aber zartgesichtige Felicia im Westen als bezauberndste Visitenkarte volkseigener Automobilindustrie. Selbst das Wartburg 313 Cabriolet würde bei einer fiktiven Miss-Wahl sächsischer und slawischer Schönheiten auf dem zweiten Platz landen.

Zeitgeist der 1950er

Nicht nur stilistisch, sondern auch konstruktiv gibt es ein paar Gemeinsamkeiten mit der hübschen Tochter aus Bremen – die hintere Pendelachse etwa, die an Schraubenfedern aufgehängte Doppelquerlenker-Vorderachse oder der drehfreudige, sportlich veranlagte OHV Vierzylindermotor mit nur drei Kurbelwellenlagern. Und sogar das berühmte Borgward-Kürzel TS trug eine werkseitig mild getunte 50-PS-Variante der Octavia Limousine. Nicht nur deshalb verdienen Skoda Felicia und Octavia das durchaus als Kompliment gemeinte Prädikat Isabella des Ostens.

Sie fühlt sich beim Fahren ähnlich sportlich und dennoch verlässlich an, verfügt wie die Automobil-Legende aus Bremen über zahlreiche liebevolle Ausstattungsdetails. Die Lenkradschaltung, eine hübsche komplette Instrumentierung und eine gediegen sowie geschmackvolle Tapezierung gehören dazu. Zudem überzeugen sie durch eine ähnlich solide Machart wie die Borgward- Mittelklassewagen, welche die Opel- und Ford-Modelle in der Verarbeitungsqualität eindeutig übertrafen.

Natürlich rangiert die Isabella TS in Größe und Leistung dank Wirtschaftswunderbonus eine Wagenklasse höher als die Octavia TS. Die Felicia hätte als korrekte stilistische Parallele nur das extrem seltene zweisitzige Deutsch-Cabriolet auf Coupé-Basis als Pendant, von dem nur neun Exemplare entstanden. Wie Borgward Isabella und Volvo Amazon verströmen die beiden Skoda- Modelle in Design und Interieur den modischen Zeitgeist der fünfziger Jahre. Auch im Westen kommen sie heute damit gut an – obwohl natürlich das Herz der Felicia- und Octavia-Leidenschaft zwischen Elbe und Oder liegt. Autobegeisterte wie der Skoda-Spezialist Jens Herkommer aus dem sächsischen Schwarzenberg sind drüben mit dem geflügelten Pfeil aufgewachsen: "Skoda Automobile galten in der DDR stets als etwas Besonderes, waren Ärzte- und Architektenautos. Gerade die Octavia und ihr Vorläufer Spartak galten als robust, unverwüstlich und weniger rostanfällig als die sensibleren Wartburg- Zweitakter".

Herkommer ist Besitzer genau dieser blauen Felicia. Sie ist Baujahr 1960, besitzt noch Lenkradschaltung und die älteren schöneren Instrumente. Herkommer hat ihr nachträglich den 55- PS-Motor der Felicia Super spendiert. Größere Ventile, eine höhere Verdichtung sowie eine schärfere Nockenwelle bringen den bewährten, leicht langhubigen 1221er-Motor auf mühelose 55 PS.

Gene vom Skoda 1200

Für die Octavia-Limousine gab es solch einen leitungssteigernden Tuning-Kit mit zwei Vergasern sogar beim deutschen Importeur Aschoff in Krefeld für 285 Mark zu kaufen. 50 statt der serienmäßigen 43 PS waren die schmale Ausbeute. In den Fünfzigern waren die Automobile des Ostblocks noch am Puls der Zeit, technisch und modisch gesehen. Abgehängt wurden sie in Mlada Boleslav erst 1969 – mit dem zweiten, eher kosmetischen Aufguss der Heckmotormodelle, als aus dem Skoda MB 1000 der S 100 entstand und die Sackgasse der Porsche- Konstruktion für populäre Massenautomobile absehbar wurde. Skodas Kooperations-Partner Renault – die geneigt eingebauten 1000er-Reihenvierzylinder trugen eine gewisse konstruktive Verwandtschaft – verabschiedete sich mit dem R8/R10-Nachfolger R 12 endgültig von diesem antiquierten Layout.

Skoda fuhr sogar bis Anfang der siebziger Jahre konzeptionell zweigleisig. Der Octavia-Estate lief bis 1971 vom Band, weil sich Heckmotorwagen mit Reihenmotoren nicht zum Kombi eignen. Der größere kommerziell-spartanische 1202, erkennbar an nur einer Fondtür auf der rechten Seite, schaffte es sogar bis 1973.

Der technisch verwandte Van 1203, eine Art tschechischer Ford Transit, überlebte als vielseitig ausbaufähiger Frontlenker- Lieferwagen schließlich bis 1981. Die Gene der Felicia gründen weit zurück im Skoda 1200 von 1952. Der große Wagen – 4,50 Meter lang, mit dem kleinen 36-PS-Motor –, nimmt bereits typische Octavia-Elemente vorweg. Zentralrohrrahmen und Pendelachse, alte tschechische Ledwinka Schule und ein kopfgesteuerter 1221-Kubik-Aluminiummotor mit nassen Graugussbuchsen und -Zylinderkopf gehörten zur Rezeptur zeitgemäßen böhmischen Automobilbaus.

Nur die Vorderachse mit Dreiecks- Querlenkern über einer Querblattfeder sollte 1959 mit dem Erscheinen der Octavia einer moderneren Schraubenfederkonstruktion mit doppelten Querlenkern und Teleskopstoßdämpfern weichen. Doch der 1200 mit seiner eigenwilligen, lang gezogenen Pontonkarosserie im amerikanischen Stil kam im Ausland trotz moderner Konzeption nicht gut an. Zunächst war er auch noch untermotorisiert. Vor allem jedoch verhinderten Preis und Größe eine Karriere als Volksautomobil, die ihm später doch noch als Kombi 1202 und 1203 gelang.

Also entwickelten die Tschechen ein preiswertes, hübsch gezeichnetes Volumenmodell. Sie bedienten sich dabei aus dem 1200er-Teileregal und präsentierten den Kompaktwagen im Format eines VW Käfers oder DKW-Dreizylinders 1955 als Spartak im Osten und als Orlik im Westen. Generell hörte er aber auf die nüchternen Typenbezeichnungen 440, 445 und 450, ein einfach zu entschlüsselnder Code aus Zylinderzahl und Leistung.

Parallelen zum Mercedes 190 SL

Die Wagen fanden auch im Westen wegen der modernen, soliden Konstruktion großen Anklang: kopfgesteuerte Motoren, eine komfortable hintere Pendelachse, ja sogar eine 12-Volt-Anlage. Das war in den Fünfzigern keineswegs selbstverständlich, als der Ford Taunus 12 M noch einen Flat Head hatte und Starrachsen an Blattfedern bei konventionellem Antrieb up to date waren. Beim Octavia, der 1959 mit der neuen Vorderachse und einigem Ausstattungs- Feinschliff erschien, vermisste Tester Dieter Korp in auto motor und sport (10/1959) "das raffinierte Finish unserer Autos, das Ausgeglichene, Wohlabgestimmte und Ruhige im Zusammenspiel von Motor, Kraftübertragung und Fahrwerk." Vor allem der heftige Drehzahlsprung von zu kurz übersetztem dritten bis zum langen vierten Gang missfiel ihm, "wenngleich es in gebirgigen Ländern durchaus ein Vorteil sein kann."

Sicher gibt es auch bei einer Felicia aus dem Jahr 1960 noch technische Anachronismen. Der Ölfilter sitzt im Nebenstrom, Simmerringe zur Abdichtung der Kurbelwelle sind noch nicht vorgesehen, und der Motor muss sich wie das sportliche Triebwerk des Mercedes 190 SL mit nur drei Hauptlagern begnügen. Der Zentralrohr-Rahmen mit seinen vier Auslegern bildet immerhin ein ausreichend steifes Rückgrat für das viersitzige Cabriolet.

Heftige Verwindungen spürt man nur bei groben Unebenheiten, etwa beim schnellen Überqueren eines ausgefahrenen Bahnübergangs. Schon die Sitzposition in der Felicia ist einladend, man sitzt aufrecht aber bequem, der Abstand zu den stehenden Pedalen ist genau richtig. Nach dem linken Schlüsseldreh bei gering dosiertem Choke erwacht der Zweivergaser-Motor mit sonorem Klang. Der kleine Vierzylinder ist ein unternehmungslustiger Brummer, in seiner rustikalen Akustik erinnert er an die kernigen Volvo B 18- und B 20-Motoren im Amazon und P 142 bis 145. Die Lenkradschaltung arbeitet leichtgängig und verblüffend exakt im üblichen H-Schema.

Ungewöhnlich ist der hohe Widerstand zwischen den Schaltebenen eins - zwei und drei. Laut und unsynchronisiert lärmt der erste Gang, schnell in den versöhnenden zweiten, der dritte ist ausgesprochen zugkräftig und bei der Felicia gar nicht so kurz wie im Test moniert. Der stärkere Super-Motor verfügt auch über eine längere Gesamtübersetzung, Dauertempo 130 ist kein Problem mehr.

Im Cockpit geht es nostalgisch heimelig zu
 
Die Außenwelt reagiert begeistert auf das fröhlich-blaue Cabriolet mit dem markanten Chromgrill. Die niedlichen Lanzetten über den vorderen Radausschnitten verleihen ihm einen Hauch von SL, und die große Panoramascheibe hat Stil. Doch die imitierten Speichenfelgen mit Zentralverschluss erinnern an den Talmi-Look halbstarker Mopeds. Im Cockpit geht es nostalgisch heimelig zu – Lenkrad, Schalthebelknauf und Schalter tragen das gemütliche Elfenbein- Biedermeier der Nierentisch-Ära, die nicht nur in Gelsenkirchen, sondern offenbar auch in Prag und Pilsen zuhause war.

Das Instrumentenbrett wiederum ist von wohltuender Sachlichkeit. Es erinnert an die Braun Radio- und Phono- Entwürfe von Dieter Rams, denen man bei aller Funktionalität immer auch etwas Zeittypisches nachsagen kann. Die Felicia ist kein großes Auto. Dennoch offeriert sie den Vornsitzenden erfreuliche Platzverhältnisse, etwa wie im MGB Roadster. Hinten allerdings wird es eng, nur Kinder können auf den hübsch gepolsterten Fondsitzen Platz nehmen.

Der Käfer-Radstand von 2,40 Meter schafft eben keine Raumwunder, zumal der Raum für die Kapuze, eine Art offener Verdeckkasten, dem hinteren Abteil verloren geht. Später, ab 1961, bekommen Felicia und Octavia neue Rückleuchten in modischer Heckflossenform. Und die Felicia darf sich jetzt Super nennen – mit Knüppelschaltung, neuem Instrumentenbrett und höher verdichtetem Motor. Die Felicia rollt recht komfortabel ab, das liegt vor allem an ihren schmalen 15-Zoll-Rädern und den modernen Teleskopstoßdämpfern. Die Vorderachse ist jedoch ziemlich hart abgestimmt – Tribut an das rustikale Straßennetz der fünfziger Jahre.

Temperamentvoll zieht der Wagen die Bergstraßen hinauf, 55 PS für eine Tonne Gewicht inklusive Besatzung sind keine so schlechte Relation. Auch im heutigen Landstraßenverkehr lässt sich mit der Felicia gut mitschwimmen. Premiere feierte sie schon 1957. Damals hieß sie noch 450 Roadster, ab 1959 bekam sie passend zur neuen Octavia den schönen Namen Felicia. Damals wie heute füllt sie die Nische des erschwinglichen Familiencabriolets. 15.000 Euro sind nicht viel für ein alltagstaugliches und in jeder Hinsicht genügsames Fünfziger-Jahre-Cabriolet. Ein Isabella Coupé kostet das Doppelte und ist noch nicht einmal offen. Wer sich mit der Felicia schwertut, weil sie hier zu Lande ein Exot ist, sollte sie einmal fahren. Denn Liebe geht bekanntlich durch den Wagen.

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