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Tunerversprechen

300 km/h sind Pflicht

Sechs Tuning-Boliden trafen sich auf dem Highspeed-Oval in Nardo. Alle mit dem Ziel 300 km/h zu erreichen. Nur einer hatte in der Schlacht der 3.143 PS, verteilt auf sieben Motoren in sechs Autos, die Nase vorn.

22.11.2002

Ein gelber Albtraum für Chiropraktiker: der Bimoto, ein Audi TT mit 740 PS. Schleudertrauma-Gefahr schon im Stand. Erst recht bei maximalem Ladedruck, wenn er wie Mike Tyson zuschlägt. Der Kopf knallt gegen den Sitz, der Oberkörper fliegt nach. Dazu einschüchterndes Dröhnen. Der Name Bimoto verrät: zwei Motoren. Die Tuningfirma MTM realisiert in dem Boliden auf TT-Basis ihren derzeitigen Leistungs-Status quo. Ein Auto, in dem Vollgas irrwitzigen Vortrieb entfacht. Selbst jenseits der 300 km/h reckt der Bimoto seine Schnauze, visiert die untergehende Sonne an. Und zuvor die 400 km/h. 400 Kilometer pro Stunde, und Frankfurt - Rom wäre in drei Stunden abgehakt. Rein fiktiv natürlich.

Aber real ist, dass Tuner Autos verkaufen, die 300 km/h und schneller laufen sollen. Und die bat auto motor und sport zum Messen, um sie auf Tempoversprechen und Fahrbarkeit zu überprüfen. Natürlich nicht auf die Autobahn, sondern auf eine abgesperrte Hochgeschwindigkeits-Piste nach Nardo.

Sechs lautstarke Gäste rotten sich auf dem 12,6 Kilometer langen Rondell am italienischen Stiefelabsatz zusammen: eine Mercedes S-Klasse von Brabus mit 475 PS, ein Porsche 996 R-Turbo von Ruf mit 520 PS, ein Ferrari 360 Spider von Digi-Tec mit 425 PS, ein Lotus Elise von Brandes und Dschüdow mit 381 PS, ein Audi RS4 Kombi mit 602 PS von MTM und der Bimoto.

Zur Vmax -Party sind nur Straßenautos mit TÜV-Segen geladen. Und die Reifenindustrie, deren Freigabe für die angepeilte Geschwindigkeit unabdingbar ist. Bei Tempi jenseits der 300 km/h ist der Pneu das schwächste Glied in der Kette. Deshalb überwachen Techniker von Dunlop und Pirelli Luftdruck, Temperatur und Zustand der Gummis. Pirelli reist mit genaustens untersuchten Serienreifen an, die Tempo 400 verkraften sollen.

Wichtig für das Team von MTM aus dem bayerischen Wettstetten und ihren Bimoto, den Audi TT mit acht Zylindern, verteilt auf zwei Motoren - einer vor, einer hinter dem Fahrer. Wo ab Werk 225 PS recht ordentlich anschieben, reißen im Über-TT Ehrfurcht gebietende 740 PS respektive 950 Nm an den Antriebswellen. Diese Leistungsexplosion verantworten mächtige Turbolader, die ab etwa 5.000/min Ansaugluft mit 1,75 bar Überdruck in die Brennräume pressen. Beim Gaswegnehmen husten die Wastegates überschüssige komprimierte Luft durch das mittlere der drei Auspuffrohre. Unter Volllast dominiert dagegen das Dröhnen der beiden Vierzylinder, die erwartungsgemäß selbst addiert nicht entfernt wie ein Achtzylinder bollern.

Mit der Sonne sinken die Temperaturen, und die Luftdichte steigt leistungsfördernd. Der Bimoto geht auf die erste Runde. Nach 3,6 Sekunden rast der LED-Tacho über die Ziffer 100 hinweg, nach zehn Sekunden sind die 200 passiert, 13 Sekunden später liegen, als existierten keine Fahrwiderstände, 300 km/h an. Zum Vergleich: Ein Formel 1 benötigt neun Sekunden aus dem Stand auf 300 km/h.

Leitplanken rasen in einer Endlosschleife vorbei, der Blick fixiert hochkonzentriert ein imaginäres Ziel am Ende des Lichtkegels. Nicht nur der anhaltende Schub bannt sämtliche Sinne. Mit zunehmendem Tempo reagiert der Bimoto nervöser auf Lenkbewegungen, verlangt nach einer geübten Hand und nach feinfühligen Kurskorrekturen.

In der zweiten Vollgasrunde verharrt das GPS-Messgerät bei 358 km/h. Damit überholt der Bimoto den Jaguar XJ 220, den mit 347 km/h schnellsten von auto motor und sport je gemessenen Sportwagen. Viel schneller ist die Formel 1 nicht einmal auf der langen Geraden in Monza. Trotzdem bedröppelte Gesichter bei MTM. Die Hoffnung auf 400 km/h bleibt zunächst unerfüllt.

Während der Laptop auf Fehlersuche geht, rollt der Ruf R-Turbo tief brabbelnd an den Start. Mit langem sechstem Gang und 18 statt 19 Zoll großen Rädern soll der Ruf die eigene Werksangabe von 345 km/h überbieten. Und mit gewaltigem Dampf: Optimierte Lader, vergrößertes Ansaugsystem und Sportauspuffanlage steigern die Leistung um 100 auf 520 PS.

Dosierbarer und weniger furchteinflößend als im Bimoto setzt der Turbolader im Ruf ein. Was eher der Beschleunigung durch einen Bogen als durch ein Katapult entspricht. Effektiv, wie sich herausstellt: Zwar verfehlt er die Höchstgeschwindigkeit des Bimoto knapp um sieben km/h, doch aus dem Stand pfeilt er ein Zehntel schneller auf 100 km/h.

Falls einer diese Beschleunigung toppen kann, dann der Lotus Elise von Brandes & Dschüdow, genannt Esthi <2.7. Das mathematische Zeichen im Namen deutet auf das Leistungsgewicht hin: kleiner als 2,7 Kilo pro PS. Diesen Formel 3-ähnlichen Wert verantwortet der 2,7-Liter-Biturbo des Audi RS4 mit 381 PS. Um ihn unterzubringen, konstruierte der Lotus-Tuner die Motoraufhängung neu.

Vollgas startet einen Höllenritt, voller Ladedruck bewirkt einen Raum- und Zeitsprung. Die Landschaft scheint in sich zusammenzustürzen. Wie ein Rennwagen schießt der kleine Zweisitzer los und bietet auch dessen Geräuschkulisse: ein Blaskonzert mit Hörsturz-Risiko aus Pfeifen, Kreischen, Mahlen und Röcheln.

Zornig und fast so effektiv wie der Ruf stürmt der Esthi in 3,8 Sekunden auf 100. Dann der Leistungseinbruch: Ende der Beschleunigung bei 261 km/h. Ratlose Mienen. Möglicherweise der Luftmassenmesser, möglicherweise der Klopfsensor. Testfahrten bringen keine Klärung, sondern das Desaster: Mit einem dumpfen Plopp fliegt der Deckel des Wasserkühlers auseinander, der Traum von 300 km/h löst sich in Dampf auf. Bei einem Nachtermin bringt es der reparierte Esthi immerhin auf 295 km/h, büßt allerdings seine Antriebswellen ein. Um die 300er-Marke zu passieren, will der Tuner dem Biturbo zusätzliche Leistung entlocken. Und Standfestigkeit.

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