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Veritas RS3

Limitierter Supersportler in Fahrt

Foto: Rossen Gargolov 26 Bilder

Der neue Veritas, zu deutsch Wahrheit, ist eine Neuinterpretation der Fünfziger-Jahre-Rennsportwagen und soll dank limitierter Stückzahl äußerst selten bleiben.

07.08.2008 Powered by

Im Ferrari F430 Spider über die Grand-Prix-Strecke von Monaco? Eigentlich eine sichere Geschäftsidee: Selbstfahrer zahlen 100 Euro pro Runde, Copiloten die Hälfte. Doch an diesem Dienstag ist der Stand neben der Schwimmbad-Schikane verwaist. Das Interesse stockt und wendet sich stattdessen einem silbernen Objekt zu, das etwa 20 Meter daneben parkt: dem Veritas RS III. Ein dachloser Zweisitzer in der Anmutung eines Fünfziger-Jahre- Rennwagens und von der Größe eines Mercedes SLR McLaren.

Kleinserien-Supersportler Veritas RS3: 507 PS starker Roadster mit BMW M5-Motor 3:08 Min.

Als der Veritas am Morgen zum Hafen hinunterbollert, nimmt das öffentliche Leben auffällig Anteil. Sogar blasiert herumstöckelnde Prada-Trägerinnen wenden den Kopf - obwohl die PS-Dichte in Monte Carlo jedes Luxusauto banalisiert. Doch der Neue hat den Bonus des unbekannten Fahrobjekts, und auf dem Schwimmbad-Parkplatz stiehlt er dem Ferrari-Verleih die Show. Untätig warten dessen F430 Spider in der Sonne, werden zu unbeachteten Starlets; denn das Interesse verweilt am silbernen Rennwagen- Romantiker. Der Frage "Was ist das?" folgt die Antwort "Ein Veritas", was den offenkundigen Humanisten nur murmeln lässt: „Das ist doch Latein und heißt Wahrheit.“ Immerhin - seine Wissbegierde ist geweckt.

Formelwagen als Sensation

Und so folgen weitere Zuhörer, den Blick auf die glänzende Karosserie geheftet, in Gedanken bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie lauschen beeindruckt der Geschichte von vier Autonarren, die sich 1947 zusammenfanden, um unter dem Namen Veritas auf einem BMW-Chassis einen neuen Rennsportwagen zu bauen - bis hin zum Veritas Meteor Formel 2, mit dem auto motor und sport-Verleger Paul Pietsch erfolgreich war. Im darniederliegenden Nachkriegs- Deutschland galt ein Formelwagen als Sensation, so unsere weitere Ausführung. Doch mit der Zuverlässigkeit der Modelle haperte es auch bei den Finanzen; verschiedene Umzüge des Werkes, zuletzt an den Nürburgring, brachten weitere Unruhe ins Geschäft.

1953 schließlich übernahm BMW die Firma - bis 1999 wiederum vier Enthusiasten von den Münchnern die Namensrechte erwarben. Und damit wären wir fast in der Jetztzeit angelangt. Währenddessen ist bereits eine halbe Stunde vergangen, und die Crew vom Ferrari-Verleih wird unruhig: Keine einzige Fahrt verkauft, die Urlauber fremdeln noch immer. Sie wollen als nächstes wissen, wer denn heutzutage ein derartiges Wagnis wie den Veritas eingehe? Bernd Paetz, Michael Trick, Wilfried Laufer und Michael Söhngen, so die Antwort, wobei nur Letzterer entfernt aus dem Automobilsektor stammt - er ist Designer bei der Kässbohrer Geländefahrzeug AG. Die vier Unternehmensgründer riefen die Vermot AG in der Grafschaft Gelsdorf, nahe der Nordschleife, ins Leben; der Name steht für Vertitas Motorsport.

"Nur diese vier?", fragt ein Passant ungläubig. Nicht ganz, sie heuerten Investoren sowie freie Mitarbeiter an: Johannes Gruber, ein Ingenieur aus der DTM, berechnete den Rahmen, und Zerspanungs-Fachmann Jürgen Neuefeind übernahm die CAD-Arbeiten. "Das heißt, der neue Veritas ist eine eigene Entwicklung?", fragt der Tourist weiter. Ja, nur Motor und Getriebe stammen von BMW, im Prototyp der Fünfliter- V8 aus dem Vorgänger-M5.

Kein ESP, keine Traktionskontrolle, kein ABS

Im späteren Serienmodell hat der Käufer die Wahl zwischen dem V8 aus dem aktuellen M3 mit Schaltgetriebe oder, als Topmodell, dem V10 aus dem M5 mit sequenzieller Sechsgang-Box. Kurzes Schweigen. "Und das Chassis?" Das besteht aus einem Rohrrahmen, woran das Fahrwerk angelenkt ist. Alles rein mechanisch, wie das gesamte Auto bis auf Servolenkung keinerlei Fahrhilfen bietet: kein ESP, keine Traktionskontrolle, kein ABS, nicht einmal Bremskraftverstärker. Ein Fingerzeig zu den Ferrari lässt deren Verleiher aufblicken.

Doch die Geste soll nur die Frage unterstreichen "Fährt der Veritas wie ein F430?" Nein, viel rudimentärer, kein Komfort, keine ausgefuchste Elektronik. Der Pilot allein bestimmt, wie es vorwärts geht - meist beängstigend. Wir erzählen von der Ausfahrt in die Seealpen am Tag zuvor, als wir vor dem Flughafen in Nizza über die hohen Flanken des Veritas klettern, im Wortsinn in ihn einsteigen und uns in seinen Schalensitz plumpsen lassen. Erstaunt registrieren wir die Enge eines Formelwagens und stecken dann die Vierpunkt-Gurte ineinander.

hinauf in die Berge begleitet eine gewisse Nervosität; bloß keinen beim Spurwechsel übersehen. Für die Augen des Fahrers endet die Karosserie auf Höhe der vorderen Lufthutze. Beim Schulterblick verabschiedet sich die Baseballkappe - wir hätten uns besser hinter den Frontscheiben-Stummel ducken müssen. So aber nimmt sich der Wind, was ihm gefällt.

Dann wird die Straße breiter, und die Urgewalt des Fünfliter-V8 verdichtet sie zu wenigen Schaltvorgängen bis zu den engen Pässen der Rallye Monte Carlo. Hier wird der zwei Meter breite Veritas eingekeilt zwischen dem Gegenverkehr und der Felswand. So animierend das V8-Bollern auch zurückhallt: Jeder Versuch, die 400 PS springen zu lassen, setzt die Unversehrtheit der ausufernden Kohlefaser-Karosserie aufs Spiel. Ausweichen - wohin? Klingt nach Stress, ist aber vor allem mentale und körperliche Schufterei.

Der tosende Wind, die sengende Sonne, der Kampf mit den Dimensionen, die Konzentration beim späten Bremsen und frühen Gasgeben - der Veritas verlangt nach Einübungszeit und breiter Bahn, auf der Fahrer und Auto ihre Grenzen kennenlernen dürfen. Etwa einer Rennstrecke, dort sähen ihn seine Macher auch am liebsten. Weshalb im voraussichtlichen Preis ab 335.000 Euro ein Fahrerlehrgang enthalten ist. Wann er auf den Markt kommt?

Der erste Kunde soll seinen Veritas frühestens nächsten Mai erhalten, mehr als 30 Fahrzeuge werden nicht gebaut. Dann könnte eine Art zweisitziges Coupé folgen, wieder limitiert. Mittlerweile ist es Mittagszeit, und der Veritas hat noch eine Verabredung, was nur die Tagesausflügler bedauern. Der Ferrari-Verleiher dagegen blickt erstmals zufrieden - er ist seinen hartnäckigen Konkurrenten los.

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