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VW Passat Variant B2 Fahrbericht

7 Jahre im großen Kombi

Foto: Hardy Mutschler 11 Bilder

YOUNGTIMER-Redakteur Sebastian Renz erinnert sich an eine Geheimabsprache bei der Evangelischen Kirche Deutschland, die Rücksitzbank seiner Jugend, an sieben Jahre mit dem Volkswagen Passat B2 und an die Hinterhältigkeit der Schokobanane. 

03.07.2013 Sebastian Renz Powered by

Das mit den Schokobananen hat sich dann gleich mal für fünf Monate erledigt. An einem Novembermorgen 1983 schwänze ich den Kindergarten und hole mit meinen Eltern das neue Auto ab. Beim Frühstück bin ich aufgeregt und mag nichts essen. Erst als mein Kindersitz im neuen Passat festgezurrt ist, habe ich Hunger. Zur Feier des Tages bekomme ich meine erste Schokobanane. Doch die ist ein hinterhältiges Biest. Ihre Schokoglasur marmoriert das beige Cordtweed-Polster Saiga um, trotz meiner Anstrengungen, das zu verhindern. Obwohl ich meine Unschuld beteuere, wird die Banane freigesprochen, als es darum geht, wer den Fleck auf dem linken Rücksitz zu verantworten hat. Bei der EKD muss es damals eine geheime Absprache geben. Denn nicht nur mein Vater, sondern auch all seine Kollegen fahren VW Passat B2.

Mit Saugdiesel-Passat die Welt verbessern

Diejenigen von ihnen, die im Oktober 1981 im Bonner Hofgarten gegen den Nato-Doppelbeschluss demonstrieren und später in Wackersdorf von Wasserwerfern weggespült werden, fahren den Passat als Variant mit 54-PS-Saugdiesel, in Dunkelgrün und mit Greenpeace-Kleber. Der erste Sticker, der auf unserem marsroten 75-PS-Benziner mit Schrägheck pappt, demonstriert die Verbundenheit mit dem VfB Stuttgart. Der Marsrote ist einer von sieben Passat-Modellen aus drei Generationen, mit dem wir im Namen des Herrn unterwegs sind. Doch keiner bleibt länger bei uns. Als er nach sieben Jahren und 220.000 Kilometern geht, sieht er aus wie unser Foto-Auto. Deshalb suche ich diesen Passat für den Fahrbericht aus.

Pragmatisch, praktisch, gut

Es gibt schönere, seltenere und begehrenswertere B2 – aber wenige authentischere als den verstrubbelten 87er Variant CL in Flashsilber Metallic. Denn das hier ist eine Reise in die Vergangenheit, und die hatte eben keine fünf Zylinder, keinen syncro-Antrieb, keine Carat-Ausstattung. In einer Zeit, in der man in den Sommerferien auf einen Bauernhof an die Nordsee fährt und keinesfalls bereits zu Pfingsten schnell mal in die DomRep kurztrippt, wecken CL-Ausstattung und 75-PS-Motor noch das Gefühl, sich etwas gegönnt zu haben. Davor überlegt man lang, ob es nicht auch die C-Version tun würde – mit der bis 1986 angebotenen 60-PS-1,3-Liter-Maschine, die selbst im Polo keine Leistungsorgien veranstaltet.
 
Der Erstbesitzer dieses Variant aber sprengt die Bank und stattet den 1,6er für Passat-Verhältnisse fast schon übermütig-luxuriös aus: mit Radio Beta, geteilt umklappbaren Rücksitzen, Anhängerkupplung und Stahlschiebedach - immerhin das manuelle, nicht das dekadente elektrische. Schon das Knacken der Türöffner bringt mich zurück. Ich setze mich auf meinen alten Platz hinter dem Fahrersitz. Überragend geräumig fühlt sich der VW Passat nicht mehr an, die Decke hängt niedrig. Ich klettere nach vorn auf den tief eingebauten Fahrersessel. Eigentlich sollte ich nicht hier sein, schon Vornesitzen fühlt sich gewagt an. Es beschränkt sich in der Zeit mit unserem Familien- Passat auf wenige Fahrten während der letzten Monate mit ihm – weil es erst mit zwölf erlaubt ist, und mein Bruder den Beifahrersitz als Vorrecht des Älteren versteht und entschlossen verteidigt.

Manuelle Viergangbox ist die beste, die es bei VW gab

Der 1,6-Liter startet auf den ersten Schlüsseldreh. Das macht ein Motor der EA 827-Baureihe immer, da kann um ihn herum schon die zweite Karosserie abgefault sein. Erster Gang rein. Die Kupplung kommt, als ich kaum mehr damit rechne, und rupft den Variant energisch vorwärts. Für den nur knapp über eine Tonne schweren VW Passat B2 genügt auch die sanfte Durchzugskraft dieser Maschine. Doch der 1.600er dreht gern, bevor er den nächsten Gang braucht. Die manuelle Viergangbox gleicht der des Audi 80 B2 und gehört zu den besten, die es bei VW je gab. Über den kurzen Schalthebel rasten die Zahnräder sauber ein. Dabei kostet Schalten genau das Maß an Nachdruck, um dem Fahrer den Eindruck zu vermitteln, eine große Aufgabe ganz allein und doch vollendet gemeistert zu haben. Dieses erhebende Gefühl schenkt der Passat seinem Piloten dauernd. Dazu genügen 75 PS und ein Vierganggetriebe, auch wenn sich eine Mittelklasselimousine so heute nicht mehr blicken lassen dürfte. Doch für den Passat ist es eine vollendete Kombination.
 
Es gibt immer so viel Kraft, wie man braucht, aber nie mehr als man vor sich, den Kollegen oder dem Zeitgeist vertreten könnte. Einfach, doch sorgfältig konstruiert, fährt sich der Passat käferig-leicht. Anders als sein Nachfolger, der B3 mit Quermotor und Seilzugschaltung, der seine Kühlluft durch das VW-Emblem schnorchelt, kennt der zweite VW Passat keine Extravaganzen. Das passt ihm ganz gut, so kann er sich darauf konzentrieren, einfach ein gutes Auto zu sein. Als Variant bleibt der B2 weit gehend von den Folgen der Überarbeitung im Januar 1985 verschont. Bei der adoptiert die Passat-Familie den Santana, und das Schrägheck bekommt einen moppeligen Spoiler-Hintern. Am Kombi ändert sich dagegen kaum etwas: Plakettengrill, Stoßfänger bis zu den Radhäusern, neues Lenkrad. Damit hat es sich dann schon.

Im B2 stecken bleibende Werte

Das Cockpit bleibt pragmatisch: Alles da, was man braucht, aber nichts, an dem der Fahrer rumfingern kann, nur damit er etwas zum Rumfingern hat. VW kreuzschlitzverschraubt den Passat B2 rustikal, aber massiv. So verströmt er innen dieselbe Heimeligkeit wie eine warme Wohnküche – eine mit Eckbank, in der die Spielesammlung unter der hocklappbaren Sitzfläche liegt. Einziger Schmuck ist der Passat-Schriftzug rechts am Handschuhfach. Dafür stecken im B2 bleibende Werte: Selbst wenn der Rost nach 20 Jahren beginnt, an den Radläufen herumzuknabbern, klappert innen noch nichts. Das macht den Passat zu einem Langzeitauto, das sich auch nach einer viertel Million Kilometer nicht verbraucht fährt, sondern noch von allem genug bietet – von Fahrsicherheit, Komfort, Platz, Fahrleistungen und obendrauf sogar etwas Handling.
 
Weil Handling aber an sich nicht zur Serienausstattung gehört, übertreibt es VW beim Passat B2 damit nicht. Durch die indirekte Lenkung muss man den Variant ausufernd um Kurven kurbeln. Das senkt aber die Lenkkräfte deutlich und so den Bedarf an einer Servolenkung komplett. Was hervorragend zum Passat passt, den jedes Extra aufwertet, das er nicht hat. Also fahren mein Vater und seine Kollegen den B2 damals wohl doch nicht aus weltanschaulichen Gründen. Sondern, weil er ein einfaches, bescheidenes und treues Familiengefährt ist, mit dem man sich aber selbst auf die Fahrt zum Gemeindebazar freut. Deshalb vermisse ich von unseren Familienautos nur den VW mit dem Kennzeichen BL-ER 740. Auch wenn mir unsere erste Begegnung vor 25 Jahren fünf Monate Vollkornkekse ohne Bewährung einbrachte.

Technische Daten
VW Passat Variant CL 1.6
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe4545 x 1695 x 1385 mm
Höchstgeschwindigkeit160 km/h
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