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Volks-Mercedes

Mercedes 170 V

Foto: Dieter Raith 13 Bilder

Selbst der Zweite Weltkrieg konnte die Erfolgsstory des Mercedes 170 V nicht erschüttern. Der populäre Mittelklassewagen wurde rasch zum Statussymbol der bürgerlichen Mitte und damit zum Urgestein der Marke.

31.07.2008 Alf Cremers Powered by

Er ist technisch modern und konservativ zugleich, einfach konstruiert, aber gediegen gemacht. Geprägt von eleganter Linie, eben ganz nach Art des Hauses. Aus manchen Perspektiven wirkt er wiederum plump und hochbeinig. Keine Frage, der Mercedes 170 V ist ein charaktervolles Automobil. Er ist ein kommod federnder Vollschwingachser zu einer Zeit, als zwei bockige Starrachsen noch üblich sind. Die Karosserie des viertürigen Innenlenkers entsteht größtenteils in fortschrittlicher und produktionsfreundlicher Ganzstahlbauweise.

Billiges Jedermann-Auto in elf Karosserie-Varianten

Nach dem Krieg wird auf das rudimentäre Holzgerippe sogar ganz verzichtet. Statt eines simplen Leiterrahmens baut sie auf einem neuartigen, sehr verwindungssteifen X-Form-Ovalrohrrahmen auf, der später noch den 300er-Adenauer-Typen und dem monumentalen 300 S als Rückgrat dienen sollte. Dem Motor jedoch fehlt jede konstruktive Brillanz – ein seitengesteuerter braver Vierzylinder mit einer spärlichen Leistungsausbeute von 38 PS.

Gleich stark wie der spätere Diesel mit hängenden Ventilen ist die veraltete Konstruktion ein klarer Rückschritt gegenüber dem Sechszylinder-Vorgängermodell. Auch das Getriebe ist bis 1940 noch nicht voll synchronisiert, nur die beiden oberen Gänge lassen sich mühelos ohne Zwischengas und Doppeltkuppeln wechseln. Aber im Lastenheft der Daimler- Benz-Konstrukteure Max Sailer und Rudolf Uhlenhaut stand ein preiswertes, billig zu produzierendes Jedermann-Automobil. Ein Weg, der zuvor schon erfolglos mit dem Heckmotorwagen 130 H beschritten wurde.

In der Porsche- und Ledwinka-infizierten Heckmotor-Euphorie der Dreißiger, als ein Volkswagen zur Staatsangelegenheit wurde, brachte Daimler-Benz schließlich die teurere Limousine 170 H auf den Markt. V wiederum bedeutet beim Vielfalts-Typ 170 – es gab ihn in elf Karosserievarianten – schlicht vorn und bezeichnet die Lage des Motors.

Stolz trägt der 170 V, der kleinste und billigste der Familie, den Stern vorn drauf, über dem Kühlerverschluss – genauso selbstbewusst wie die unerreichbaren Kompressorhelden 500 K, 540 K und der majestätische 770. Immerhin kostet der 170 V als viertürige Limousine anfangs 3.850 Reichsmark. Für dieses Geld bekommt man 1936 gleich zwei erwachsene DKW Meisterklasse F7.

S-Klasse der Nachkriegsjahre

Sein Erfolg gibt dem Konzept des ersten Volks-Mercedes recht. Die weit verzweigte Baureihe W 136 brachte es mitsamt der als W 191 extra gelisteten 170 DS und Sb-Typen auf 158.154 Exemplare in 14 Produktionsjahren. Den zerstörerischen Krieg hat der 170 fast unbeschadet überlebt. Danach beginnt seine zweite Karriere als bescheidene S-Klasse im Wirtschaftswunderland. Die Karosserie sanft geglättet und sehr repräsentativ im Stil des Vorkriegs-230, mehr Leistung, eine niedrig bauende Hypoid-Hinterachse gegen die Hochbeinigkeit, vorn moderne Querlenker statt der archaischen Querblattfeder, eine modische Lenkradschaltung und statt des Reserveradbuckels ein hübsch gestyltes Heck.

Doch unser 170 V ist noch Vorkriegs-Urgestein – gänzlich unverfälscht von verweichlichender Modellpflege. Innen karg gepolstert, aber liebevoll instrumentiert, die Wischer sitzen wie neugierige Insektenfühler auf der Frontscheibe. Leise säuselt der seitengesteuerte Vierzylinder im Leerlauf unter der in der Mitte zweigeteilten Motorhaube. Unbewusst hört der Kenner zunächst den heftig nagelnden Diesel, wenn sein Auge einen 170er wahrnimmt. Dieser ist jedoch die kultivierte Ausnahme.

Unternehmungslustig blickt unser Vorkriegs- 170 V, Baujahr 1939, aus seinen übergroßen Bosch-Scheinwerfern. Selbst in der Altstadt des grünen Tübingen fliegen ihm die Herzen der Flaneure zu. Er ist ein Oldtimer mit frei stehenden Kotflügeln und Trittbrettern. Sein Gesicht mit dem markanten Kühler über der geteilten Stoßstange wirkt zunächst ernst und streng, strahlt dann mit der Freundlichkeit des Kindchenschemas.

Der lange Radstand von 2,84 Meter lässt den 170 V im Profil gestreckt wirken, von schräg hinten verkörpert er jene pummelige Hochbeinigkeit, die seine sonst so diskrete Eleganz vereitelt. Knapp geschnitten und von heimeliger Geborgenheit präsentiert sich der Fahrgastraum. Schmale Fenster, ein steil stehendes riesiges Federspeichen-Lenkrad dicht vor dem Chauffeur und ein gekröpfter Schalthebel wie bei einem Lastwagen. Der 170 V ist ein Auto fürs beherzte Zupacken, kein Salonwagen zum Promenieren.

Mitschwimmen funktioniert auch mit nur 38 PS

Dazu gesellt sich eine Gediegenheit im Detail, die den Jahrzehnten trotzt. Gemächlich und mit einer stoischen Unaufhaltsamkeit, die nur ein leerer Tank zu stoppen vermag, schnürt der seitengesteuerte Vierzylinder dahin. Immer wieder überrascht die Laufruhe des antiquierten Ventiltriebs in diesem Langsamläufer, der seine spärliche Nennleistung schon bei 3.600 Touren erreicht.

Doch der durchzugskräftige Langhuber gibt sich subjektiv längst nicht so phlegmatisch, wie es die Daten suggerieren. Auf Landstraßen kann man gut im Verkehrsstrom mitschwimmen, das teilsynchronisierte ZF-Vierganggetriebe ist gut abgestuft und leicht und exakt zu schalten. Für das häufige Zurückschalten vom dritten in die zweite Stufe ist eine wohldosierte Portion Zwischengas nötig, die nach kurzer Eingewöhnung gelingt.

Auch der Umgang mit den stehenden Pedalen wird als willkommene Abwechslung zum Alltäglichen empfunden. Eine Fahrt im 170 V fordert die Muskelkräfte und fördert die Instinkte. Nichts geht von selbst, alles will erarbeitet sein.

Es gehört zum Klassikergenuss wie die Sahne zum Vanilleeis. Bei sonnigen Temperaturen lässt sich sogar die Windschutzscheibe zur Belüftung aufstellen Dem urwüchsigen V-Typ gebührt die späte Genugtuung, quasi als Letzter der kinderreichen 170er-Sippe überlebt zu haben. Als S-V oder S-D trug er von 1953 bis 1955 die elegante Karosserie der S-Typen auf dem alten Vorkriegs-Fahrgestell des Unverwüstlichen.

Technische Daten
Mercedes 170V
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4270 x 1570 x 1560 mm
Höchstgeschwindigkeit108 km/h
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