Wiesmann MF3 im Fahrbericht: Kerniger Roadster aus Deutschland

Kernige Roadster kommen aus England. Aber nicht alle. Der Wiesmann MF3 mit BMW-Technik setzt einen deutschen Akzent. Die jüngste Ausführung des Wiesmann-Sportwagens trägt unter der langen Haube den 3,2 Liter großen Reihensechszylinder aus dem BMW M3.

Für die Roadster-Freaks, die unter dem britischen Tunnelblick leiden, ist er nichts, der Zweisitzer mit dem schlichten deutschen Namen Wiesmann. Der Union Jack, den die meist schnurrbärtige Klientel von Morgan, Westfield und Company gern gut sichtbar an den Wagenflanken trägt, gilt ihr als einzig wahre Legitimation im Reich der Sportwagen mit spärlichem Stoffdach und knüppelnder Federung.

Die Meinungen in der Redaktion fallen dementsprechend zwiespältig aus. Sie reichen von „cool“ bis „vulgär“. Als ob es ein Sakrileg wäre, wenn jemand im münsterländischen Dülmen versucht, einen Roadster mit klassischen Stilelementen zu bauen – zumal die technischen Grundlagen vom Feinsten sind. Die jüngste Ausführung des Wiesmann-Sportwagens mit der Zusatzbezeichnung MF3 trägt unter der langen Haube den 3,2 Liter großen Reihen-sechszylinder von BMW, wie er normalerweise im M3 zum Einsatz kommt. Ein reinrassi-ger Sportmotor also, der seine Kurbelwelle bis zu 8000 Mal pro Minute rotieren lassen kann und dessen spezifische Leistung deutlich über 100 PS pro Liter Hubraum liegt. Die Kraftübertragung übernimmt das sequenziell mit Paddeln am Lenkrad geschaltete Sechsganggetriebe SMG.

Die Radaufhängungen stammen ebenfalls vom M3, das Chassis fertigt Wiesmann komplett aus Aluminium, und die Karosserie besteht aus mit Glasfaser verstärktem Kunststoff. Damit kommt der Roadster auf ein Leergewicht von nur 1225 Kilogramm. Kein Wunder, dass es gewaltig vorangeht. Beim Start krallen sich die extrem breiten Reifen auf der Antriebsachse förmlich in den Asphalt. Die Schaltpausen beim Hochschalten sind auf ein Mi-nimum reduziert. Trotzdem fallen die Schaltrucke nicht unangenehm hart aus – zum Lobe des Wiesmann kommt man nicht um die Feststellung herum, dass die Abstimmung des SMG-Getriebes überzeugend geglückt ist. Besser jedenfalls als die des Sportauspuffs. Der bläst bei hoher Motordrehzahl, als sei der Wiesmann für die Rennstrecke gemacht. Für kurze Beschleunigungsorgien mag das ja ganz eindrucksvoll sein. Aber die dröhnenden Frequenzen, die sich unter den trompetenden Sound mischen, massieren die Trommelfelle bei einem längeren Aufenthalt im Hochgeschwindigkeitsbereich so nachhaltig, dass man gern freiwillig vom Gas geht.

Damit kommen die ob der MF3-Spurtkraft meist sichtbar verblüfften Besatzungen deutscher Edelprodukte, die den Wiesmann wohl für einen gut restaurierten Oldtimer halten, in den Genuss, nicht nur den geschwungenen Hintern, sondern auch die nicht minder eigenwillig gestylte Frontpartie zu begutachten. Ungeteilte Aufmerksamkeit ist dem Wiesmann jedenfalls sicher. Auch wenn er schweigend an einer Tankstelle steht. Wie alle exotischen Automobile fördert er die zwischenmenschliche Kommunikation. Kommt der aus England? Nein. Wieviel Leistung? 343 PS. Höchstgeschwindigkeit? 255 km/h. Preis? 88.900 Euro, ohne Extras. Handarbeit hat eben ihren Preis. Und vielfach erfüllt sie bei weitem nicht die Erwartungen. Weil nicht nur handgearbeitet, sondern schlicht gebastelt wird.

Der Wiesmann-Roadster, und das ist das eigentlich Überraschende, bildet da eine rühmliche Ausnahme im Kreis der Kleinstserien-Automobile. Das beweist in erster Linie die hohe Steifigkeit seines Aufbaus. Obwohl die straffe Federung beste Voraussetzungen bietet, um die Karosserie in ihren Grundfesten zu erschüttern, herrscht Ruhe – auch auf Landstraßen hinterster Ordnung. Kein Zittern, kein Geklapper, kein Knistern des im Cockpit reichlich verteilten Leders. Auch die tierischen Häute überzeugen durch saubere Verarbeitung, wie überhaupt das Cockpit erkennen lässt, dass Funktionalität bei der Gestaltung im Vordergrund stand. Die Sitzposition hinter dem kleinen Lenkrad passt wie angegossen, die Bedienungsschalter geben keine Rätsel auf. Auch damit macht der Wiesmann unmissverständlich klar, dass er kein Showobjekt zum Flanieren auf den City-Boulevards sein will. Sondern ein ernsthaftes Instrument zum sportlichen Fahren. Klar, dass der kraftvolle und schon bei kleinsten Bewegungen des Gaspedals giftig zubeißende Sechszylinder dabei die Hauptrolle spielt. Obwohl er keineswegs, wie es seine wichtigsten Eckdaten vermuten lassen, nur bei extrem hohen Drehzahlen zu Hause ist.

Auch im unteren Drehzahlbereich zieht er kraftvoll durch, der sechste Gang kann bereits bei Stadtgeschwindigkeit eingesetzt werden. Weil der Motor erheblich weniger Gewicht mit sich zu schleppen hat als in seiner ursprünglichen M3-Umgebung, wirkt er im Wiesmann noch kraftvoller, noch souveräner.

Beim Öffnen der insgesamt sechs Drosselklappen schnellt die Nadel des Drehzahlmessers blitzartig nach oben, wozu auch die kurze Gesamtübersetzung ihren Teil beiträgt. Der zweite Gang reicht gerade, um bei einer Schaltdrehzahl von 7800/min die 100- km/h-Marke zu überschreiten. 4,9 Sekunden zeigt das Messgerät anschließend an, und damit braucht sich der Wiesmann-Roadster im Kreis der ganz Schnellen wahrhaftig nicht zu verstecken. Imponierende Fahrleistungen zu erzeugen ist nach der Formel „starker Motor, leichtes Auto“ natürlich keine Kunst. Höhere Ansprüche an einen Kleinhersteller wie Wiesmann, der kein Heer von Testfahrern zur Verfügung hat, stellt die Abstimmung des Fahrwerks. Mit einer bekannt guten technischen Basis ist da schon der wichtigste Schritt gemacht.

Die BMW-Gene zeigen sich im Wiesmann von ihrer besten Seite: extrem flinkes Handling dank einer sehr präzise ansprechenden Lenkung, guter Geradeauslauf bei hohem Tempo, Vertrauen erweckende Stabili-tät in schnellen Kurven. Viel frische Luft gibt es obendrein, und wer darauf keinen Wert legt, kann bei Wiesmann trotzdem fündig werden: Neuerdings gibt es auch eine Coupé-Ausführung.

Kommentare
Bild vergrößern
Götz Leyrer

Autor:

Anzeige
Thema
Sportwagen: Weitere Artikel zu diesem Thema
Morgan Plus 8 4.8 in Genf: Der Achtzylinder ist zurück

Die britische Sportwagenmanufaktur Morgan baut wieder einen Morgan +8. Die Kraftquelle stammt aber diesmal von BMW.

Morgan Plus 8 4.8
DC Avanti: Indien-Sportler kommt 2013

Der indische Autodesigner DC Design hat mit dem DC Avanti einen kleinen Sportwagen gezeichnet, der 2013 kommen soll.

DC Avanti
Top Artikel
Wiesmann Roadster MF4-S: Roadster mit BMW-Technik im Fahrbericht

Gut 15 Jahre nach dem Debüt seines luftigen Roadsters präsentiert Sportwagenhersteller Wiesmann ein neues Modell, in dem traditionell wieder viel BMW-Technik steckt.

Wiesmann Roadster MF4-S
Wiesmann GT MF5 im Fahrbericht: Gecko-Blaster

Der Sportwagen-Hersteller Wiesmann präsentiert seine neueste Kreation, den GT MF5 mit 507 PS. Fahrbericht.


Newsletter
Neuwagen suchen

Neuwagen zu Internet-Preisen

Konfigurieren Sie jetzt Ihr Wunschfahrzeug zu besonders günstigen Konditionen!

Aktuelle Ausgabe
auto motor und sport - Heft 5/2012
Ab jetzt im Handel auto motor und sport - Heft 05/2012
Sportauto
Aston Martin DBS im Supertest: James Bond-Auto auf der Rennstrecke

Es ist nicht die vornehme Art, einem Aston Martin DBS alles abzuverlangen, doch der Aufenthalt im Grenzbereich ist unterhaltsam.

James Bond-Auto auf der Rennstrecke
Motor Klassik
Opel Diplomat B V8: Groß-Projekt - Aufbau statt Schrottplatz

Ein schleudernder Mercedes verwandelt Steffen Exners Opel Diplomat in einen Totalschaden. Doch Exner baut ihn wieder auf.

Groß-Projekt - Aufbau statt Schrottplatz
4WheelFun
Kälte-Chaos für Dieselfahrer: Was tun, wenn der Diesel streikt?

Eiseskälte in Deutschland, und immer mehr Diesel-Fahrzeuge bleiben liegen. Woher kommt das und was lässt sich dagegen tun?

Was tun, wenn der Diesel streikt?
Alle Autos von A-Z
  • Loading...
  • Loading...