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Spyker C8 Double 12 S mit 500 PS

MTM-Kompressor im Spyker C8 Double 12 S

Spyker C8 Double 12 S Foto: Hans-Dieter Seufert 10 Bilder

Der Spyker C8 Double 12 S könnte aus einer Sportwagen-Revue der sechziger Jahre stammen - doch er ist neu. Bis in den letzten Abnäher liebevoll verarbeitet, verstrahlt sein Innenraum den fast vergessenen Glanz des analogen Zeitalters.

14.04.2009 Marcus Peters

Gerade klingt der warme Vorfrühlingstag in der blauen Stunde aus; perfekter hätte die Winterflucht an den Lago di Garda nicht laufen können. Still ruht der See, und seine Oberfläche wird zum Reflektor für die Lichter der Promenade, während sich der Sonnenuntergang im schwarzen Lack des Spyker C8 Double 12 S spiegelt. Es ist das letzte von 14 gebauten Exemplaren.

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Impression Spyker C8 Double 12 S
auto motor und sport 08/2009
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Spyker-Sportwagen für über 300.000 Euro

Die Tiefe des Lacks scheint aus der Nitro-Zeit zu stammen, als Orangenhaut nicht Normalität, sondern Makel war. So perfekt ist die Oberfläche, dass sich jeder, der auf den Zweisitzer zuläuft, im Spiegelbild die Frisur richten könnte. Auf Druck eines kleinen Knopfes im Außenspiegel schwingt die Flügeltür auf und gibt das Strahlen und Funkeln einer Schatzkammer frei. In seinen satt glühenden Farbtönen übertrifft der Spyker Double 12 sogar den Sonnenuntergang. Diesem Innenraum sieht sein Eigentümer sofort an, dass die über 300.000 Euro gut angelegt sind.

Rautensteppleder bis in den hintersten Winkel des Fußraums, eine Uhrensammlung mit darunter gruppierten Kippschaltern, das Ganze stilsicher bis in den letzten Abnäher - mehr Pracht bietet derzeit kein Sportwagen. Ein Bildband über den Spyker Double 12 würde jeden Couchtisch schmücken. Er wäre voll schrulliger Details: etwa die Handbremse im Beifahrer-Fußraum, Lüftungsdüsen und Lenkradkranz als aus dem Vollen gefräste Propeller oder der rote Killswitch (Notaus) als Kunststoff-Exot in einer Welt aus Leder, Aluminium und Edelstahl. 

Der Spyker C8 ist ein lebender Klassiker

Nicht nur sein Design, auch die Werkstoffe machen den Spyker zum lebenden Klassiker. Im Sichtbereich besteht er ausschließlich aus ursprünglichen Materialien. Alles andere käme für seinen Erschaffer Victor Muller nicht in Frage. Aus einer tiefen Unzufriedenheit über die unzulängliche Detail-Liebe bestehender Modelle entwickelte der niederländische Multi-Unternehmer die Idee, einen eigenen Sportwagen zu bauen. Muller präsentierte ihn auf der Birmingham Motorshow als C8 Spyder. Das war vor neun Jahren. Zunächst blieb der Name Spyker mythisch umweht, bis das Team in der Formel 1 auftauchte - und wieder unterging.

Was blieb, ist der Einsatz in Le Mans sowie der vom Langstrecken-Rennwagen vor sieben Jahren abgeleitete C8 Double 12 S als geschlossene Langheck-Version des Spyder. Den ständigen Zweiflern zum Trotz gibt es das Unternehmen des charismatischen Niederländers noch immer, und es hat im vergangenen Jahr 43 Autos ausgeliefert. Sie suchen ihresgleichen. Die Proportionen des Double 12 sucht man in der Großserie vergeblich, auch in der Supersportwagen-Klasse ist der Spyker einzigartig. Das Langheck unterstreicht den Mittelmotor- Charakter, das extreme Verhältnis aus schmaler Kanzel und kraftvoll gespreizter Spur ist ein Alleinstellungsmerkmal. Ebenso die optionalen Karosserie-Nieten in englischer Rennwagen-Tradition.

Spektakulärer Schnorchel auf dem Dach

Aluminium vermittelt den Odem der Ewigkeit; es ist Basis (Karosserie) und Schmuck (aus dem Vollen geformte Spiegelgehäuse) zugleich. Auch die Lufteinlässe sind aus Leichtmetall geschnitten; der spektakulärste ist der große Schnorchel auf dem Dach - eine Kühlluft-Röhre in den Motorraum. Der Double 12 ist die moderne Interpretation eines Sechziger- Jahre-Rennwagens. Für Wartungsarbeiten klappt der gesamte Vorderbau nach oben und gibt doppelte Dreiecksquerlenker, liegende Federbeine, Crashbox, Alutank und Querstabilisator frei - sowie eine Nuss für den Zentralverschluss der Felgen samt Werkzeug-Kistchen. Im Spyker lebt die mechanische Zeit vor Bits und Bytes wieder auf; jetzt soll er beweisen, ob er die Ursprache eines Sportwagens noch beherrscht.

Kein Radio und kein Navi

Also Zündung an und Druck auf den Startknopf. Die rechte Hand wandert an den Schaltknauf, der auf einer waagerechten Stange geführt wird. P, R, N, D? Es ist eine Automatik-Version. Also D wie Drive. Wie von selbst zieht es den Langheck-Spyker vom See weg ins Hinterland Richtung Trento-Bondone, einer nahe gelegenen Bergrennstrecke. Als wolle der Double 12 beweisen, dass er trotz Wandler-Automatik mehr kann als nur promenieren. Durch die großen Fensterflächen rauscht das Bergpanorama im Cinescope-Format vorbei. So eine verglaste Kanzel heizt sich schnell auf, weshalb es eine Klimaanlage gibt. Aber kein Radio; alle Bedienelemente, die vom Fahren ablenken könnten, fehlen - auch das Navigationssystem.

Im Spyker navigiert man stilecht per Landkarte und lauscht den Geräuschen von Umwelt und Fahrzeug. Bei Vollgas, wenn sich die Auspuffventile öffnen, verdoppelt sich der Hubraum akustisch von 4,2 auf 8,4 Liter. Es folgt ein Heulen, welches große Taten verheißt. Ein Kompressor im Spyker? Ja, für insgesamt vier Autos adaptiert Audi-Tuner MTM einen Schraubenverdichter von Lysholm samt Ladeluftkühler und Metallkatalysatoren. Das bringt einen Batzen Drehmoment (plus 90 Nm) und Leistung (plus 100 PS) - damit wirkt der V8 deutlich sämiger als in der bisherigen Saugversion, tritt wuchtig an und vermittelt jetzt endlich den Schub der Großen. Doch trotz 500 PS und 570 Nm fehlt der direkte Draht zum Antrieb.

Der Wandler softet die Gasannahme ab, die komfortable Automatik (Basis des Antriebs: VW Phaeton) verfälscht den mechanischen Charakter des Double 12. Beim Anbremsen der Spitzkehren schaltet das Getriebe hoch, am Kurvenausgang dann hektisch zurück. Dabei geben Motor und Fahrwerk eine Ahnung davon, was der Double 12 könnte - mit dem wunderbaren Schaltgetriebe, wie wir es im Spyder und Laviolette-Coupé bereits genossen haben. Nur damit lässt sich die puristische Wildheit der Sechziger nacherleben. Denn Schnellfahren im Spyker heißt zupacken, ganz wie früher. Am Abend endet dann die Zeitreise im Retro-Klassiker, der Double 12 kehrt wieder zu seinem Besitzer zurück.

Warum dieser sich wohl für das Automatikgetriebe entschieden hat? Offensichtlich hat ihn sein Charakter als Retro- Rennwagen weniger beeindruckt als das feingeistige Auftreten. Oder war es das leuchtende Spektakel, wenn der Spyker-Innenraum in der blauen Stunde erglüht?

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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