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VW T3 "Carrera"

T3-Bulli mit Porsche-Motor

Foto: Uli Jooß 16 Bilder

Mitte der Achtziger entstand in Stuttgart-Zuffenhausen eine Hand voll VW T3 mit dem 231 PS starken Sechszylinder des 911 Carrera. Bis heute gibt es für kinderreiche Porsche-Enthusiasten nichts Besseres.

09.05.2013 Hans-Jörg Götzl Powered by

Man könnte nun etwas über den stillen Reiz erzählen, ein längst aus der Mode gekommenes Fahrzeug zu bewegen, in dem heimlich das Herz eines Hochleistungssportlers arbeitet. Man könnte auch über den Sicherheitsgewinn faseln, den ein starker Motor beim Überholen bietet. Doch vielleicht ist es besser, einfach ehrlich zu sein.

"Es ist schlicht genial, auf der linken Spur irgendwann den Blinker zu setzen und mit dem alten VW Bus an so einem modernen Van vorbeizuziehen", meint T3-Fahrer Manfred Rugen. Das Schwierigste in diesem Moment sei, so der 41-Jährige, "stoisch und unbeirrt geradeaus zu schauen, als sei nichts" – während der Fahrer des modernen Turbo-Diesel einigermaßen fassungslos zusehen muss, wie dieser graue Quader trotz eines cW-Wertes von Burg Camelot hurtig am Horizont verschwindet. Bei Bedarf mit echten 220 km/h.

Porsche-Entwickler wollten einen Service-Bus, der am 911 dranbleiben kann

Was diesen VW T3 in für VW-Transporter ungewöhnliche Geschwindigkeitsbereiche treibt, verrät der Carrera-Schriftzug am Heck: Direkt dahinter, eine Etage tiefer, arbeitet an Stelle der asthmatischen Seriendiesel oder der maximal 112 PS starken Wasserboxer der luftgekühlte Sechszylindermotor aus dem Porsche 911 - in dieser Ausbaustufe mit 231 PS aus 3,2 Liter Hubraum und einem Drehmomentberg von 285 Newtonmeter.

Dorthin verpflanzt hat den Motor indes kein begabter Feierabendbastler, sondern ein Haufen höchst qualifizierter Techniker aus dem Porsche-Entwicklungszentrum in Weissach. Diese nämlich waren zu Beginn der Achtziger endgültig davon genervt, dass sie bei ihren 911-Erprobungsfahrten ständig auf den hinterherhechelnden VW T3-Service-Bus mit Ersatzteilen und Messgeräten warten mussten.

Als erste Maßnahme montierten sie daher im Herbst 1981 versuchsweise einen 100 PS starken Vierzylinder aus dem 914 in den Maschinenraum eines VW T3. Das war schon besser. Wirkliche Abhilfe brachte aber schließlich 1983 ein rund 22.000 Kilometer altes Dreiliter-SC-Aggregat mit 204 PS. Fortan kamen die Ersatzteile auch bei Erprobungsfahrten in Algerien fast gleichzeitig mit den Testwagen im Etappenziel an.

Kleinserie zu horrenden Preisen

Der in den Porsche-Fuhrparkfarben Orange und Weiß lackierte Neunsitzer begeisterte alle Eingeweihten derart, dass in Zuffenhausen über eine Kleinserie des VW T3 "Carrera" nachgedacht wurde. Angepeilter Grundpreis 1983: mindestens 80.000 Mark, mit Ausstattung locker 100.000 Mark. Ein 911 Carrera kostete im August 1983 exakt 61.950 Mark.

Kein Wunder also, dass die Idee aus finanziellen Gründen fallen gelassen wurde. "Das hätte sich einfach nicht gerechnet", erklärt Porsche- Museumschef Klaus Bischof. Zumindest zehn Exemplare des VW T3 mit dem Antrieb des 3,2-Carrera aber sind entstanden.

Wie weit die Pläne zur Serienfertigung des VW T3 Carrera gediehen waren, zeigt eine erhaltene Betriebsanleitung, in dem sich gleich zu Beginn - rot unterlegt - folgender Hinweis findet: "Die Fahrleistungen übersteigen erheblich die des VW-Serienmodells. Sie sollten beim Betrieb des Fahrzeugs diesen Umständen Rechnung tragen und die Fahrweise entsprechend anpassen."

Famoses Fahrwerk mit zupackenden Bremsen

Na gut. Wobei die Fahrstabilität des B 32 genannten Über-Busses über jeden Zweifel erhaben ist. Das ohnehin schon gute Fahrwerk des VW T3 haben die Porsche-Techniker gekonnt verbessert, zumeist mit dem Griff ins hauseigene Teileregal oder Amtshilfe der Kollegen in Wolfsburg.

"Die vorderen, innenbelüfteten Bremsscheiben sowie die Bremszangen stammen aus dem 911, die hinteren Bremstrommeln vom VW-Transporter LT 28", meint Manfred Rugen. Dazu sind viele Fahrwerkkomponenten des VW T3 Carrera verstärkt - auch wenn es nicht so aussieht. "Manche Teile sehen aus wie aus der Serie, sind aber kräftiger dimensioniert", erklärt Rugen.

Für den Einbau des Sechszylinder-Boxers samt passendem Getriebe änderten die Porsche-Mannen zudem die Motorlagerung, setzten den Kofferraumboden des VW T3 15 Zentimeter nach oben, montierten im Bug einen Ölkühler und im Heck einen Öltank. Angepasst wurden außerdem Kupplung und Schaltung sowie die Auspuffanlage.

Lösung des Transport-Dilemmas

Und weil eben dieses Exemplar des VW T3 Carrera einst dem Porsche-Entwicklungsvorstand Helmut Bott als Dienstfahrzeug zur Verfügung stand und unterwegs als Büro genutzt wurde, verfügt es über die luxuriöse Carat-Ausstattung mit hinteren Einzelsitzen und Klapptisch. Von Bott gelangte der Bus zu einem Porsche-Sammler, der ihn schließlich vor drei Jahren an Manfred Rugen veräußerte.

Dieser nämlich suchte schon länger nach einem Ausweg aus seinem persönlichen Transport-Dilemma. Schließlich versorgt Rugen seit beinahe 15 Jahren die historische Rennszene mit leistungsstarken 911-Motoren - dummerweise passt die eigene, mittlerweile sechsköpfige Familie beim besten Willen nicht mehr in den Stuttgarter Sportwagen. Weil aber auch die Kleinen unterwegs nicht auf Kraft und Klang des luftgekühlten Sechszylinders verzichten sollten, kam der VW T3 Carrera Bulli gerade recht.

Und so wird das Großraumgefährt heute so genutzt wie eben die meisten seiner schwächeren Artgenossen auch: Morgens fährt Ehefrau Susanne die Kinder Zoe, Amber, Anna und Maja in die Schule beziehungsweise in den Kindergarten, nachmittags geht es ins Schwimmbad oder zu Freunden. Oder im VW T3 Carrera mit Familie und Gepäck auf die große Urlaubsfahrt.

Der Klügere gibt nach - und behält den VW T3 Carrera

Manchmal nagelt Manfred Rugen den Bus auch an einem einsamen Abend durchs nahe gelegene Teufelsmoor, dass kein Auge trocken bleibt. Das Fahrverhalten ist dabei kaum anders als bei einem normalen VW T3 - Drifteinlagen gelingen auch mit der Mehrleistung nur äußerst mutwillig. Dafür geht es auf Wunsch wirklich zügig voran - und zwar mit ungeahnter Drehfreude und untermalt vom typischen 911-Röhren.

Bei all dem zeigt sich der verpflanzte Sechszylinder seit 35.000 Kilometern außerordentlich robust. Nur einmal dachte Manfred Rugen kurz daran, den T3 zu verkaufen. Vermutlich, als er gerade mal wieder den 100-Liter-Tank mit feinstem Super befüllt hatte. Diese Idee aber stieß bei der Familie auf heftigen Widerstand. "Die Kinder schrien und brüllten: Papa, du bist so gemein, das kannst du doch nicht machen!", erzählt Rugen. Also blieb der Bus eben da. Der Klügere gibt nach.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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