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Audi 80, Mercedes W123, Opel Senator

Fahrbericht: Audi 80, Mercedes W123, Opel Senator

Audi 80 1.6 GL, Mercedes-Benz 300 TD, Opel Senator A 2.8 S Automatik Foto: Frank Herzog 18 Bilder

Am nervigsten ist diese Frage, meist in einem Tonfall gestellt, der zwischen falschem Mitleid und echter Süffisanz schwingt: Ob man sich denn nun, mit 30, anders fühle? Wie oft hat man sich dafür ein „Ach du, 30, das ist doch nur eine Zahl – alles wie vorher“ zurechtgelegt? Aber dann rutscht einem doch die Wahrheit raus – ungewollt und auch noch deutlich zu laut. Sie lautet: JA, VERDAMMT! Die große Zwei verließ mich an einem nebligen Donnerstag im Januar, genau genommen nachmittags um viertel nach drei.

28.04.2009 Sebastian Renz Powered by

Audi 80: Agil, sicher und präzise

Bei den offiziellen Feierlichkeiten wird man ja gern etwas melancholisch. Also will ich mich mit einer kleinen Sause mit drei Freunden aufmuntern, die auch nicht recht glauben können, dass sie dieses Jahr schon 30 werden, es dafür aber klasse finden. Denn die ersten Exemplare von Audi 80 B2, Mercedes-Benz T-Modell (S 123) und Opel Senator A dürfen ab 2008 mit einem H-Kennzeichen herumfahren. Dabei sind Senator und T-Modell eigentlich noch älter, weil sie auf der IAA 1977 debütierten. Aber die H-Kennzeichen- Reife erlangt ein Auto eben erst 30 Jahre nach der Erstzulassung.

Der Audi und ich kennen uns seit meiner Kindergartenzeit und wären beinahe schon 1983 Freunde geworden. Erst im letzten Moment gewinnt ein VW Passat die Wahl zum neuen Familienauto. Das liegt damals am Preis, nicht an der Limousinenform. Das ist heute schwer vor stellbar, weil man sich daran gewöhnt hat, dass schon beim ersten Kind gleich ein Siebensitzer-Minivan vor der Tür stehen muss. Dabei reicht der Platz im gemischt grün ausgeschlagenen Audi für fünf nicht gar so lange Kerls wie mich. Dazu lässt sich viel Gepäck im Laderaum versenken, der kurz ausfällt – dafür tief wie ein Brunnen. Wie viele VAG-Modelle der frühen Achtzigern schnuppert auch unser inarisilberne Audi 80 innen etwas muffig nach einem Wohnzimmer mit überpolierten Möbeln.

Nein, Premium ist das hier noch nicht, jedoch gut bürgerliche Qualität: ein Anzeigenkasten wie von einem Schuhkartondesigner entworfen, drumherum viel Hartplastik, aus dem nur der Holzschaltknauf heraussticht. Der 1,6-Liter schnarrt los. An sich reichen die 85 PS der mittleren aller drei 1600er-Benzin-Versionen schon aus, um den 0,9-Tonner flott zu beschleunigen. Aber die weite Getriebeübersetzung raubt der Maschine das Temperament. Hochtourig fahren mag man auch nicht, sonst handelt man sich gleich Ärger mit der Schaltanzeige ein. Und erst recht mit dem strengen Econometer, das die aktuelle Verbrauchsintensität anzeigt.

Dennoch fühlt sich der solide konstruierte, vernünftige, an sich völlig unspektakuläre B2 besonders an. Er fährt sich agil, nicht sportlich, federt zuvorkommend, nicht wattig, stellt mit seinem sicheren Fahrverhalten kaum Ansprüche an das Können und schenkt doch erfüllende Freude – mit der leichtgängigen, präzisen Lenkung, der hervorragenden Rundumsicht, dem luftigem Raumgefühl und der vielleicht besten Schaltung, die es je im VW-Konzern gab.

Hält bis zur nächsten Eiszeit: Der trummige T

Die Leichtigkeit des Audi 80 geht dem Mercedes ganz ab. Das T-Modell ist nicht nur schwer. Es ist gewichtig. Weil sich die Mercedes-Männer in den 70er Jahren ernsthaft sorgen, ein Kombi könnte dem Image der Marke schaden, muss das TModell ein 150-prozentiger Benz werden. Vor allem wird er ein grandioser Kombi – einer der ersten, der gegenüber der Limousine nur Vorteile hat. Der T schottet seine Passagiere ab, wie kaum ein anderes Auto. Er ist eigentlich kein Fahrzeug, sondern ein kleiner Staat: autark, wehrhaft und ein bisschen bedächtig, also in etwa sowas wie die Schweiz.

Der warme Dreiliter-Diesel springt sofort an. Im Leerlauf selbstzünden die fünf Zylinder mit beinahe provozierender Trägheit. Dazu klingt der Diesel, als würde er mit Vorschlaghämmern nageln. Auf dem Zickzackweg der Kulisse rattert der Wählhebel aus P nach D. Mit einem dumpfem Plong löst sich die Arretierung der Feststellbremse. Dann bewegt sich der Kombi. Vor allem die ersten Meter fährt er sich trummig. Der Motor weidet sich in seiner Lethargie, unterstützt von der Viergang-Automatik. Sie wirft schon bei Tempo 40 die höchste Stufe ein.

Ein Blick auf die Uhr – das könnte spät werden heute. In der Ferne lassen sich Kurven erahnen. Es bleibt genügend Zeit, sich zu überlegen, wie der Stationswagen in seinem unerschütterlichen Geradeauslauf auf den Wunsch einer Richtungsänderung reagiert. Als sich die Situation schließlich stellt, gewährt er ihn mürrisch. Mit deutlicher Seitenneigung, aber ohne Rückmeldung der enorm leichtgängigen Servolenkung bringen wir die Biegung doch mit Anstand hinter uns. Auf der nächsten Geraden dann mehr Gas, die Automatik ruckt einen Gang zurück. Nun fließt die Kraft des gewaltigen Saugdiesels so beständig und nachdrücklich wie der Rhein hinunter auf den Antrieb und schiebt den T schon fast nicht mehr ganz so behäbig voran.

Der Kombi federt straffer abgestimmt etwas stampfiger als die 123er-Limousine. Doch nichts kann diesen Wagen oder die Gewissheit erschüttern, dass sich ein 300 TD-Besitzer bis zur nächsten Eiszeit erstmal keine Gedanken um ein neues Auto zu machen braucht.

Plüschige Club-Atmosphäre im Senator

An das goldene KAD-Zeitalter soll der Senator 1978 anschließen. Dazu streckt Opel den Rekord E um 21,8 Zentimeter, 9,1 kriegt der Hintern ab, 1,5 der Radstand, 11,2 die Nase. Dazu bekommt der Senator eine Schräglenker-Hinterachse mit Miniblockfedern, wird außen mit Chrom behängt, innen voll verplüscht. Unser jadegrüner Senator ist die Basisversion 2.8 S, aber mit Automatik und C-Paket.

Komfort auf Reisen

1978 kostet es 1.730 Mark, dafür gibt es Verlourspolster, Drehzahlmesser, Leichtmetallräder, Sitzhöhenverstellung, ein fernbedienbares elektromagnetisches Kofferraumschloss und – Achtung – zwei von innen einstellbare Außenspiegel. Der Reihensechszylinder schlottert nach dem Kaltstart. Ein paar Minuten, dann hat sich der große Motor aufgewärmt und bruddelt zufrieden vor sich hin. Mit dem kräfigen 2,8-Liter könnte der Senator auch energisch fahren. Aber das passt nicht zu seinem Gemüt als Komfort-Cruiser. Er setzt die Besatzung auf wattige King-Size-Sitze, federt wogig und überdeckt mit einer Extraportion Servo die Rückmeldungen der Lenkung.

Dazu passt die geruhsame Automatik, die gern schon bei 60 km/h in den Dritten schlupft und es dann mit dem Schalten gut sein lässt. Der Drehmomenthügel des Vergasermotors steigt zudem flach genug an, dass sich der Kickdown weit unten verstecken kann – dort, wo der Bodenteppich fast am Gaspedal kitzelt. So ist schon der Basis-Senator ein großartiger Reisewagen. Angesagte Clubs möblieren sich heute wie sein Innenraum. Im Opel wirkt das aber unangestrengt lässig – wenn man sich mal mit der rustikalen Tapezierung aus Tannengrün-Velours und Falschholz angefreundet hat.

So stehen wir nach der kleinen Sause dann noch ein bisschen zusammen herum, B2, T, Senator und ich. Wir reden uns ein, dass wir noch immer ganz weit vorn sind und dass sich doch nichts ändern wird, nur weil wir jetzt 30 sind. Auch wenn es sich anders anfühlt.

Technische Daten
Mercedes 300 TDOpel Senator 2.8 S AutomatikAudi 80 GL
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4725 x 1786 x 1470 mm4811 x 1728 x 1415 mm4384 x 1682 x 1365 mm
KofferraumvolumenVDA1500 L500 L
Höchstgeschwindigkeit155 km/h186 km/h165 km/h
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