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VW Golf R im Fahrbericht

Das kompakte Alpha-Tier

VW Golf R, Frontansicht, Driften Foto: VW 18 Bilder

Der GTI reicht Ihnen noch nicht einmal mit dem Performance-Paket? Okay, hier wäre der perfekte Golf für Sie: der VW Golf R mit 300 PS. Ein VW, der so gar kein Wagen fürs Volk sein will – sondern einfach ein wilder Hund.

07.03.2014 Marcus Peters

Was macht ein VW Golf R auf einem zugefrorenen See in Schweden? Er tobt sich aus. Scheint, als würde der mustergültigste aller Kompaktwagen in diesem Moment die Last seines bürgerlichen Daseins abladen. Er, der Golf, der es allen immer recht machen muss und sich niemals eine Blöße geben darf, fräst im wilden Driftwinkel übers Eis, lässt Schneefontänen aufsteigen und gibt dabei durch seine vier Endrohre deftige Lieder zum Besten.

VW Golf R, Heckansicht
Fahrbericht VW Golf R 3:03 Min.

VW Golf R als Über-GTI mit 300 PS

Mit 300 PS ist der VW Golf R nun der Anführer des Golf-Rudels und nimmt sich als Über-GTI einige Freiheiten heraus – etwa das erstmals komplett deaktivierbare ESP: Ein lang anhaltender Knopfdruck auf die Taste neben dem Schaltknüppel, und der VW Golf R lässt sich auf Eis herrlich breitseits um die Kurve prügeln – ohne Handbrems-Trick. Dabei kooperiert der VW Golf R so willfährig, als wolle er sein tugendhaftes Korsett abstreifen. Endlich einmal frei und wild sein.

Querfahren mit einem Golf? Das geht – sofern es ein Allradler wie der VW Golf R ist. Dessen Haldexkupplung der fünften Generation portioniert das Drehmoment zwischen den beiden Achsen, schiebt einen Teil nach hinten, sobald an der Vorderachse Schlupf droht. VW verspricht, dass der mittels elektrohydraulischer Ölpumpe arbeitende Mitten-Verteiler bis zu 100 Prozent an die Hinterachse leiten kann – etwa, wenn die Vorderräder auf Eis stehen und die hinteren Grip haben. In dieser eher hypothetischen Situation wäre der VW Golf R dann tatsächlich ein Hecktriebler. Sonst schwankt er zwischen Fronttriebler und paritätischer Aufteilung.

Stärkster VW Golf aller Zeiten

Natürlich ist diese Form der Kraftzuweisung nicht als Drifthilfe gedacht; vielmehr will sie durchdrehende Räder unter allen Umständen verhindern – unmöglich auf Eis. Das Armdrücken gegen die Haldexkupplung gewinnt der mächtig aufgepumpte Zweiliter-Turbo mit 380 Nm immer: Er stammt vom GTI-Aggregat ab. Doch dessen Zylinderkopf erhielt geänderte Auslassventile, Ventilsitzringe sowie -federn – und der Brennraum neue Kolben. Zudem wurden die Hochdruck-Einspritzventile sowie der Abgasturbolader überarbeitet.

Heraus kam der stärkste Serien-Golf aller Zeiten, und er präsentiert seine 300 PS wortgewaltig: Ein Soundsymposer fügt dem Ansauggeräusch schnoddrigen Bass hinzu. Vor allem im neuen Race-Modus massiert das voluminöse Grollen des VW Golf R das Zwerchfell und täuscht fast fünfzylindriges Brodeln vor.

Die 300 PS sollen den handgeschalteten VW Golf R in 5,1 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 wuchten; die DSG-Version will es noch einmal zwei Zehntel schneller können. Auf den vereisten Straßen Schwedens lässt sich das nicht überprüfen – wohl aber das fette Drehmoment im mittleren Drehzahlbereich auskosten: Es generiert bei abgeschalteter Fahrdynamikkontrolle jenen beständigen Schlupf, der eine unabdingbare Drift-Voraussetzung ist. Und bei der aktuellen R-Generation pfuscht tatsächlich keine Regelungselektronik ins Handwerk.

VW Golf R driftet in jedem erdenklichen Winkel

Das prinzipiell zumindest auf rutschigem Untergrund vorhandene Talent zum Driften verkümmerte beim Vorgängermodell unter der zupackenden Dominanz des ESP. Zwar konnte das System deaktiviert werden; wer jedoch bremste und gleichzeitig lenkte – also die normale Choreografie beim Anstellen vor einer Kurve –, der holte den Fahrdynamikregler zwangsläufig als eine Art Rettungsschirm zurück. Jetzt bedeutet aus wirklich aus, und damit ist jeder Lenkradartist im VW Golf R auf sich selbst gestellt. Ohne Netz und doppelten Boden.

Immerhin balanciert man im VW Golf R auf einem breiten Seil: Der Kompakte gibt rechtzeitig bekannt, was von seinem Heck zu erwarten ist. Dem Drift geht zunächst eine sanft drückende Hinterachse voraus; wer nun die Lenkung öffnet und leicht auf dem Gas bleibt, der bringt sie locker in die Spur zurück. Wer allerdings weiterhin einlenkt und gleichzeitig beherzt Gas gibt, nimmt die Einladung zum Tanz an: Der VW Golf R driftet in jedem erdenklichen Winkel – sogar mit der Hinterachse voraus.

Von außen sieht die Lage zuweilen aussichtslos aus, scheint ein Dreher unvermeidbar. Doch selbst wenn der Blick des Fahrers schon fast über die eigene Schulter wandern muss, um den Kurvenausgang ins Visier zu nehmen, kann die Vorderachse den VW Golf R wieder geradeziehen. Das schaffen nur Allradler.

Wild, aber niemals riskant

Allerdings gelingt der saubere Drift mit konstantem Lenkeinschlag im VW Golf R nicht; die fortwährend wechselnde Kraftverteilung des Haldexsystems zwischen vorne und hinten mischt sich da in die Arbeit des Querlenkers ein. Man muss umdenken und trickreich agieren: Kommt die Hinterachse herum, nicht zu lange gegensteuern, sondern spätestens im Scheitelpunkt wieder in die Kurve einlenken. Ganz so, als würde der Allradler gerade untersteuern. In diesem Moment transferiert das Haldexsystem mehr Drehmoment nach hinten, und der Drift hält bis zum Kurvenausgang.

Das erfordert einiges an Übung, sorgt andererseits für spektakuläre Driftwinkel mit dem VW Golf R. Etwa wenn man fast schon mit dem Heck voraus in eine Spitzkehre hineinrutscht und dann pfeilgerade herausschießt. Was dem früheren Rallye-Fahrstil ähnelt, war wohl eher weniger die Absicht der Fahrwerksentwickler. Sie dürften bei der Abstimmung vor allem den Sicherheitsaspekt auf der Straße im Blick gehabt haben. Und da ist es absolut hilfreich, wenn die Vorderachse ein ausbrechendes Heck wieder geradeziehen will. Denn bei allem Herumtoben im Schnee: Ein VW Golf R darf wild unterwegs sein, aber niemals riskant.

Fazit

Und er kann wild sein:

Dem GTI einen draufzusetzen, fällt schwer – aber es gelingt dem VW Golf R tatsächlich: Er ist heftiger, schneller und kann (zumindest auf Schnee) driften. Aber er ist auch sehr, sehr teuer und damit der exklusivste Serien-Golf aller Zeiten.

Technische Daten
VW Golf R
Grundpreis40.400 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4276 x 1799 x 1436 mm
KofferraumvolumenVDA343 bis 1233 L
Hubraum / Motor1984 cm³ / 4-Zylinder
Leistung221 kW / 300 PS (380 Nm)
Höchstgeschwindigkeit250 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h5,1 s
Verbrauch7,3 L/100 km
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