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Zimmer Quicksilver Fahrbericht

Das Auto, das keiner kennt

Zimmer Quicksilver, Frontansicht Foto: Hardy Mutschler 18 Bilder

Zwei Männer cruisen durch Hamburg. Ihr Auto: ein schwarzer Zimmer Quicksilver. Wie bitte? Noch nie diesen Namen gehört? Na, dann passen Sie mal auf. Denn der nur 170 Mal gebaute Exot kann begeistern.

06.10.2014 Michael Schröder Powered by

Der Zimmer Quicksilver weiß, dass er auffällt. Spürt die verwunderten Blicke der Passanten, die ihn zufällig erblicken. Fühlt, wie die Lichter der Stadt auf seinem schwarzen Lackkleid tanzen. Genießt dabei klammheimlich, dass niemand seinen Namen kennt, dass er auf Hamburgs Straßen das süße Leben eines Exoten führen darf. Es heißt sogar, dass er das einzig zugelassene Modell seiner Art in Deutschland ist. So etwas kann sich schon mal aufs Ego auswirken.

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Fahrbericht Zimmer Quicksilver
Motor Klassik 03/2014
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Pikfeine Vollausstattung in Fiberglas-Hülle

Die beiden Männer in der engen Kabine wissen hingegen genau, was für einen raren Vogel sie da bei ihrer Runde durch die Hafenstadt bewegen: einen Zimmer Quicksilver, eines von insgesamt nur 170 gebauten Exemplaren. Ein Auto, optisch irgendwo zwischen Batmobil und Maybach Exelero, das seinen Motor jedoch nicht unter der langen Haube, sondern direkt hinter den Fahrersitzen trägt, weil es sich technisch gesehen um einen Pontiac Fiero GT handelt. Alles klar?

Dicke Regentropfen trommeln auf das Dach des ultraflachen Coupés, doch das scheint ihm, Jahrgang 1987, nichts auszumachen. Seine Karosserie - komplett aus Fiberglas. Der protzige Chromschmuck inklusive des scheunentorgroßen Kühlergrills dürfte mehr wiegen als die gesamte Plastikhülle des Zimmer Quicksilver.

Trotzdem ist es nicht sein Tag. Zu wenige beachten ihn, spenden bei diesem Wetter den gewohnten Applaus. Kein Mensch sitzt draußen vor den hippen Cafés auf der Schulterblatt-Piazza, dem Hotspot im angesagten Schanzenviertel. Kein Flohmarkt, keine Straßenmusiker, nur ein paar Obdachlose, die im Eingang der maroden Roten Flora, jenem Symbol für den linken Widerstand in Hamburg, Schutz vor dem Regen suchen. Es ist aber auch nicht die Umgebung, nach der sich der Zimmer Quicksilver sehnt. Er versteht sich als "luxury car" und verweist auf seine pikfeine Vollausstattung: feinstes Leder, viel Holz und ein samtweicher Teppich im Fuß- sowie in den beiden Kofferräumen, dazu Sitze, Fenster und Außenspiegel, die selbstverständlich allesamt von E-Motoren bewegt werden.

Promis fuhren Zimmer Quicksilver

Über eine standesgemäße Klimaanlage und das Soundsystem verliert er hingegen kein Wort, vielmehr lässt er jeden gerne wissen, dass Frank Sinatra, Sylvester Stallone und der Basketball-Star und Rapper Shaquille O'Neal Besitzer eines Zimmer Quicksilver waren. Sogar der König von Jordanien soll einen Zimmer Quicksilver besessen haben.

Er biegt auf die Reeperbahn ab. Nachtklubs, Bars und Diskotheken wischen vorbei, tagsüber und bei Regen eher eine trostlose Angelegenheit. Zumindest hier drehen sich ein paar Touristen neugierig nach dem Zimmer Quicksilver um, immerhin. Er fühlt sich besser, fängt zu kokettieren an, weil sein Erbauer Paul Zimmer aus Syracuse, New York, mit seinen beiden Modellen laut Eigenwerbung nichts anderes als einen "neuen Standard in der Welt der Automobile" erschaffen wollte.

Er schweift zurück ins Jahr 1978, denkt an die Zeit, als der schwerreiche Unternehmer die Zimmer Motorcars Corporation ins Leben rief. Erzählt, das erste Modell sei der Golden Spirit gewesen, ein Auto im 30er-Jahre-Look eines Excalibur, dessen lausige Verarbeitungsqualität den großen Boss schwer enttäuscht habe. Jetzt wollte er es allen zeigen: eine eigene hochwertige Kunststoffkarosserie in der eigenen Fabrik für Luxusjachten und Wohnmobile in Florida produziert und auf das verlängerte Chassis des Mercury Cougar gesetzt – was für eine großartige Idee!

Der Quicksilver kommt angesichts des Verkaufserfolgs seines großen Bruders ins Schwärmen: rund 1500 Exemplare zum Stückpreis von 175 000 Dollar. Zur Kundschaft hätten hauptsächlich Hollywoodstars gehört. Und später natürlich die Hip-Hop-Szene. Ja, so sei das damals gewesen.

Leider kein Achtzylinder

Es geht hinunter nach Altona, zum Hafen. Ehrensache: der Abstecher in die Große Elbstraße, wo jeden Sonntag vor roten Backsteinbauten der Fischmarkt stattfindet. Schick ist es in letzter Zeit rund um die alten Fischmarkthallen geworden. Und teuer. Die erste Reihe an der Elbe - fest in der Hand von Agenturen, Restaurants und Firmen. Dazwischen moderne Luxuswohnungen, teure Autos, schöne Menschen.

Doch erst hier fühlt sich der Zimmer Quicksilver so richtig wohl. Er steht auf das Teure, das Besondere. Für diese Welt, so behauptet er, sei er doch einst von Paul Zimmer erdacht worden. Rund 50.000 Dollar habe er bei seiner Vorstellung im Jahr 1984 gekostet, und er weiß, dass das eine Menge Kohle ist. Natürlich weiß er auch, dass für einen Pontiac Fiero GT, dessen Fahrgestell und Herz er trägt, Mitte der Achtzigerjahre vergleichsweise bescheidene 11.500 Dollar bezahlt werden mussten.

Doch darüber will er eigentlich nicht reden. Über seine profane Basis, die so gar nicht zu seinem repräsentativen Auftritt (und zum Neupreis) passen will. Nur ein 2,8-Liter-V6 in der Wagenmitte mit bescheidenen 142 PS anstelle eines V8. Platz wäre unter der gestreckten Haube doch genug gewesen. Vielleicht wäre vieles ja noch anders gekommen, wenn Paul Zimmer nicht 1988 Pleite gemacht hätte - und das, obwohl die Autosparte doch eigentlich profitabel gewesen sein soll.

Ab in den alten Elbtunnel

Leicht verstimmt peilt der Zimmer Quicksilver die Landungsbrücken an, biegt in die Einfahrt zum Alten Elbtunnel ab, wo er sich einen der vier Fahrkörbe schnappt, die ihn in eine Tiefe von fast 24 Metern bringen - bei der Eröffnung im Jahr 1911 eine technische Sensation. Er mag den engen, weiß gekachelten Tunnel. Weil sein Motor hier unten deutlich dumpfer klingt und er in der schmalen Fahrspur ein wenig größer aussieht als er es eigentlich ist.

Drüben auf der anderen Elbseite, im Hafengebiet Steinwerder, kommt der Zimmer Quicksilver zwischen Containern, Kränen und Lkw-Verkehr wieder ans Tageslicht. Ein paar Kilometer weiter schließlich die historische Großtankstelle Brandshof, wo er sich nach einer Ausfahrt am liebsten ausruht (www.tankstellebrandshof.de). Er schätzt es, dass Klassiker hier jederzeit willkommen sind. Raritäten wie er ganz besonders, weil sie hier so sein dürfen wie sie sind.

P. S. Die Redaktion dankt Jens Seltrecht von der "Garage 11" für die Ausfahrt im Zimmer Quicksilver. Der Preis für dieses Auto: 24.900 Euro. Weitere Infos: www.garage-11.de.

Zimmer Motorcars Corporation

1978 gründet Paul Zimmer die Zimmer Motorcars Corporation. Er und sein Sohn Bob hatten bei einem Abendessen die Idee, ein eigenes Automobil zu bauen - und Paul zeichnete seine Vorstellungen auf eine Serviette - es sollte sein erstes Modell, der Zimmer Golden Spirit, werden. Das Auto mit Elementen von Mercedes SSK und Duesenberg aus den 30er-Jahren entsteht auf Basis des Mercury Cougar, später des Ford Mustang. Rund 1.500 Exemplare werden gebaut. 1984 folgt dann der Quicksilver auf der Basis des Pontiac Fiero GT. In ihrer Hochphase Mitte der 80er beschäftigte die Zimmer Motorcars Corporation rund 175 Mitarbeiter und hatte einen Umsatz von 25 Millionen US-Dollar. 1988 stellt Paul Zimmer die Produktion ein und verkauft sämtliche Rechte. Seit 1997 wird der Golden Spirit wieder produziert (www.zimmermotorcars.com).

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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