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Sunbeam 30 HP 90 Open Sports Tourer

Foto: Ernst Hentschel 14 Bilder

Dieser Sunbeam 30 HP 90 mit dem mächtigen Reihenachtzylinder galt lange als verschollen. Selbst in der einschlägigen Literatur fehlt dieser Fahrzeugtyp oft. 2004 jedoch tauchte der Wagen mit seiner einmaligen und bis ins letzte Detail dokumentierten Historie wieder in der Öffentlichkeit auf.

18.06.2008 Powered by

Dieser Sunbeam 30 HP 90 mit dem mächtigen Reihenachtzylinder galt lange als verschollen. Selbst in der einschlägigen Literatur fehlt dieser Fahrzeugtyp oft. 2004 jedoch tauchte der Wagen mit seiner einmaligen und bis ins letzte Detail dokumentierten Historie wieder in der Öffentlichkeit auf.

Irgendwo im Halbdunkel verbirgt sich eine Preziose der Sunbeam-Geschichte. In einem seligen Dornröschenschlaf dämmert der imponierende Achtzylinder allerdings nicht dahin. Bis zu 3.000 Kilometer wird er in jedem Jahr bewegt.

Längere Strecken liegen dem außergewöhnlich leistungsfähigen Fahrzeug. Eine Fahrt in den Süden etwa, die so manchem Besitzer eines Vorkriegsklassiker doch einige schlaflose Nächte bereiten würde, absolviert der Sunbeam 30 HP 90 wie das Brötchenholen um die Ecke. Der Grund für das problemlose Laufen findet sich in den achtziger Jahren. Der Wagen sollte an der 1982 geplanten Rallye Peking-Paris teilnehmen, wurde deshalb bis zur letzten Schraube zerlegt und wieder aufgebaut.

1927 erreicht ein Sunbeam 327,97 km/h

Schutzkappen von den Tankentlüftungsröhrchen abziehen. Autovac-System auf „on“ stellen, Standgas, Zündverstellung am Lenkrad justieren und ein Tritt auf den im Fußraum angebrachten Starterknopf. Wummernd nimmt der gewaltige Motor seinen Dienst auf. Das Auto läuft mit vollkommen originaler Technik. Eine Aufwärmphase im Leerlauf muss man dem Motor zugestehen – 25 Liter Motoröl und das ebenfalls voluminöse Wasserreservoir wollen erst einmal auf Temperatur gebracht werden.

Etwas ungewohnt für die Passagiere ist das Einsteigen. Die Sports-Tourer-Karosserie ist in der klassischen Fabric-Body-Bauweise hergestellt. Das Aluminium der Außenhaut wurde über einen Holzrahmen gezogen und teilweise mit Kunstleder verkleidet. Für höhere Karosserie-Stabilität wurde pro Seite auf eine Tür verzichtet.

Sunbeam erlebte 1927 als eines der Schlagzeilen-trächtigsten Jahre überhaupt. Henry Segrave gelang es, am 29. März 1927 in Daytona Beach den 200-Meilen-pro-Stunde-Geschwindigkeitsrekord zu brechen. Er erreichte mit dem Sunbeam 1000 HP, angetrieben durch zwei Zwölfzylinder-Flugzeugmotoren, exakt 327,97 km/h.

Genau vier Tage zuvor wurde der hier vorgestellte Open Sports Tourer, Fahrgestellnummer 7001 G, an die Familie Jacobs in Dublin ausgeliefert. Ein markanter Ausspruch eines ehemaligen Angestellten des Gebäckherstellers ist überliefert: „Herr Jacobs war großer Automobil-Liebhaber und stets auf die extremsten Fahrzeuge der damaligen Zeit konzentriert. Größe, Schönheit, Leistung, Seltenheit und der hohe Preis waren für ihn entscheidende Merkmale.“

Nach düsteren Jahren kommt die Rettung – und das neuerliche Vergessen

Unspektakulär vergehen dagegen die nächsten 30 Jahre. Der Sunbeam wird an eine in Nordirland ansässige Familie Cunningham veräußert, welche ihn in Folge häufig im täglichen Betrieb nutzt. Technisch endgültig nicht mehr auf der Höhe der Zeit, wird der Wagen 1961 in Nordirland stillgelegt und trocken eingelagert. Es beginnt für den Sunbeam jene dunkle Zeit, durch die schon mancher der heute bewunderten Vorkriegsboliden hindurch musste. Vergessen und verstaubt, bemächtigen sich unschuldige Haustiere des nutzlosen Stehzeugs und funktionieren es zum Hühnerstall um.

Die Rettung aus dieser unrühmlichen Episode naht 1977 in Gestalt von Eddie M., einem Vintage-und Motorsportexperten von ganzer Seele, der 7001 G über mehrere Jahre technisch komplett restauriert. Sein großes Ziel: 1982 bei der Rallye Peking-Paris zu starten. Das ambitionierte Projekt nimmt jedoch ein jähes Ende durch ein russisches „Nijet“, keine Durchfahrtserlaubnis durch das Gebiet der Sowjetunion. Der Kalte Krieg macht selbst vor Oldtimern nicht halt, die geplante Peking-Paris-Rallye fällt 1982 aus.

In der Folge verliert Eddie Ziel und Schwung für die Komplettierung des Wagens. Sein Interesse an Rennsport-Motorrädern – Eddie besitzt heute ein kleines privates Rennmotorrad-Museum – gewinnt erneut die Oberhand. Der Wagen gerät ein weiteres Mal in Vergessenheit.

Jahrelang gilt dieses wichtige Fahrzeug der Sunbeam-Achtzylinder-Baureihe mithin als verschollen. Keiner der insgesamt 65 gebauten 30 und 35 HP scheint überlebt zu haben; sie werden als „missing“ in den Listen des Sunbeam-Registers geführt. Tatsächlich sind heute weltweit nur noch vier Exemplare bekannt. Wobei das hier vorgestellte Fahrzeug als einziges restauriert, komplett, mit originaler Technik bestückt und voll fahrbereit ist.

Wiederentdeckt und erworben wurde das immer noch nicht gänzlich fertiggestellte Fahrzeug 1997 von einem Sammler aus Österreich. Noch in Nordirland beauftragte dieser einen professionellen Restaurierungsbetrieb. Lackierung, Polsterung, Dach und Außenbespannung mit der grünen Kunstlederhaut vervollständigen nun endgültig das Finish.

Öl-Kontrolle – Motto: einfüllen, bis es überläuft

Dass fast zeitgleich Zweirad-Fan Eddie den Einstieg seines Sohnes David in das aktuelle Motorrad-Grand-Prix-Geschehen finanziert, erleichtert dem Iren die Trennung von dem Sunbeam-Projekt. Bereits ein Jahr später wird 7001 Ge auf den Straßen Österreichs gesichtet.

Endgültig in das Bewusstsein der Oldtimer- Szene rückte der Open Sports Tourer jedoch durch seinen jetzigen Besitzer. 2004 in Wuppertal von ihm für den Verkehr zugelassen, wird der seltene Bolide mehrfach im Jahr bei Internationalen Vintage-Veranstaltungen bewegt.

Vor einer längeren Ausfahrt sollte man tunlichst eine Tankstelle aufsuchen. Trotz einer üppigen Instrumentierung besitzt der Wagen keine direkte Tankuhr im Cockpit. Die Anzeige befindet sich direkt auf dem Tank, verborgen unter einem voluminösen Reisekoffer.

Noch ein letzter Ölcheck. Die geöffnete Motorhaube gibt den riesigen, 1,40 Meter langen Motor frei. Vergeblich würde jetzt ein Tankwart den Ölpeilstab suchen – es gibt keinen.Der Motor wird schlichtweg so lange mit Öl befüllt, bis dieses an einer Kontrollbohrung überläuft.

Mühelos, nur untermalt von dem für Vorkriegsmodelle so typischen singenden Getriebegeräusch, zieht der Reihenachter die fast zwei Tonnen an. Das Gewicht der Aufbauten, welche auf die vom Werk gelieferten Fahrgestelle häufig durch Fremdfirmen montiert wurden, spielten oft eine Rolle für Beschleunigung und Fahrverhalten. Nicht so bei dem Sunbeam 30 HP 90 mit seiner Open Sports Tourer Karosserie. Hier stimmt alles, Leistung ist genug vorhanden. Selbst die Bremsen der 21-Zoll- Räder sind ausreichend dimensioniert.

Ab 1920 geht's bergab für Sunbeam – 1935 folgt der Konkurs

Ein Vergleich mit den großen Bentley seiner Zeit liegt nahe. Sunbeam war einer der Hauptrivalen von Bentley. Vor allem bei den in den zwanziger Jahren beliebten Langstreckenrennen, etwa in Le Mans. Die Sunbeam 30 und 35 HP waren als direkte Konkurrenten der Autos des Newcomers O. W. Bentley konzipiert und mit den aus 4.825 ccm Hubraum geschöpften 100 PS ebenbürtig. Tatsächlich lag auch der Neupreis auf dem Niveau des Bentley 6.5 Litre Speed Six. Selbst der Radstand des Sunbeam Short Chassis, 3,45 m, ist mit dem des Bentley Speed Six identisch.

Sunbeam produzierte motorgetriebene Fahrzeuge seit 1902. Trotz beachtlicher Rennerfolge endete schon im Jahr 1920 die Eigenständigkeit. Die A. Darracq & Co Ltd. kauft 1920 die Marken Sunbeam und Clement-Talbot Ltd. auf und firmierte nach dem Zusammenschluss der Unternehmen als Sunbeam-Talbot-Darracq-Gruppe.

Die 1929 ausbrechende Weltwirtschaftskrise traf auch STD. Hinzu kamen Missmanagement, fehlende Rationalisierung und verwirrende Modellpolitik. Der Konzern geriet endgültig 1935 in Konkurs, die Produktion war nicht mehr rentabel. Innerhalb der Roots-Gruppe firmierte Sunbeam unter dem Label Sunbeam-Talbot. Der französische Part wurde verkauft und existierte als Talbot-Lago weiter.

Concours-Gewinner mit umfangreicher Dokumentation

Die kurvenreiche und abschüssige Strecke in Richtung Wuppertaler Innenstadt gerät zum Erlebnis für den Nebenmann. Wo soll er sich festhalten? Der Wagen wird vom Fahrer beherzt in die Kurven gezwungen. Die Straßenlage, entgegen dem subjektiven ersten Eindruck, ist hervorragend. Recht schnell stellt sich auch für den Sozius ein hohes Fahrvergnügen ein.

Ungewohnt für heutige Verhältnisse bei einem Rechtslenker ist auch die Anordnung des Schaltknüppels. Knapp neben dem rechten Bein des Fahrers angeordnet, muss dieser immer wieder bewusst mit dem Arm zwischen dem voluminösen Lenkrad und der Bordwand abtauchen, um zu schalten. Da das Getriebe nicht synchronisiert ist, immer wieder spannend.

Werfen wir nochmals einen Blick zurück. Der mittlerweile hoch betagte Eddie M. führte den derzeitigen Besitzer in Nordirland an die originalen Schauplätze dieses ungewöhnlichen Autolebens und überreichte einen Karton, prall gefüllt mit Dokumenten, Bildern und Videos. Dazu addieren sich seit drei Jahren regelmäßige Einsätze auf dem Nürburgring.

Dabei wird der Wagen nicht gerade geschont. Trotz hoher Fahrleistungen und anspruchsvoller Einsätze wurde der exzellente Zustand 2006 beim Concours d‘Elegance in Schwetzingen gleich mit zwei Preisen belohnt. Die Einsatzbreite des Sunbeam orientiert sich damit exakt an den historischen Vorbildern.

Am Wochenende gingen die begeisterten Automobilisten einst ja mit ihren Wagen auf die Rennstrecke, um die Kräfte zu messen. Sonntags wurde das gleiche Auto den strengen Blicken einer Concours-Jury unterworfen. Es ist also auch heute noch möglich, Geschichte zu leben.

Einmal im Jahr wird der Sunbeam zur Wartung in professionelle Hände übergeben. Falls doch einmal ein Eingriff unterwegs nötig sein sollte, liegt ein Technisches Handbuch im Original bereit.

Wahrscheinlich wird es künftig eher selten hervorgeholt werden müssen. Was ist schon eine Oldtimerausfahrt in unseren gemäßigten Breiten gegen eine 16.000 Kilometer lange Herausforderung quer durch Wüsten, Tundren, Wasserläufe, über Eis und Schnee, so, wie diese unglaubliche Rallye von Peking nach Paris?

Technische Daten
Sunbeam 30 HP 90 Open Sports Tourer
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4900 x 1910 x 1730 mm
Höchstgeschwindigkeit140 km/h
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